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Erste Online-Wahlkonferenz im Kreis Herford: Stefan Schwartze (SPD) bewirbt sich für erneute Kandidatur

Ein Malocher will wieder in den Bundestag

Herford (WB)

„Wisst ihr eigentlich noch, wie ein frisch gezapftes Herforder schmeckt?“ Als Stefan Schwartze diese rhetorische Frage stellt, geht ein Seufzen und Raunen durch den pandemiebedingt spärlich besetzten Sitzungssaal im Kreishaus und die daheim online versammelte Genossen-Schar.

Bernd Bexte

Der Vlothoer Stefan Schwartze (46) ist seit 2009 Bundestagsabgeordneter und hat bislang jedes Mal das Direktmandat gewonnen. Auch im September will er wieder antreten – wenn ihn seine Partei nominiert, was aber reine Formsache sein sollte. Foto: Noah Wedel/SPD

Corona nervt, auch die Sozialdemokraten. Erst im dritten Anlauf konnte am Samstag die Wahlkreiskonferenz zur Nominierung des Kandidaten im Wahlkreis Herford – Minden-Lübbecke II (Kreis Herford und Bad Oeynhausen) über die Bühne gehen. Und auch ein Ergebnis gibt es noch nicht. Die 144 Delegierten aus den Ortsvereinen werden in dieser Woche per Briefwahl abstimmen, das Ergebnis wird am nächsten Montag verkündet. Dass der SPD-Kandidat erneut Stefan Schwartze heißt, dürfte feststehen. Einen Gegenkandidaten gibt es nicht.

In seiner Bewerbungsrede stellt der SPD-Kreis- und Regionalvorsitzende die Pandemie in den Mittelpunkt. „Auch die letzten Liberalen müssten jetzt begriffen haben, dass es in dieser Situation einen starken Staat braucht – mit Blick auf die Langzeitfolgen umso mehr.“ Aber Schwartze rüffelt auch den Koalitionspartner, die Union: „Was Peter Altmaier bei der Soforthilfe abliefert, reicht nicht.“ Zudem brauche es mehr Tempo beim Impfen. „Ich freue mich schon darauf, wenn ich an der Reihe bin.“ Allerdings gebe es da das Terminchaos, „das hat NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zu verantworten“.

Ganz anders der Kreis Herford. Hier sei die Impfkampagne vorbildlich vorbereitet worden, maßgeblich vom Kreis. „Wenn es einen Landrat wie Jürgen Müller nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Von ihm kann sich Ankündigungsminister Jens Spahn noch einiges abgucken.“

Corona habe viele Menschen verunsichert, ja, sie bangten um ihre Existenz. „Im Kreis Herford war jeder zweite Betrieb im Bereich der IG Metall in Kurzarbeit.“ Für diese Menschen wolle er sich einsetzen. „Die Arbeitsplätze in der Industrie müssen erhalten bleiben. Nicht alle können als Hipster in Berlin rumsitzen und die 20. Dating-App erfinden.“

Mit dieser Bodenständigkeit kokettiert Schwartze gern: „Ihr kennt mich, ich bin ein klassischer Malocher. Ich habe keine Nebenjobs und will auch keine“, betont der gelernte Industriemechaniker. Folglich lehnt er auch den Neubau der viel diskutiertenICE-Trasse Bielefeld-Hannoverdurch die Region ab und spricht sich für die Ertüchtigung der bestehenden Strecke aus. Die Bahn müsse zurück in die Fläche, „ein eigenes S-Bahn-Netz auf der jetzigen Trasse zwischen Gütersloh und Minden mit zusätzlichen Haltepunkten“, schlägt er vor, um Pendler zum Umsteigen zu bewegen oder Studenten die Möglichkeit zu eröffnen, aus Kostengründen vom Heimatort aus zur Uni zu fahren. „Das ist besser für die Mobilitätswende und das Klima als wenn ein Investment-Banker zwischen Düsseldorf und Berlin im ICE ein paar Minuten einspart“, meint Schwartze mit Blick auf die Trassenpläne der Bahn.

​Als wegweisenden Klimaschutzbeitrag regt Schwartze an, ein Bundesprojekt zur Produktion von „grünem“ Wasserstoff als Energieträger nach OWL zu holen. Daran sollten sich Stadtwerke und Unternehmen beteiligen. „Die Wasserstoffstrategie des Bundes ermöglicht eine Finanzierung.“ Standort könne eventuell das Gaskraftwerk in Kirchlengern sein. „Auch wenn es nicht mehr am Netz ist, es gibt dafür eine Genehmigung und die lässt man nicht verfallen.“ In diesem Zusammenhang verweist Schwartze auf 40 Millionen Euro Fördergelder, die in der aktuellen Wahlperiode vom Bund in den Kreis geflossen seien.

Er wolle sich für weitere Projekte stark machen, sagt Schwartze und kündigt an: „Ab Montag ist Wahlkampf!“

Kommentar von Bernd Bexte

Während die SPD auf Bundesebene den Nimbus einer „Volkspartei“ verloren hat, scheint für die Genossen im Kreis Herford die Sonne. Seit der Kommunalwahl stellen sie sieben von neun Bürgermeister/innen, den Landrat und die stärkste Kreistagsfraktion. Was macht die SPD hier besser? Wer am Samstag bei der Wahlkonferenz zuhörte, konnte eine Ahnung bekommen: Bodenständig, uneitel, ohne gespreizte Gender-Debatten oder andere verquere Trendthemen abseits der Wählerbasis präsentierten sich Kandidat und Partei. Die Frage ist, was Schwartze nach einem Wahlerfolg noch bewirken könnte. „Eine erneute Groko will hier wohl niemand“, blickte er ins Rund. Laut Umfragen bliebe aktuell nur die Opposition. Und die ist, siehe Franz Müntefering, bekanntlich „Mist“.

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