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Bernd Marsch (60), Leiter der Wache Bad Oeynhausen, geht in Pension

Er würde wieder zur Polizei gehen

Bad Oeynhausen (WB). Bernd Marsch (60) geht. Ende Juni hat er nach fast zehn Jahren Dienstzeit als Leiter der Polizeiwache seinen letzten Diensttag. Claus Brand hat mit ihm gesprochen.

Fast zehn Jahre hat Bernd Marsch (60) die Polizeiwache Bad Oeynhausen an der Blücherstraße geleitet. Ende Juni geht er in Ruhestand. Kurz zuvor will er alle Mitarbeiter der Polizei zu einer Abschiedsfeier an seinem Wohnort Rödinghausen einladen. Foto: Claus Brand

Welche Erinnerung haben Sie an den 4. Mai 2009?

Bernd Marsch : Es war mein erster Tag hier. Ich habe mich gefreut, weil mein Wunsch in Erfüllung ging, diese Führungsposition übernehmen zu können. Ich habe Jahre drauf hingearbeitet. Von 2001 an habe ich die Wache Lübbecke ein Jahr geführt, in Vertretung eines Kollegen, der in Afghanistan war. Das hat mich geprägt.

Warum sind Sie Polizist geworden?

Marsch : Studieren wollte ich nach dem Abitur nicht. Ich habe auch überlegt, zur Bundeswehr zu gehen. Ein Freund meines Vaters war Einstellungsberater bei der Polizei. Die Karrierechancen waren damals gut. Nicht viele Abiturienten haben sich bei der Polizei beworben. Gereizt hat mich der Ansatz, im Team zu arbeiten, sich aufeinander verlassen zu müssen und zu können.

Würden Sie den Beruf heute wieder wählen?

Marsch : Ja. Es gibt wenige Berufe, die so abwechslungsreich sind, mit Schicksalen, die einem begegnen, die Freud und Leid bedeuten.

Was waren im Rückblick schwierige Momente?

Marsch : Das war in Bottrop, zu meiner Anfangszeit. Ich war als erster bei einer Kindstötung am Tatort. Ein Mädchen war ermordet worden. Das sind einschneidende Erlebnisse. Die vergisst man nicht. Die Bilder sind nicht ständig da. Aber wenn ich heute von einem ähnlichen Fall in der Zeitung lese, sind sie präsent.

Dienstaufsichtsbeschwerden sind bei der Bearbeitung immer schwer. Oft sind es aber Retourkutschen gegenüber Beamten. Ist das so, merkt man das schnell.

Was war ein besonderer Erfolgsmoment?

Marsch : Ich konnte vor 20 Jahren direkt nach einem brutalen Raubüberfall auf einen Gastwirt in Minden den Täter festnehmen, 300 Meter vom Tatort entfernt. Der Gastwirt wurde misshandelt und mit einer Waffe bedroht.

Erst vor ein paar Tagen hat sich ein älterer Herr nach einem Unfall bedankt, für die Fürsorglichkeit der Kollegen, dass er und seine Frau bei diesem einschneidenden Erlebnis von zwei Beamten der Wache gut betreut worden sind.

2009 haben Sie gesagt: »Vom Gießkannenprinzip bei der Polizeipräsenz müssen wir abrücken. Wir müssen sie dort zeigen, wo der Schuh drückt. Sicherheit ist ein Stück Lebensqualität für jeden Bürger.« Hat das so funktioniert?

Marsch : Wir müssen uns auf Dinge konzentrieren, zielgerichtet arbeiten. Sonst verzetteln wir uns. Wir haben leider nicht unendliche Ressourcen. In der Praxis heißt das zum Beispiel: sich um einen Unfallschwerpunkt kümmern, oder um Wohnungseinbrüche, wenn deren Zahl offensichtlich gestiegen ist, und das alles neben allen Routinearbeiten, der Abarbeitung von Einsätzen.

Wie sehen Sie die Tatsache, dass die Polizeiwache hier nachts nicht mehr besetzt ist?

