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Ahmad Ismail hat acht Jahre Chemie in Syrien unterrichtet – für zwei Jahre an der Realschule Süd

Deutsche Unterrichtsmethoden kennenlernen

Bad Oeynhausen (WB/ber). Schülerversuche im Chemieunterricht gab es bei Ahmad Ismail in seiner syrischen Heimat Aleppo kaum: In Klassen mit bis zu 45 Schülern war das nicht ohne weiteres möglich, und es fehlte in der Regel auch am notwendigen Material – spätestens nach Ausbruch des Krieges. Acht Jahre Unterrichtserfahrung bringt der 2015 aus seiner Heimat geflohene Syrer aber mit, und davon sollen jetzt auch deutsche Schüler profitieren. Ahmad Ismail wird zwei Jahre lang an der Realschule Süd in Bad Oeynhausen ausgebildet.

Ahmad Ismail (hier mit Schulleiterin Anja Sprengel) unterrichtet Chemie an der Realschule Süd. Foto: Andrea Berning

Der 37-Jährige, der mit Frau und Tochter in Herford lebt, nimmt an einem Programm namens ILF (Integration von Lehrkräften mit Flüchtlingshintergrund) teil, das in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld von der Bezirksregierung Detmold organisiert wird. Um die 600 Bewerber gab es. 24 wurden ausgewählt, um wie Ahmad Ismail für den Unterricht an deutschen Schulen vorbereitet zu werden.

Der Familienvater spricht Deutsch auf dem sehr guten Niveau C1 und hospitiert seit vergangenem Sommer im Chemieunterricht der Klassen 9 und 10. Im Mathematikunterricht der sechsten Klassen ist er im Einsatz, und seine Sprachkenntnisse – Kurdisch als Muttersprache sowie Arabisch – sind in den internationalen Klassen sehr willkommen, wo er Übersetzungshilfe leisten kann. „Auch bei Gesprächen mit Eltern ohne Deutschkenntnisse kann Herr Ismail sehr gut helfen“, sagt Schulleiterin Anja Sprengel, die sich um den Einsatz des Syrers an ihrer Schule beworben hat.

Lernen im Team-Teaching

Weil die Ganztagsschule eine gute Personalausstattung hat, kann der erfahrene Lehrer im sogenannten Team-Teaching deutsche Unterrichtsmethoden kennenlernen. Auch bei der Organisation von Versuchen im Chemieunterricht, so findet er, habe er noch Nachholbedarf. Fachlich und sprachlich aber fühlt sich Ismail gut vorbereitet. Und mit den Schülern komme er auch zurecht. In Syrien zeigten die Kinder mehr Respekt vor den Lehrern, hat der Neu-Herforder festgestellt. „Schwierige Schüler gibt es aber überall“, sagt Ismail. Er freut sich über die Hilfsbereitschaft im Kollegium und auch über die von Anja Sprengel, die ihr Engagement als „eine Bürgerpflicht“ betrachtet. Ein weiterer Teilnehmer des Projekts ILF unterrichtet an der Realschule Nord Englisch (diese Zeitung berichtete).

Allerdings blickt Ismail wie andere Projektteilnehmer mit Sorge in die Zukunft: Anders als die Lehrer in Deutschland ist er in Syrien nur in einem Unterrichtsfach ausgebildet worden. Er müsste ein zweites Fach studieren, um ohne Schwierigkeiten eine Lehrerstelle zu erhalten. Vielleicht gibt es bald andere Möglichkeiten, dauerhaft eingestellt zu werden. Dafür müssen die zuständigen Behörden Lösungen finden. Diese Unsicherheit nagt an dem jungen Lehrer.

Vor dem Programm ILF hat er ein Jahr lang den Kurs „Lehrkräfte Plus“ an der Universität Bielefeld absolviert, mit einem sechsmonatigen Sprachkurs und einem ebenso langen Praktikum, das Ismail am Herforder Königin-Mathilde-Gymnasium verbrachte. In Herford wohnt auch Ismails Bruder mit seiner Frau: „Um nicht so unter der Fremde zu leiden“, so Ismail, hätten sie beschlossen, möglichst nahe beieinander zu leben.

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