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Bohmter Rentnerin verschwand 1999 nach Friedhofsbesuch spurlos – Polizei geht von Gewaltverbrechen aus

Ermittler rollen Fall Aenne Koch neu auf

Bohmte/Stemwede

Es war ein mysteriöser Kriminalfall im nahen Bohmte, der 1999 auch im benachbarten Stemwede hohe Wellen schlug.

Dieter Wehbrink

Aenne Koch aus Bohmte verschwand 1999 unter mysteriösen Umständen. Die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus. Jetzt wird der Fall neu aufgerollt. Foto: Polizei

Fast täglich berichtete auch diese Zeitung damals über einen längeren Zeitraum darüber. Am 21. Mai 1999 verschwand bei einem Friedhofsbesuch in Bohmte-Leckermühle die damals 71-jährige Aenne Koch. Die Rentnerin, Mutter von vier Kindern und Großmutter, wollte offenbar – wie so oft – das Grab ihres 1992 verstorbenen Mannes pflegen. Ihr Auto, ein Opel-Corsa, stand am nächsten Tag unverschlossen auf dem Friedhofsparkplatz. Gefunden wurde ein Schlüssel und – sehr zur Beunruhigung der Polizei – eine kreisrunde Blutlache. Solche Flecken entstehen laut Kriminaltechniker, wenn ein Mensch verletzt auf dem Boden liegt. Wenig später stellte sich heraus, dass das Blut tatsächlich von Aenne Koch stammte.

Also ein Gewaltverbrechen, ein Tötungsdelikt, das man schnell aufklären würde? Diese Hoffnung zerschlug sich damals von Woche zu Woche immer mehr. Sämtliche Ermittlungen, alle öffentlichen Zeugenaufrufe und mehr als 150 Hinweise aus der Bevölkerung liefen ins Leere. Das Schlimmste für die Angehörigen: Bis heute fehlt von Aenne Koch – sie müsste heute 93 Jahre alt sein – jede Spur. Großangelegte Suchaktionen, zuerst mit Hundestaffeln und Polizeihubschrauber, dann auch mit Leichenspürhunden und Tauchern am nahe gelegenen Mittellandkanal, blieben erfolglos.

Der Opel Corsa der Rentnerin wurde unverschlossen auf dem Friedhofsparkplatz vorgefunden. Foto: Polizei

Schließlich wurde die Suche eingestellt und das wahrscheinliche Verbrechen bis heute nicht aufgeklärt. Doch jetzt wird der Fall wieder als so genannter „Cold Case“ aufgerollt. Eine neue Generation von Polizisten kommt hier zum Einsatz.

Mit solchen ungeklärten Vorfällen beschäftigt sich die Polizeiakademie Niedersachsen in Nienburg ( https://www.pa.polizei-nds.de ). In einem deutschlandweit einmaligen Wahlpflichtkurs „Cold Case“ arbeiten Studierende solche mysteriösen Fälle noch einmal auf. Neben dem Effekt der erneuten Untersuchung des Falls Aenne Koch werden die Teilnehmer im Unterricht besonders für die Analyse solcher ungelösten Vorfälle sensibilisiert.

Die angehenden Kripo-Beamten arbeiten im Fall der Bohmter Vermissten eng mit Kriminalhauptkommissar Guido Schiotka von der Polizei Osnabrück zusammen. 20 Jahre alte Spurenakten werden erneut durchforstet, erste kleine Ansatzpunkte und Hinweise gab es schon, doch noch blieb der Durchbruch aus.

Thema in Fernsehsendung

Das Osnabrücker/Nienburger Ermittlerteam hofft weiterhin auf Mithilfe aus der Bevölkerung. „Es ist nach wie vor nur schwer vorstellbar, dass damals niemand etwas gesehen hat. Wir hoffen auf Zeugenaussagen von Menschen, die sich bisher nicht gemeldet haben“, sagte Guido Schiotka erst kürzlich in der ZDF-Fernsehsendung „Hallo Deutschland“. Hoffnung macht den Akteuren unter anderem der lange zeitliche Abstand zur Tat. Fast 22 Jahre nach dem Verschwinden von Aenne Koch könnten sich vielleicht Zeugen melden, „die heute niemanden mehr schützen müssen“.

Auffällig an Aenne Koch war, dass ihr aufgrund einer Krebserkrankung eine Ohrmuschel fehlte. Sie hatte von ihrem Wohnhaus nur zwei Kilometer bis zum Friedhof zurückzulegen. Ihr Sohn vermisste seine Mutter einen Tag später. Er fand den Corsa auf dem Friedhofsparkplatz und rief die Polizei. Im Fahrzeuginneren befanden sich Blumen, Gartengeräte und die Brille von Aenne Koch. Am Auto war außen eine Gartenharke angelehnt, das Grab des Mannes aber unberührt. Die Polizei schließt ein freiwilliges Verschwinden oder einen Selbstmord aus.

Der Friedhof hat eine direkte Verbindung zur vielbefahrenen B 218. In Höhe des Friedhofs gibt es eine Haltebucht auf der Bundesstraße, in der oft Lastwagenfahrer Pausen einlegen.

Das neue Ermittlerteam hofft auch auf den Ehering, den Aenne Koch trug. Er hatte die Gravur „Wilhelm 31.8.1952“. Ist dieser Ring bei einem Goldhändler oder einem Pfandhaus aufgetaucht?

Zeugenhinweise zum Fall Aenne Koch nimmt die Polizei in Osnabrück unter Telefon 0541/3272115 oder in Bohmte unter Telefon 05471/971122 entgegen.

Auch in OWL gibt es viele ungeklärte Fälle, oft auch Mordfälle.

Serienmörder auf der Flucht

Etwa zeitgleich mit dem Fall Aenne Koch sorgte 1999 ein Schwerverbrecher wegen seiner mehrmonatigen Flucht aus der Haft für Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Dieter Z. hatte zwei Monate vor dem Verschwinden von Aenne Koch in Remagen vier ältere Menschen getötet. Auch diese Zeitung berichtete über die Flucht, weil vermutet wurde, dass er sich im Raum Stemwede/Bohmte aufhielt. Zeugen wollten ihn am Mittellandkanal gesehen haben. Dieter Z. wurde im August 1999 in Greifswald festgenommen. Ein Zusammenhang mit Aenne Koch konnte nicht festgestellt werden.

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