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Markus Gabriel spricht auf der Aqua Magica über die Folgen der Corona-Pandemie

„Man kann nicht nur online lernen“

Bad Oeynhausen/Löhne (WB). Markus Gabriel gilt als einer der wichtigsten deutschen Philosophen der Gegenwart. Am Sonntag, 30. August, um 11.30 Uhr ist der 40-Jährige beim Sonntagsgespräch im Rahmen der Sonderausgabe der 19. Poetischen Quellen auf der Aqua Magica der Städte Bad Oeynhausen und Löhne zu Gast. Zuvor stellt er sich im Interview den Fragen von Redakteur Malte Samtenschnieder.

„Ich sehe die gesamte Corona-Krise primär durch die Augen meiner Kinder“, sagt Markus Gabriel. Der Philosoph lehrt an der Uni Bonn. In wenigen Tagen ist er beim Sonntagsgespräch im Rahmen der Sonderausgabe der 19. Poetischen Quellen auf der Aqua Magica zu Gast. Foto: Jakob Weber

Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“. Welcher moralische Fortschritt kann aus der Corona-Krise erwachsen?

Markus Gabriel: Eine ganze Menge. Ich lese gerade ein Buch, das Klaus Schwab, Initiator des Weltwirtschaftsforums in Davos, unter dem Eindruck der Corona-Krise geschrieben hat. Ein zentrales Stichwort darin ist „nature-positive economy“. Das ist eine radikalisierte Fassung des nachhaltigen Wirtschaftens. Das Konzept beruht darauf, dass nur moralisch fortschrittliche Unternehmenskulturen, die sich der Klimakatas­trophe realistisch stellen und Formate wie regionalen Tourismus weiterentwickeln und biologische Landwirtschaft ernstnehmen, uns wirtschaftlich wieder auf die Beine helfen können. Das Virus ist dabei nicht nur ein Warnschuss der Natur, sondern der entscheidende Sand im Getriebe einer falsch verstandenen Wirtschaftsordnung. Das führt zu Veränderungen. Es ergibt sich letztlich ein menschenwürdigeres Leben für möglichst viele Menschen auf unserem Planeten. Und das bedeutet am Ende damit auch viele moralische Fortschritte.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von einem „neuen moralischen Realismus“...

Gabriel: Das ist richtig. Ich werde immer nervös, wenn ich vom „Kampf gegen die Krise“ höre. Wir sollten nämlich nicht glauben, dass jetzt jeder seinen eigenen Kampf durchfechtet. Wir müssen vielmehr eine gemeinsame Wirklichkeit entdecken. Auch scheinbar progressive Politik scheitert, wenn sie meint, sie befinde sich in einem Kampf gegen irgendeine Gruppe von Menschen. Wer glaubt, er sei im Kampf gegen irgendwen, denkt schon unmoralisch.

Sie warnen vor einer „digitalen Verzerrung des menschlichen Geistes“. Was kann man dagegen tun?

Gabriel: Zunächst einmal müssen wir lernen, dass es Unterschiede bei der Wahrnehmung einer Situation gibt. Beispielsweise, wenn man Internet verwendet. Man schaut morgens auf Google etwas nach, begibt sich dann in soziale Medien und konsultiert seine Lieblingsnachrichtenportale, denen man aus irgendwelchen Gründen traut. Und dann schaut man sich vielleicht noch irgend etwas in irgendeiner Mediathek an. Wer dieses Verhalten hat, um Nachrichten zu konsumieren, beispielsweise im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, wird innerhalb der ersten zehn, 20 Minuten eines solchen Suchverhaltens auf eine riesige Welle von Fake News getroffen sein.

Was hat das zur Folge?

