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Vor seiner Performance im Theater im Park in Bad Oeynhausen spricht Dominic Raacke über das Projekt „Die Zeitreise“, den Lockdown und die Folgen

„Der Hunger nach Kultur ist groß“

Bad Oeynhausen

Die Reihe von Live-Streams aus dem Theater im Park geht an diesem Samstag mit einer Multimedia-Performance zu H. G. Wells Dystopie „Die Zeitmaschine“ weiter. Das Gesicht der Aufführung ist der Schauspieler Dominic Raacke.

Malte Samtenschnieder

Dominic Raacke gehört zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielern. Mit 120 Film- und Fernsehrollen zählt der 62-Jährige mittlerweile zu den Veteranen seines Fachs. Foto: Markus Tedeskino

Im Interview spricht der 62-Jährige über die Hintergründe des Projekts. Es folgt auf ein Konzert mit Abba-Liedern und eine Marlene-Dietrich-Lesung in den Vorwochen.

Sie präsentieren am Samstag, 27. Februar, die Multimedia-Performance „Die Zeitmaschine“ im Theater im Park in Bad Oeynhausen. Bei diesem Titel liegt die erste Frage nahezu auf der Hand: Was würden Sie tun, wenn Sie selbst eine eigene Zeitmaschine hätten? Ginge ihr erster Trip in die Zukunft oder in die Vergangenheit?

Dominic Raacke: Beide Richtungen sind reizvoll. Mal die Vorfahren besuchen, oder schauen, was die Enkel inzwischen so machen. Im selben Moment denke ich mir: Oh nein, bitte nicht. Das hält man wahrscheinlich gar nicht aus. Zu viele Eindrücke, zu viele Emotionen. Da wird man verrückt im Kopf. Es ist schon gut, wenn wir in unserer eigenen Zeit bleiben. Für Zeitreisen bleiben uns ja immer die Literatur, der Film und das Theater. Da wird der Geist eher angeregt, als in den Wahnsinn getrieben.

Ihr Programm wird coronabedingt als Live-Stream übertragen. Statt Publikum warten fünf Kameras für die Übertragung im Internet im Zuschauersaal des Theaters im Park auf Sie. Wie gehen Sie mit dieser besonderen Auftrittssituation um?

Raacke: Es ist ein Experiment. Was mir an der Konstellation gefällt, ist das Live-haftige. Unser Publikum und wir sind, wenn auch räumlich getrennt, so doch zeitlich beieinander. Die Zuschauer sehen nicht eine Konserve, sondern sind Samstagabend live dabei. Eine gemeinsame Zeitreise, wenn Sie so wollen. Das kennt man sonst nur von Sportveranstaltungen oder dem Neujahrskonzert. Es ist einmalig, und das wird auch für uns spürbar sein. Ich bin gespannt.

Für „Die Zeitmaschine“ stehen Sie gemeinsam mit Ihren Kollegen Stefan Weinzierl und Rocco Helmchen auf der Bühne. Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?

Raacke: Stefan hatte die Idee für ein Multimediaprojekt, bei dem Sprache, Musik und visuelle Effekte zusammenkommen. Ursprünglich war der Abend für Observatorien konzipiert. Aber dem Theater im Park gefiel das Konzept, und so werden wir in Bad Oeynhausen nun unsere Weltpremiere haben. H. G. Wells utopischer Roman ist ja eine Art Bericht. Der Zeitreisende erzählt den Mitgliedern seiner wissenschaftlichen Gesellschaft von der abenteuerlichen Reise, von der er gerade eben zurückgekehrt ist. Das passt also auch ganz gut in einen Theaterraum.

Wer ist im Verlauf des Abends auf der Bühne für was zuständig?

Raacke: Stefan Weinzierl und ich werden auf der Bühne zu sehen sein. Während ich lese, wird Stefan mich mit Vibrafon, Percussion und Live-Electronic begleiten. Und Rocco Helmchen, der sich die Bilderwelten zu dem Ganzen ausgedacht hat, wird von einem Mischpult aus die Bilder auf einer großen Leinwand steuern.

Grundlage für Ihre Performance ist der Roman „Die Zeitmaschine“ von H. G. Wells. Die Handlung spielt im Jahr 802.701. Wie gelingt es Ihnen, sich in diese extrem weit entfernte Zeit hinein zu fühlen?

Raacke: Es geht weniger darum, sich in die ferne Zukunft einzufühlen, sondern vielmehr darum, diesen Zeitreisenden zu spüren und zu verstehen. Er ist ein Besessener, der einzige Zeuge dieser wahnwitzigen Exkursion. Außer ein paar vertrockneten Blumen hat er keine Beweise seiner Zeitreise dabei. Er muss sein Publikum davon überzeugen, dass sein Bericht der Wahrheit entspricht. Das ist ein klassisches Motiv des Wissenschaftlers, eine Erfindung, eine Entdeckung anderen gegenüber zu verteidigen, eine These belegen, das Unvorstellbare, wahr werden lassen.

