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Sieben Steine in Bad Oeynhausen verlegt – Gedenken an jüdische Opfer der NS-Diktatur

Stolpersteine verlegt: Hinschauen erwünscht!

Bad Oeynhausen (WB). Wer den Blick beim Spaziergang gesenkt hält, kann sie im gesamten Stadtgebiet entdecken: goldglänzende Stolpersteine. 34 Stück hat der Künstler Gunter Demnig, überwiegend im Bereich der Innenstadt, verlegt. Am Freitagmorgen haben die letzten sieben Steine ihren Platz vor Häusern gefunden, in denen jüdische Opfer des Nationalsozialismus (NS) gewohnt haben, um an ihre Schicksale zu erinnern.

Lydia Böhne

Stadtarchivarin Stefanie Hillebrand unterhält sich mit Gunter Demnig. Der Künstler verlegt die sieben vorerst letzten Steine für jüdische Opfer des NS-Regimes in der Kurstadt. Vor zehn Jahren hat der Verein Stolpersteine für Bad Oeynhausen sich gegründet und das Projekt in der Stadt initiiert. Finanziert werden die Stückkosten der Stolpersteine in Höhe von 120 Euro durch Spenden. Foto:

Damit ist das Projekt in Bad Oeynhausen vorerst abgeschlossen. „Uns sind derzeit keine weiteren Opfer bekannt“, sagte Lars Kunkel. Der Pfarrer der evangelischen Altstadtgemeinde ist Vorsitzender des Vereins Stolpersteine für Bad Oeynhausen, der sich 2009 gegründet hat (diese Zeitung berichtete). Alles fing damals mit dem Stolperstein für Max Grunsfeld an. Der Konservenfabrikant hatte bis zu seiner Deportation 1944 an der Parkstraße 10 gewohnt. Max Grunsfeld starb später im Arbeitslager von Preußen Elektra zum Kraftwerksbau in Lahde durch Genickschuss. Vor dem Haus in der Parkstraße erinnert ein Stolperstein an dieses Schicksal.

Viele Menschen kommen zur Steinverlegung

Wie groß das Interesse an der Historie ist, zeigt die Menschentraube, die sich um Gunter Demnig bei der ersten Verlegung am Freitag an der Portastraße versammelt hat, um vor der Hausnummer 23 den Stein für Elfriede Bartz (geb. Cantor) zu installieren. Die Jüdin ist am 2. Januar 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden, wo sie im Alter von 70 Jahren starb. Stadtarchivleiterin Stefanie Hillebrand berichtete aus der Biografie von Elfriede Bartz und ihrem evangelischen Ehemann Hermann Bartz: „In seinem Entschädigungsantrag berichtet Hermann Bartz von Diskriminierung und Geschäftsboykott, denen er sich seit 1933 ebenso ausgesetzt sah, wie seine jüdische Ehefrau.“ Mehrmals habe man ihnen die Fensterscheiben nachts eingeschlagen, 1934 sogar alle 34 Fenster.

Nach einer kurzen Pause des Gedenkens setzte sich die Gruppe wieder in Bewegung. Weit war der Weg nicht: Vor dem Gebäude an der ehemaligen Kaiserstraße 5, heute Dr.-Neuhäußer-Straße 15a, hatten die Stadtwerke bereits Löcher im Pflaster für die weiteren zwei Steine im Gedenken an die Schwestern Emma und Berta Vorreuter ausgehoben. 1973 sind die Schwestern dort eingezogen. „Hochbetagt und auf sich allein gestellt lassen sie sich 1941 in dem Israelitischen Altersheim von Westfalen in Unna aufnehmen und gehen damit in den sicheren Tod“, erläuterte Stefanie Hillebrand. Von dort sind die Schwestern im Juli 1942 in das Konzentrationslager (KZ) Theresienstadt deportiert und wenig später im KZ Treblinka ermordet worden.

Die letzte Station ist an der Bahnhofstraße

Die letzte Station führte die Gruppe an die Bahnhofstraße 34. Gleich vier Steine sind dort für das Ehepaar Thekla Wolf (geb. Mandelbaum) und Adolf Wolf sowie ihren Sohn Wilhelm Wolf und Adolf Wolfs Bruder Liebmann Wolf in den Gehweg eingelassen worden. „Wilhelm Wolf wird in der Pogromnacht am 9. November 1938 von der Polizei in Bad Oeynhausen verhaftet. Nach seiner anderthalbmonatigen Haft im KZ Buchenwald emigriert er in die USA“, berichtete Stefanie Hillebrand. Die Eltern blieben, nahmen Liebmann Wolf in der Bahnhofstraße bei sich auf. Die Recherchen haben ergeben, dass alle drei 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurden. „Adolf Wolf kann sich als Hausverwalter im KZ sein Überleben sichern und 1945 befreit werden, musste aber miterleben, wie seine Frau und sein Bruder 1943 im KZ starben“, verlas Stefanie Hillebrand. 1946 wanderte Adolf Wolf zu seinem Sohn nach New York aus.

Auch wenn die Arbeit des Vereins, was die Verlegung von Stolpersteinen betrifft, vorerst beendet ist, wird er laut Lars Kunkel weiterhin bestehen bleiben. Noch unbeantwortet ist beispielsweise die Frage, wie es in der Weststraße 8a weitergehen soll. Das Gebäude, vor dem 2011 die Denkmäler für die Schwestern Bibro und Lotte Caro im Gehweg eingelassen wurden, ist 2018 abgerissen worden. Als Erinnerung soll dort künftig möglicherweise eine Gedenktafel entstehen.

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