Gabriel: Diese Fake News werden bestimmte Gefühle in den Konsumenten auslösen. Meistens Angst, weil die Suchmaschinen so gebaut sind, dass sie Sorgen erregen, weil man nur dann weiter sucht. Das kennt jeder, der glaubt, er habe eine Krankheit, und versucht, sich online darüber zu informieren. Die Systeme halten uns online, indem sie unsere Emotionen und Affekte stimulieren und manipulieren. Das führt dazu, dass wir den Kontakt mit der natürlichen, nicht gefilterten Wirklichkeit verlieren. Wir geraten immer mehr auf Abstand zu dem, was tatsächlich geschieht und glauben einer einseitig verzerrten, auf unsere Gefühle zugeschnittenen Berichterstattung, die jede Form von Neutralität und kritischem Journalismus längst hinter sich gelassen hat. Das durchschauen viele Menschen nicht. Und zunehmend werden es mehr. Dieser Trend ist ein Brandbeschleuniger für den Untergang der liberalen Demokratien.

Sie vertreten die These, dass die Weltordnung vor Corona nicht normal, sondern letal war. Heißt das, die Auseinandersetzung mit der Corona-Krise und ihren Folgen bewahrt uns vor dem Schlimmsten?

Gabriel: Das könnte genau so sein. Wir befinden uns seit der französischen Revolution vor 200 Jahren in der Moderne und das mit allen ihren negativen Folgen: Napoleon, totalitäre Kriege, Entkopplung von Naturwissenschaft und Technik von der Moral. Seit das stattfindet, verschärft durch verschiedene Wellen der Indus­trialisierung, ist die Menschheit dabei, sich vollständig zu zerstören. Wir sehen gerade die Selbstausrottung der Menschheit, die es noch nie so gab.

Können Sie das konkreter beschreiben?

Gabriel: Wir sind das erste Tier, das systematisch alles daran setzt, dass es nicht weiter existieren kann. Das meine ich mit: Unsere Ordnung war letal. Jetzt ist der Warnschuss da. Wir stolpern. Doch das ist nur der Übungsplatz sehr viel größerer Krisen. Durch den Raubbau an der Natur werden weitere Pandemien wie Corona über uns kommen. Die Taktung wird immer enger. Immer schneller werden tödliche Viren über uns hereinbrechen durch unseren Raubbau an der Natur.

Das ist ein sehr düsteres Bild von der Zukunft...

Gabriel: Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Hinzu kommt die Zerstörung der liberalen Demokratie durch die unkontrollierte Digitalisierung. Und dann noch das größte Risiko: die komplette Umweltzerstörung – und damit die Selbsthinrichtung des Menschen. Dieser Prozess ist der gefährlichste Prozess, den es jemals gegeben hat. Das darf man nicht unterschätzen. Wir waren noch niemals in einer so gefährlichen Lage. Atomkrieg war schlimm. Das hier ist aber noch schlimmer. Noch können wir das umdrehen. Die Natur lässt sich reparieren, wenn wir nur einsehen, welche Räder in diesem Prozess falsch gestellt sind.

Können Sie Beispiele benennen?

Gabriel: Dazu gehört etwa der Gedanke, dass wir alle Probleme durch noch mehr Technik lösen können. Es ist aber ein Irrglaube, wir könnten die Klimakrise lösen, indem wir zum Beispiel den Flugverkehr wegdigitalisieren. Ich habe jüngst in einer Studie gelesen, dass die Digitalisierungsindustrie mehr Energie verbraucht als die gesamte Luftfahrt. Es wäre also ökologischer gewesen, das Internet nicht zu haben und dafür zu fliegen. Das muss man sich klar machen. Wir brauchen weitreichendere Maßnahmen. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Natur wieder blüht. Kurzum: Wir brauchen regenerative Strategien.

Sie haben zwei Töchter. Wie erklären Sie kindgerecht die Corona-Krise und ihre Auswirkungen?

Gabriel: Ich sehe die gesamte Corona-Krise primär durch die Augen meiner Kinder. Meine fünfjährige Tochter, ein großer Fan von Angela Merkel, der Chefin von Deutschland, wie sie sagt, fragte mich jüngst: „Warum dürfen Kinder eigentlich nicht wählen?“ Ja, warum eigentlich nicht? Ein durchdachtes Kinderwahlrecht scheint mir eine gute Maßnahme zu sein, wenn sie beinhaltet, dass man Kindern etwa erläutert, welche Partei welche Maßnahmen vorschlägt und welche Auswirkungen diese auf ihre Kinderwelt haben. Und das auch losgelöst von Corona.

