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Ensemble bringt mit »Ritter, Dehne, Voss« ein mutiges Familiendrama auf die Bühne

Umjubelte Premiere im Kleinen Theater

Bad Oeynhausen-Rehme (WB). Wer wollte noch behaupten, in (reichen) Familien sei alles Gold, was glänzt? Einen Einblick in den Sumpf familiärer Verstrickungen gibt das Drei-Personen-Stück »Ritter, Dehne, Voss«, das am Samstag im Kleinen Theater Rehme Premiere gefeiert hat.

Gabriela Peschke

Johannes-Paul Kindler verkörpert den ungeliebten Sohn und Bruder Ludwig, der von seiner jüngeren Schwester (Janet Schmeken) verhöhnt und vorgeführt wird. Foto: Gabriela Peschke

Benannt nach den hochkarätigen Schauspielern des Wiener Burgtheaters, denen es seinerzeit auf den Leib geschrieben war – Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gert Voss – , erzählt das Stück von Thomas Bernhard vom tragischen Ausbluten einer Geschwister-Konstellation, die doch auf den ersten Blick so rosarot anmuten will: eine gut situierte Familie des österreichischen Geldadels, zwei Töchter, ein Sohn.

Die junge Dive gibt sich arrogant, zynisch und zugleich lüstern

Alle drei gebildet, vermögend. Doch der Sohn lebt in verschrobenen Geisteswirklichkeiten, zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Zauberberg der Psychiatrie und heimischer Hölle. Die Schwestern dümpeln als unterforderte Schauspielerinnen im Treibsand des Lebens.

Als der Bruder jedoch aus der Psychiatrie nach Hause kommt, laufen die Schwestern jede auf ihre Weise zur Höchstform am heimischen Herd auf. Da ist zunächst die Jüngere, die mit beißendem Spott über den hochintelligenten Bruder herfällt (»Unser Geisteskrüppel zerstört uns«).

Janet Schmeken spielt diese junge Diva: arrogant und zynisch, zugleich lüstern und mächtig. Fällt sie doch über den Bruder her, während die Schwester im gleichen Moment entsetzt durch die Tür tritt. Denn: Auch sie, die Ältere, die in hausmütterlicher Allüre die Servietten faltet, ringt mit ihrer verdrückten Erotik.

»Ich überwinde alles nur mit Denken«

Unterhosen hat sie gekauft für den Bruder – aber er zieht sie nicht an. Jedenfalls nicht vor ihrer (beider) Augen. Mandy Fuchs gibt dieser ambivalenten großen Schwester Gestalt, die sich aufs Vertuschen und Verleugnen versteht, immer bereit, den Kaffee zu holen, wenn’s brenzlig wird. Die aber, wie alle in diesem Szenario, an äußerster Hilflosigkeit der Gefühle krankt.

In dieser fassadenhaften Familie ist der philosophische Ludwig, dieser arme Irre aus der Psychiatrie, der wahrhaft Lebendige. Johannes-Paul Kindler gestaltet diese hassgeliebte Außenseiter-Figur mit enormer Vitalität: »Ich überwinde alles nur mit Denken«, fabuliert er. Dabei kratzt er sich am Kopf, verdreht den Hals und starrt seine amüsierte Schwester mit hohlem Blick an. Er rechnet ab, Ludwig, mit einem desinteressierten Vater und einer übersorgenden Mutter, die als Porträts von der Wand aus noch immer über ihn wachen.

»Es gibt nichts Abstoßenderes als im Elternhaus zu sterben. Tut ihr das nur, zu euch passt das«, jammert er. Aber er schreit auch, reißt die Bilder von der Wand und das Tischtuch vom wohlfein gedeckten Tisch. Das gibt echte Scherben. Mandy Fuchs kehrt sie in der Pause ein – und lässt den Besuchern Zeit, sich über das Gesehene auszutauschen. Die Zeit braucht man auch.

»Es gibt nichts Schöneres als einen verregneten Nachmittag im Bett«

Denn dieses Stück ist keine leichte Kost. Sie sind anstrengend, diese endlosen Verbal-Tiraden der Geschwister. Doch zugleich ist dieses Dreierszenario ein Fest für die Schauspielkunst, bei dem Johannes-Paul Kindler mit ungeheurer dramatischer Wucht den einsam-klugen Ludwig mimt, der zittert und geifert und ängstlich seine Wundmale an Hand und Hals zeigt.

Und der so mitleidserregend jämmerlich dasteht vor seinen verlogenen Schwestern mit seinem großen Kaffeefleck auf der Hose. »Es gibt nichts Schöneres als einen verregneten Nachmittag im Bett«, sinniert die jüngere Schwester.

Dann verlöscht das Licht auf der kleinen Bühne und der Applaus brandet auf. Ein sehenswertes Stück mit großer schauspielerischer Leistung.

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