Marsch : Ich hätte mir gewünscht, dass sie mit einem Wachhabenden besetzt bleibt. Es ist eine Serviceeinschränkung für den Bürger. Die Einsparung des Wachhabenden zur Nachtzeit hat aber nicht die Außenwirkung, als wenn wir an Kräften auf der Straße sparen würden. Man muss dann das kleinere Übel in Kauf nehmen, wenn man nicht genug Personal hat. Zur Nachtzeit eine Funkstreife abzuziehen, wäre keine Alternative. Ich bin guter Dinge, dass wir mit Blick auf die Einstellungspolitik in personell besseres Fahrwasser kommen.

Wie sehen Sie die inzwischen geschlossene City-Wache im City-Center im Rückblick?

Marsch : Die Idee war gut. Man muss aber sagen, dass die Sache aus Sicht unserer Beamten nicht angenommen wurde. Der Bürger kam weiter hier zur Wache. Die Bezirksbeamten waren dort vor Ort und haben gewartet. Das kann es nicht sein. Da war einfach nichts zu tun.

Wie sehen Sie die gesetzgeberischen Pläne der Landesregierung in Sachen Polizei?

Marsch : Es geht um die Verbesserung der Gefahrenabwehr. Ob gewünschte Effekte eintreten, wird erst die Praxis zeigen. Generell finde ich gut, dass die Polizei, die Innere Sicherheit, wieder beim Bürger im Gespräch ist. Das drückt auch Wertschätzung aus. Innere Sicherheit ist auch ein Wirtschaftsfaktor, damit sich Unternehmertun ungestört entfalten kann. Bei uns gibt es keine mafiösen Strukturen wie in anderen Ländern. Das ist unschätzbar viel wert.

Wie wird sich Polizeiarbeit im nächsten Jahrzehnt ändern?

Marsch : Die klassische Polizeiarbeit bleibt, wie sie ist. Die Digitalisierung wird fortschreiten. Es wird Delikte geben, die wir heute so noch gar nicht kennen. Ich hoffe, der Respekt gegenüber meinen Kollegen wird wachsen. Das gilt auch für Rettungsdienste oder die Feuerwehr, deren Mitarbeiter mitunter angegangen oder gar angefeindet werden.

Wie muss man mit Gaffern umgehen?

Marsch : Wenn nötig, muss man einen Platzverweis aussprechen. Wird der nicht befolgt, muss man ihn durchsetzen. Problematisch wird es, wenn Gaffer Einsatzkräfte behindern. Sofort konsequent zu unterbinden ist, wenn jemand versucht, sich Zugang zum Einsatzbereich zu verschaffen, um dort beispielsweise zu filmen.

Worauf freuen Sie sich im neuen Lebensabschnitt?

Marsch : Ich freue mich auf mehr Freizeit. Ich bin aber nicht der Typ, der sich wer weiß wie im vornherein Gedanken macht. Da bin ich entspannt. Mir wird die Decke nicht auf den Kopf fallen.

Wer wird ihr Nachfolger?

Marsch : Die Stelle musste landesweit ausgeschrieben werden. Die Entscheidung wird wohl im Juli fallen.

Zur Person

Bernd Marsch hat zwei Söhne, Oliver (22) und Daniel (25). Der jüngere Sohn ist als Altenpfleger tätig, der ältere als Elektrotechnik-Ingenieur. Mit seiner Frau Silke (49) lebt er in Rödinghausen. Sie arbeitet für die Initiative Wirtschaftsstandort Kreis Herford. Bernd Marsch ist Erster Polizei-Haupt-Kommissar und auf der Wache Chef von 36 Kollegen, darunter drei Frauen. Er ist seit 41 Jahren im Dienst.

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Mein liebster TV-Kollege...

… ist Kurt Wallander, ein ganz normaler Mensch mit Stärken und Schwächen.

Mein höchstes Verwarnungsgeld...

… waren im Vorjahr 20 Euro. An der Ostsee bin ich auf einer Landstraße zu schnell gefahren. Gut 80 statt der erlaubten 70 Stundenkilometer.

Falsch parken...

… kann schon mal passieren, auch mir.

Als Rödinghausener mag ich an Bad Oeynhausen...

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