Heißt das, Kinder kommen oft zu kurz?

Gabriel: Mit fällt in diesem Zusammenhang ein schönes Beispiel für moralischen Fortschritt mitten in der Pandemie ein. Noch vor einigen Wochen gab es die Frage, wann endlich die Kitas wieder öffnen. Jetzt ist es andersherum. Jetzt sagt zum Beispiel der Bundesgesundheitsminister, das Allerletzte, was wir wieder schließen werden, sind Kitas und Schulen. Die kommen jetzt an erster Stelle, ein Fall moralischer Einsicht.

Das war jetzt ein positives Beispiel. Gibt es auch Bereiche, in denen Kinder weiter benachteiligt werden?

Gabriel: Wir haben generell eine hohe Sensibilität für Altersdiskriminierung gegenüber älteren Menschen. Wir haben aber eine viel geringere Sensibilität für eine Altersdiskriminierung gegenüber jüngeren Menschen. Denen trauen wir oft gar keine Stimme zu. Es gilt ja zum Beispiel auch als Beleidigung, dass jemand „infantil“ sei. Das ist aus meiner Sicht sehr schade. Denn Kind zu sein, darf kein Vorwurf sein. Das sind moralische Lücken in unserem System, gegen die wir etwas tun können.

Sie lehren Philosophie an der Universität Bonn. Welche Rolle spielt die Corona-Krise im Universitätsalltag? Wie wirkt sie sich auf die Interaktion zwischen Ihnen und Ihren Studenten aus?

Gabriel: Ich habe meine Lehrveranstaltungen trotz Corona alle als Präsenzform abgehalten. Wer kommen wollte, konnte kommen, alle anderen bekamen ein anderes Digitalprodukt von mir angeboten. Ich habe dabei ein von der Uni geprüftes und genehmigtes Hygienekonzept angewandt. Konkret: in einem Festzelt im Innenhof meines Forschungszentrums. Ich habe also draußen gelehrt, an frischer Luft, mit zwei Metern Abstand, mit Desinfektionsmittel an jedem Tisch und mit reduzierter Anzahl an Teilnehmern, die in zwei Gruppen gekommen sind.

Das hört sich nicht nach einer Krise, sondern nach fast paradiesischen Zuständen an...

Gabriel: In der Tat. Wir hatten zeitweise eine Relation von drei Professoren zu zehn Studierenden. Ich konnte damit bessere Präsenzlehre anbieten als zuvor. Aus meiner Sicht kann man Universitäten nicht wegdigitalisieren. Das wäre fatal. Man kann nicht nur online lernen. Menschen sind soziale Tiere. Stellen Sie sich vor, statt dem Baby laufen beizubringen, würde man ein Video vom Laufen abspielen und legt das Baby davor. Auch das ist keine gute Idee.

Kartenvorverkauf für die Poetischen Quellen

Das Motto der 19. Poetischen Quellen vom 27. bis 30. August auf der Aqua Magica lautet „Literatur und Widerstand“. Aufgrund der Corona-Pandemie und der Notwendigkeit des Mindestabstandes ist die Anzahl der Besucherplätze bei der diesjährigen Sonderausgabe eingeschränkt.

Eintrittskarten sind nur in der Bad Oeynhausener Buchhandlung Fritz Scherer und in der Löhner Buchhandlung Dehne erhältlich. Kartenbestellungen sind zudem möglich unter Telefon 0160/6103535 oder per E-Mail .

Informationen zum Programm und zu den Corona-Infektionsschutzmaßnahmen finden sich auf der Homepage der Poetischen Quellen. Dort können sich die Besucher auch den in diesem Jahr für jede einzelne Veranstaltung benötigten Besucherbogen herunterladen.

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