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Serie: „Zeit für eine halbe Stunde – Leben nebenan“

Der Plausch am Würstchenstand

Bad Oeynhausen (WB). Hier geht’s um die Wurst. Jeden Samstag am späten Vormittag aufs Neue. Doch das ist nicht alles. Ebenso wichtig ist der Klön, wenn vor der Fleischerei Timmerberg, seit inzwischen 15 Jahren zum Start ins Wochenende, der große Holzkohlegrill vor dem Laden steht. Die Drei hinter dem Grill, zum Teil ebenso lange, sind Diana Völker (51), Heinz Schomburg (66) und als Junior Daniel Köhler (19). Man trifft sich. Mehr als Mund-zu-Mund-Propaganda gibt es nicht.

Claus Brand

Sie sind in diesem Fall die Drei vom Grill: Diana Völker (51), Heinz Schomburg (66) und als Junior Daniel Köhler (19) sind als eingespieltes Team samstags im Einsatz. Foto: Claus Brand

Freudestrahlend strebt Margarete Lingemann auf das Trio zu, ergreift zur Begrüßung die Hand von Daniel Köhler. Auch wenn die Bad Oeynhausenerin, die unweit wohnt, nicht jeden Samstag kommt, ist ihre Wahl stets die gleiche: eine Bratwurst mit Senf. Eine groß andere Auswahl hätte sie freilich auch nicht. Die will hier auch niemand: Bratwurst, entweder mit Ketchup oder Senf. Klassisch. Margarete Lingemann gesteht: „Eine zweite Wurst kann es auch geben, meistens.“

Kunden und Verkäufer kennen sich häufig seit Jahren

Diana Völker, sie wohnt nur eine Straße weiter, ist Fleischerei-Fachverkäuferin bei Timmerberg, mittwochs und freitags, halbe Tage. Und samstags nimmt sie am Würstchen-Stand die Bestellungen an und macht die Kasse. Die beiden Männer an ihrer Seite kümmern sich darum, dass auf dem Grill nichts anbrennt. „Es gibt aber immer Leute, die können sie nicht schwarz genug kriegen“, erzählt Schomburg. Er ist inzwischen Rentner. Er mag sie lieber mittel. Zwei Stück jeden Samstag. Er hat viele Jahre als Fleischergeselle im Betrieb gearbeitet.

Die Aufgabenverteilung am Grill schmeckt nicht nur dem Trio, sondern offenbar auch den Kunden. Diana Völker begrüßt viele mit Namen. Schon wenn jemand um die Ecke kommt, weiß sie meist, wie die Bestellung aussieht: ein oder zwei Würstchen, ob zum „hier Essen“ oder „eingepackt zum Mitnehmen.“ Zwei Drittel der Kunden, die sich auch bereitwillig in einer Schlange anstellen, sind Stammkunden. „Es macht Spaß hier. Man kann reden, lachen“, sagt Diana Völker. „Das wollen die Leute auch. Ich bediene immer nett und freundlich.“ Auch für sie persönlich steht fest: Zwei Würsten werden gegessen, „eine bevor es voll wird, und eine zum Feierabend.“

„Ich kenne die Drei mit Namen“, sagt Pensionärin Margarete Lingemann. 38 Jahre hat sie in Herford als Diplom-Ökotrophologin gelebt und gearbeitet, ist vor einigen Jahren in ihre Heimatstadt („mein schönes Bad Oeynhausen“) zurückgekommen. Sie sagt: „Hier weiß ich, was mich erwartet, die Bratwurst, das Gespräch mit anderen Gästen, an den Stehtischen oder den Bierzelt-Garnituren. Auch wenn ich jemanden nicht kenne, finde ich schnell Kontakt. Jeder Mensch ist spannend.“ Sie ist überzeugt: „Hier taut der Ostwestfale auf. Hier ist das pulsierende Leben der Südstadt, die viele Geschäfte bietet. Hier kannst Du glücklich sein, weil Du noch ein soziales Auffangnetz hast.“ Ihre Familie hat viele Jahre ein Haushaltswarengeschäft an der Mindener Straße betrieben.

Bratwurststand ist Tradition im Tagesablauf

Zwei Damen im gleichen Outfit stellen ihr Fahrrad ab. Susanne Kirches (54) von der Lohe und Bianca Junge (46) aus Exter sind in der Süd- und Neustadt Zustellerinnen für die Post. Sie haben an diesem Tag alle Sendungen bereits zugestellt, um Viertel vor Eins, ungewöhnlich für einen Samstag. „Und jetzt freuen wir uns auf die Bratwurst“, sagt Bianca Junge, die regelmäßig hier Pause macht, „seit 15 Jahren.“ Ihre Kollegin ist zum ersten Mal dabei. Der Entschluss fiel spontan. „Wir haben uns getroffen, gesagt, wir haben noch Zeit: Komm wir gehen schnell eine Bratwurst essen“, berichtet Susanne Kirches. Hier komme man auch mit Postkunden ins Gespräch.

Das Ehepaar Inge (71) und Jörg Schmelter (73) aus Minden hat einen anderen Ablauf, alle zwei bis drei Wochen. „Erst geht es zum Wochenmarkt auf dem Wear-Valley-Platz, mit unserem Bäcker und unserem Knobi-Mann, den wir hier wieder gefunden haben. Unsere Käse-Frau ist auch dort“, sagt Inge Schmelter. Wenn das Paar nicht selbst grillt, gehört seit etwa zehn Jahren der Besuch am Würstchen-Stand immer mal wieder dazu. Die „nette Atmosphäre macht es aus“, erklärt Jörg Schmelter.

Axel Mowe (56) aus Vlotho ist mit seiner Mutter Ursula (87) gekommen, die in der Seniorenresidenz an der Weserstraße wohnt. Er sagt: „Meine Mutter lebt dort seit einem Jahr. Meine Schwester und ich besuchen sie täglich. Wir wechseln uns ab. Ich bin oft samstags dran. Wir freuen uns, hier in der Mittagspause ein Würstchen essen zu können.“ Das Essen in der Residenz sei toll, „aber wir pflegen gerne das Ritual, uns hierhin mit dem Rollstuhl auf den Weg zu machen.“ Seine Mutter freue sich, andere Leute zu sehen. „Hier ist ein bisschen Trubel. Das mag sie. Der erste Weg vom Pflegeheim führt hierhin.“

Zur Serie

In loser Folge will das WESTFALEN-BLATT im Rahmen der Serie „Zeit für eine halbe Stunde – Leben nebenan“ das facettenreiche Alltagsleben einfangen. Eine halbe Stunde lang werden dabei die unterschiedlichsten Situationen im Alltag der Menschen begleitet.

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