Könnten Sie sich vorstellen, in der von H. G. Wells skizzierten Welt zu leben?

Raacke: Auch wenn Wells Tausende von Jahren in die Zukunft reist, ist die Welt die er beschreibt, vor allem die Welt der Zeit, in der er sein Buch geschrieben hat, nämlich 1895. Das viktorianische England ist auf dem Höhepunkt der industriellen Revolution. Die Arbeit ist entfremdet geworden. Menschen arbeiten in Fabriken. Der Kapitalismus boomt. Gleichzeitig sind neue politische Ideologien auf dem Vormarsch. Darwinismus, Kommunismus, Klassenkampf – es brodelt in der Gesellschaft. Bei Wells sind die herrschende Klasse die verweichlichten Elois. Die Morlocks dagegen scheinen zunächst nur brutale, gefährliche Lemuren der Unterwelt zu sein. Aber es wird sich rausstellen, dass sie auf ihre Weise die Oberschicht beherrschen. Das ist das Schöne an Science-Fiction: Es baut futuristische Fantasien auf, ist aber gleichzeitig immer das Echo unserer Zeit. Gesellschaftliche Ungerechtigkeit, Leben auf Kosten von anderen, sind Themen, die auch für uns heute von Bedeutung sind. Vor allem jetzt, wo eine weltumspannende Pandemie neue Lebenskonzepte erfordert.

Für uns alle war es vor der Corona-Pandemie wohl unvorstellbar, dass ein Virus das gesamte kulturelle Leben in Deutschland für nunmehr schon fast ein Jahr – mit Lockerungen im vergangenen Sommer – lahmlegen könnte. Was ist aus Ihrer Sicht für einen „kulturellen Neustart“ notwendig?

Raacke: Wir wollen Stück für Stück das kulturelle Leben wieder in Gang bringen. So ein Live-Stream ist der Anfang. Es wird dann sicher bald auch wieder Publikum erlaubt sein. Die sogenannten Hygienekonzepte sind ja längst erarbeitet. Museen, Kinos, Theater sind gut vorbereitet, und der Hunger nach Kultur ist groß. Ich kann mir vorstellen, dass die Menschen, wenn sie denn wieder dürfen, die Kultur feiern und hochleben lassen werden. Kultur ist ein Lebensmittel.

Wie ordnen Sie das Live-Streaming der „Zeitmaschine“ aus dem Theater im Park in diesem Zusammenhang ein?

Raacke: Wie gesagt, es ist ein Anfang, die Theater wieder zu bespielen, und ein Signal von Städten und Regionen an die Zuschauer, dass es wieder losgeht. Und wer weiß, vielleicht entwickeln sich ja auch neue kreative Veranstaltungen, die eben auch unserer veränderten Welt Rechnung tragen.

Sie sind einem breiten Fernsehpublikum als langjähriger Kommissar des Berliner Tatorts bekannt. Was fasziniert Sie am Krimigenre?

Raacke: Ich finde, es gibt zu viele Krimiformate im Fernsehen. Das ist eine Monokultur, die mich auf Dauer langweilt. Aber beim Publikum sind Krimis beliebt. Wahrscheinlich, weil sie so überschaubar sind, weil am Ende das Gute siegt und weil man mitraten kann.

Es wird überliefert, dass Sie das Theater erst vor einigen Jahren für sich wieder entdeckt haben. Was reizt Sie mehr – auf der Bühne oder vor der Kamera zu stehen?

Raacke: Ich mag Film und Fernsehen, weil man in kurzer Zeit mit vielen kreativen Menschen aus ganz unterschiedlichen Gewerken an einem gemeinsamen Projekt arbeitet. Film ist ein magisches Medium. Es kann so viel gezaubert werden, fremde Welten, Monster, Katastrophen – alles ist herstellbar. Auch wenn der Zauber altert. Schauen Sie sich nur mal die Verfilmung der „Zeitmaschine“ von 1960 mit Rod Taylor als Zeitreisendem an. Als Kind hat mich das total beeindruckt. Heute muss man lachen über die Kulissen aus Pappmaché und die albernen Spezialeffekte. Die Bühne hat ihre eigene Magie. Man arbeitet anders, probt sechs Wochen lang, und jeder Abend entsteht neu. Da kann man dann noch Dinge verändern, ausprobieren, na ja, und dann der direkte Kontakt zum Publikum, das gibt es nur im Theater.

Beim Live-Stream aus dem Theater im Park müssen Sie nicht wählen. Dort haben Sie ja in gewisser Weise Beides. Doch Spaß beiseite: Worauf kann sich das Publikum am Samstag von Ihnen gefasst machen?

Raacke: Auf alles.

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