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»Poetische Quellen«: Lebhafte Diskussion bei »Sonntagsgespräch« auf der Aqua Magica

»Europäische Union hat nicht ausgedient«

Bad Oeynhausen/Löhne (WB).  Über ihre Haltung zu Europa ist Moderator Jürgen Keimer beim »Sonntagsgespräch« der 18. »Poetischen Quellen« mit den Podiumsgästen Janne Teller, Géraldine Schwarz und Thomas Schmid ins Gespräch gekommen. Mit einem überraschenden Fazit: Alle Diskutanten gehen davon aus, dass die Europäische Union gestärkt aus den aktuellen Krisen hervorgehen wird.

Malte Samtenschnieder

Über die Frage »Wie halten wir es mit Europa?« haben Jürgen Keimer, Janne Teller, Géraldine Schwarz und Thomas Schmid am Sonntag bei den »Poetischen Quellen« diskutiert. Foto: Malte Samtenschnieder

»Wer von außen – etwa aus den USA – drauf schaut, macht meist keinen Unterschied zwischen ›Europa‹ und der ›Europäischen Union‹«, sagte die dänische Schriftstellerin Janne Teller. Vom oft von den Betroffenen als kompliziert empfundenen Binnenverhältnis innerhalb der EU hätten Außenstehende keine Ahnung.

Von einer innereuropäischen Annäherung wusste die deutsch-französische Journalistin Géraldine Schwarz zu berichten: »Ich stelle fest, dass sich viele Franzosen seit etwa zehn Jahren deutlich mehr für die Deutschen interessieren als zuvor. Sie glauben, dass die Demokratie in Deutschland stärker verankert ist.«

Wandel zum Guten und zum Schlechten

Einen Wandel sowohl zum Guten als auch zum Schlechten hat der Journalist Thomas Schmid in der jüngsten Vergangenheit auf dem europäischen Kontinent beobachtet: »Die Annexion der Krim durch Russland und dessen kriegerischen Auseinandersetzungen mit der Ukraine interessieren leider immer weniger Menschen. Es setzt sich aber erfreulicherweise die Erkenntnis durch, dass der Brexit nicht die Eingangsmelodie für das Zerbröckeln der EU ist.«

Große Hoffnung auf dem Weg zu einem Neubeginn innerhalb der Europäischen Union setzen alle Podiumsgäste in Ursula von der Leyen in ihrer Rolle als künftige EU-Kommissionspräsidentin. »Ich traue ihr zu, dass sie sich mehr mit Osteuropa beschäftigen wird«, meinte Géraldine Schwarz. Von vielen Polen werde zum Beispiel kritisch gesehen, dass immer nur die deutsch-französische Freundschaft als zentrale Keimzelle der EU im Mittelpunkt stehe.

»Ich finde es generell gut, dass in Zukunft Frauen an der Spitze der EU-Kommission und der europäischen Zentralbank stehen werden«, sagte Janne Teller. Immerhin machten Frauen rund die Hälfte der Bevölkerung aus. Dass mit Ursula von der Leyen jemand zum Zuge kommt, der nicht bei der Europawahl als Spitzenkandidatin nominiert war, geht für Thomas Schmid klar: Das Spitzenkandidaten-System sei bei der Europawahl zuvor sowieso nur eingeführt worden, um Machtansprüche von Jean-Claude Juncker und Martin Schulz zu sichern.

Widerstand gegen Rechtspopulisten

Warum vielerorts Rechtspopulisten einen großen Zulauf erleben, machte Géraldine Schwarz an ihren Erfahrungen bei Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm in den neuen Bundesländern fest. »Die Menschen dort haben den Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus nie verarbeitet«, sagte die Journalistin. Viele sympathisierten deshalb mit der AfD. Dass Vergangenheitsbewältigung generell ein schwieriges Thema ist, sagte Thomas Schmid. »Auch nach dem Holocaust hat es lange gedauert, bis die Menschen in der Bundesrepublik darüber sprechen konnten«, betonte der Journalist.

Für Länder wie Polen und Ungarn, die über Jahrhunderte nie richtig eigenständig gewesen seien, sei es bis heute etwas Besonderes, einen Teil ihrer Souveränität abzugeben, um ein Teil der EU zu sein. Daraus zögen Populisten einen Teil ihrer Kraft, meinte Thomas Schmid. »Ich sehe es als eine wichtige Aufgabe der EU, Bürger gegen Populisten zu verteidigen, die sie manipulieren wollen«, konterte Géraldine Schwarz. Eine Bemerkung, für die die Journalistin Beifall von den Zuhörern erhielt.

Schließlich widmeten sich die Diskutanten der nach wie vor ungelösten Flüchtlingsfrage. »Wenn Deutschland 2015 nicht die Grenzen geöffnet hätte, wäre die Lage in Ungarn eskaliert«, sagte Thomas Schmid. Der folgende bürokratische Ansatz, die Flüchtlinge nach einem festgelegten Schlüssel auf die EU-Staaten zu verteilen, gehe aber an der Realität vorbei. Es sei besser, wenn Länder, die helfen könnten und wollten, dies freiwillig täten. Wer selbst keine Flüchtlinge aufnehmen wolle, müsse aber einen finanziellen Beitrag zu den Gesamtkosten leisten.

Nach Einschätzung der Podiumsgäste werden Nationalstaaten, die zumeist recht künstliche Gebilde seien, in Zukunft an Bedeutung verlieren. Um ein Auseinanderdriften einzelner Regionen zu verhindern, sei eine » elastische EU« trotz aller bekannten Probleme und Schwierigkeiten ein Erfolgsmodell für die Zukunft.

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