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Literaturfest »Wege durch das Land« überzeugt im Theater im Park

Kunst als Seismograph der Gesellschaft

Bad Oeynhausen (WB). Das Programm anspruchsvoll, die Interpreten namhafte Größen des deutschen Theaters und der musikalische Rahmen ein exzellent dem Thema verbundener Genuss: Die lange im Voraus ausverkaufte Veranstaltung unter dem Titel »Die Sprache des Regens« hat das Publikum überzeugt.

Gabriela Peschke

»Die Sprache des Regens«: Diese Veranstaltung im Theater im Park haben (von links) die Schauspieler Benno Fürmann und Anna Grisebach sowie Aroa Sorin, Ulrich Isfort, Annette Reisinger (alle Minguett Quartett) und Matthias Diener (rechts) sowie der Dramaturg Roland Schimmelpfennig am Pfingstmontag gemeinsam gestaltet. Dem Publikum hat es gefallen. Foto: Gabriela Peschke

»Kunst ist eigentlich nicht zum Vergnügen da«

»Kunst ist eigentlich nicht zum Vergnügen da. Sie ist der Seismograph der Gesellschaft«, fasste Besucherin Sylke Scharding-Wehage ihren Eindruck von der Kultur-Veranstaltung zusammen, die am Pfingstmontag im Rahmen des 19. Literatur- und Musikfestes »Wege durch das Land« in Bad Oeynhausen Station gemacht hat.

»Mut und Widerstand«

Unter dem Dachthema »Mut und Widerstand« widmet sich die Eventreihe in diesem Jahr schwerpunktmäßig der Mission der Kunst, gesellschaftliche Schieflagen, Unrecht und Unterdrückung zu thematisieren. In diesen Kontext hatten die künstlerische Leiterin des Festivals, Helene Grass, und der leitende Dramaturg Albrecht Simons von Bockum Dolffs die Veranstaltung im Theater im Park eingewoben. So präsentierten sie zunächst den meistgespielten deutschen Dramatiker der Gegenwart, Roland Schimmelpfennig, der aus seinem im Vorjahr erschienenen zweiten Roman vorlas: »Die Sprache des Regens«. Der Autor beschreibt ein namenloses Kleinstadtszenario, in dem die Schicksale der Protagonisten auf tragische Weise miteinander verknüpft sind, was sich jedoch erst in der Retrospektive erschließt. Roland Schimmelpfennig las die knöchernen Fragmente aus seinem Roman in einer Sprache, die dörr und monoton wirkte angesichts der fiebrigen Dramatik der Handlung. Auf einer anderen Wahrnehmungs- und Erzählebene hat »Die Sprache des Regens« aber zugleich eine schmeichelnde, märchenhafte Nuance, einen poetischen Reichtum. Denn wenn die Elemente in Schimmelpfennigs Roman zu reden beginnen, erscheint das wie ein Aufbäumen gegen die Absurditäten des Alltags.

Vor 70 Jahren uraufgeführt

Das Absurde aufzeigen und mit bestehenden Formen brechen, um Neues hervorzubringen, um diese Mission kreiste auch das zweite große Werk des Abends: »Die kahle Sängerin«, das vor knapp 70 Jahren uraufgeführte Theaterstück des französisch-rumänischen Schriftstellers Eugène Ionesco. Die Schauspieler Anna Grisebach und Benno Fürmann gaben den gedankenlos-banalen Dialogen der Protagonisten aus diesem Stück eine so herrlich-komische Färbung, dass das Publikum des öfteren laut lachte. Dabei war die eigentliche Intention des absurden Theaters, die orientierungslose Nachkriegsgesellschaft und ihre groteske »Sprachlosigkeit« zu karikieren. »Emotional ›leere‹, gefühllose Leute haben auch eine hohle Sprache«, erläuterte Helene Grass die ad absurdum geführten Dialoge dieses Werks.

Musikalisch neue Formensprache

Auch musikalisch ging es an diesem Abend im Theater im Park um eine neue Formensprache: zum Beispiel mit Antonin Dvoraks Streichquartett Opus 96, dem »Amerikanischen«, das er 1893 in den USA komponiert hat. Oder mit dem als »Fragment« betitelten Werk des zeitgenössischen Komponisten Peter Ruzicka, das durch seinen experimentellen Charakter musikalisch neue Akzente setzt. Das virtuose Minguet Quartett überzeugte schließlich durch eine große musikalische Intensität und bot einen spannungsreichen Gegenpol zu den anspruchsvollen Lesungen.

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