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Bündnis für Vielfalt begrüßt 70 Gäste bei Theaterabend mit „Zuvielcourage“ in Druckerei

Stammtischparolen die Luft raus lassen

Bad Oeynhausen (WB). Das Bad Oeynhausener Bündnis für Vielfalt, Menschenwürde und Toleranz hat am Mittwoch zu einem „Kneipenabend mit Theaterstück“ eingeladen. In Kooperation mit der Fachstelle „NRWeltoffen“ des Kreises Minden-Lübbecke trat das Künstlerduo „Zuvielcourage“, bestehend aus Karin Kettling und Jürgen Albrecht, im Begegnungszentrum Druckerei auf.

Finn Heitland

Jürgen Albrecht als Herr Schröder und Karin Kettling als Frau Mutig spielen eine Szene, in der es um Argumentations- und Verhaltensmuster sowie Gegenstrategien geht, wenn jemand öffentlich durch Stammtischparolen von sich reden macht. Foto: Finn Heitland

Das 2018 formierte Bündnis für Vielfalt, Menschenwürde und Toleranz ist ein loser Zusammenschluss, der von Menschen getragen wird, die etwas bewegen wollen. „Wir handeln nach dem Motto: Nicht schweigen, sondern dagegenhalten. Wir treten für die Vielfalt ein. Kommunikation und der Austausch untereinander sind besonders wichtig“, sagte Bernhard Kuhn vom Bündnis.

Bis zu 70 Menschen treffen sich regelmäßig und planen einzelne Aktionen, die dann durchgeführt werden. Mit den Maßnahmen will das Bündnis Aufmerksamkeit erregen, denn jeder sei intoleranten Aussagen bereits begegnet. Eine der Aktionen war nun der Kneipenabend mit Theaterstück.

Die deutsche „Hochkultur“ kurz vorm Aussterben?

Zum Einstieg trat Karin Kettling auf die Bühne und beschwerte sich über Migranten, Flüchtlinge und die nachlassenden Anfragen für sie als Schauspielerin, da diese Stellen durch ausländische Mitbürger besetzt wurden. Die deutsche „Hochkultur“ sterbe aus.

Bei derartigen Aussagen machte sich Unruhe im Publikum bemerkbar. Kleinere Missstimmungen wurden geäußert. Dann meldete sich ein Mann aus dem Publikum zu Wort. Wie sich herausstellte, handelte es sich um Jürgen Albrecht. Erlösung machte sich im Publikum breit und ein interaktiver Austausch zwischen den Schauspielern und den Zuschauern begann.

Es begann mit der Frage, warum sich niemand aus dem Publikum lautstark zu Wort gemeldet hatte. „Was hat sie daran gehindert, einzugreifen? Was sie erlebt haben, nennt man Stopper. Angst oder das Vorschicken von anderen sind mögliche Gründe“, sagte Jürgen Albrecht.

Die Schauspieler lehrten Zuschauer danach, wie Zivilcourage wirkungsvoll funktionieren kann. Dazu gab es kleine spielerische Anregungen mit wirkungsvollem pädagogischem Effekt. Mit leichtem Humor zeigten die Akteure Argumente auf, wie man auf unpassende Stammtischparolen reagieren kann, um sich diese nicht länger anhören zu müssen. Mit dem Publikum entstand eine Diskussion darüber, wie man nötiges „Mundwerkzeug“ für die Einhaltung der Menschenrechte und Menschenwürde einsetzen könne.

„Die dargebotenen Ansätze haben die Anwesenden zum Nachdenken gebracht“

Negative Stimmungsmache und Menschenverachtung im Alltag zeigte auch eine Szene im zweiten Teil des Abends. Ein Streitgespräch zwischen Frau Mutig und Herrn Schröder zeigte, wie sehr uns Stammtischparolen im Alltag begleiten können, wir diese jedoch nicht automatisch erkennen. Herr Schröder ärgerte sich über Müll auf der Straße und war der Meinung, dass DIE daran schuld seien. Frau Mutig argumentierte dagegen und versuchte, eine geeignete Lösung zu finden.

Um auf die einzelnen Argumentationsstränge aufmerksam zu machen, wurde die Szene zweimal gespielt. „In Argumentationen mit Stammtischparolen und negativer Stimmungsmache kommt es beispielsweise oft zu Verallgemeinerungen, Horrorszenarien, Ausgrenzungen oder dem Verkauf von Unlogik als Logik. Mit Hilfe unseres Spickzettels zeigen wir mögliche Lösungsansätze und warum es sich lohnt, sich einzumischen“, sagte Karin Kettling.

Sich rechtzeitig einzuschalten und Zivilcourage zu beweisen, bedeute auch, sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Es müsse gelernt werden, angestaute Energien in ein ruhiges Gespräch umlenken zu können. „Wenn wir es geschafft haben, in Ihnen ‚Herrn und Frau Mutig‘ hervorzurufen, haben wir unser Ziel erreicht. Mit Hilfe von Verbündeten, mit Störaktionen wie Lautstärke, humorvollem Ablenken, die Gesprächsführung in die Hand nehmen oder lautstarken Ausrufen des Stoppens hat man Gegenstrategien an der Hand“, sagte Jürgen Albrecht.

„Die dargebotenen Ansätze haben die Anwesenden zum Nachdenken gebracht. Mit gewissen Provokationen wurde ihnen bewusst gemacht, was in jedem von uns vorgeht. Wir freuen uns sehr über den positiven Verlauf der Veranstaltung und das Interesse so vieler Bad Oeynhausener Bürgerinnen und Bürger“, sagte Annette Bretall vom Bündnis.

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