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Kurz vor dem Eintritt in den Ruhestand blickt Andreas Huneke (63), Superintendent im evangelischen Kirchenkreis Vlotho, auf seine 16-jährige Amtszeit zurück

„Unterm Strich eine bunte Mischung von Erlebnissen“

Bad Oeynhausen/Lö...

Nach mehr als 16 Jahren als Superintendent im Kirchenkreis Vlotho verabschiedet sich Andreas Huneke zum 31. Januar offiziell in den Ruhestand. Im Interview blickt der 63-Jährige auf sein Berufsleben zurück. Zudem gibt er einen Ausblick auf seine Pläne für den Ruhestand.

Malte Samtenschnieder

Die neugewonnene Freizeit während seines bevorstehenden Ruhestandes will Andreas Huneke insbesondere nutzen, um wieder mehr Musik zu machen – sei es mit einer seiner Gitarren oder am Klavier. Foto: Malte Samtenschnieder

Lassen Sie uns noch einmal auf Ihre mehr als 16-jährige Amtszeit als Superintendent zurückblicken. Was war das prägendste Erlebnis in dieser ganzen Zeit?

Andreas Huneke: Es fallen mir viele unterschiedliche Erlebnisse ein – sehr schöne, aber auch nicht schöne. Zu den sehr schönen Dingen gehören sicher, Tauf- und Kirchenkreisfeste, die wir gefeiert haben. Oder auch tolle kirchenmusikalische Veranstaltungen, die im Rahmen von KuK! gelaufen sind. Aber auch aus dem seelsorgerischen Bereich fallen mir viele positive Dinge ein. Zufrieden bin ich auch, dass die Zusammenarbeit mit dem Kreissynodalvorstand und der Verwaltung immer so reibungslos gelaufen ist.

Sie erwähnten gerade, es gab auch nicht so schöne Momente?

Huneke: Das waren manche Todesfälle, die ich begleiten musste. Und das waren auch Veränderungsprozesse, die sehr mühsam und anstrengend gewesen sind, weil sie für viele Menschen schwer nachvollziehbar waren und Einschnitte mit sich gebracht haben. Unterm Strich ergibt sich in einer solchen Zeit eine bunte Mischung von Erlebnissen. Das ist aber völlig normal.

Sie haben gerade die Tauffeste erwähnt. Was hatte es damit auf sich?

Huneke: Die Tauffeste haben die einzelnen Regionen veranstaltet. Für Bad Oeynhausen war die Veranstaltung im Kurpark. Das habe ich in starker Erinnerung als außerordentlich fröhliches Fest. Es war eine riesengroße Anzahl von Menschen da. Die Taufen fanden an vielen Stellen im Kurpark statt und wurden durch die Pfarrerinnen und Pfarrer aus den einzelnen Gemeinden durchgeführt. Auch in den Regionen Porta Westfalica und Vlotho hat es später Tauffeste gegeben.

Gab es auch schwierige Momente?

Huneke: Natürlich, weil in den 16 Jahren immer wieder große Herausforderungen auftauchten. Das war zu Beginn der Amtszeit sicher die Finanzkrise. Das Thema hat sich dann später entspannt. Aber es blieb immer klar, dass wir Strukturveränderungen brauchen, um in die Zukunft gehen zu können. Dabei gibt es immer widerstreitende Bedürfnisse: Die einen möchten keine Veränderung, und die anderen sehen die Notwendigkeit, jetzt zu handeln. In diesen Situationen ist immer so zu vermitteln, dass man am Ende gemeinsame Wege geht. Das war manchmal anstrengend. Und es ist auch nicht in allen Fällen gelungen, aber in vielen Fällen ist es auch gut gelungen.

Und wie sieht die Zukunft aus?

Huneke: Es bleiben Herausforderungen für die nächsten Jahre. Meine Nachfolgerin wird eine große Aufgabe vor sich haben.

Wo sehen Sie denn Ansatzpunkte, mit denen sich Ihre Nachfolgerin Dorothea Goudefroy unmittelbar befassen muss?

Huneke: Es laufen ja Veränderungsprozesse, die schon in Planung sind. So haben die vier Gemeinden im Bad Oeynhausener Süden erklärt, dass sie sich bis 2024 vereinigen wollen. Das ist eine große Herausforderung. Da ist vieles zu klären und zu gestalten. Die Betroffenen machen ganz viel selbst und selbstständig – aber sie brauchen auch die Begleitung und Unterstützung des Kirchenkreises. Mehr oder weniger stark betrifft das alle Regionen. Die Region Löhne, die zu einer Gemeinde zusammengewachsen ist, ist zum Beispiel anders dran als die Region Porta Westfalica, wo viele Dinge im Moment noch viel grundsätzlicher geklärt werden müssen.

Gibt es noch weitere Bereiche, in denen Veränderungen anstehen?

Huneke: Man muss zum Beispiel überlegen, wie es mit dem Veranstaltungsbereich KuK! weitergehen soll, da Pfarrer Hartmut Birkelbach im Verlauf dieses Jahres ebenfalls in den Ruhestand geht. Ich würde mich sehr freuen, wenn der Kirchenkreis und die Gemeinden einen Weg finden, diese Arbeit fortzuführen.

Warum ist es so wichtig, dass diese Arbeit fortgesetzt wird?

Huneke: Weil sie unseren Verkündigungsauftrag gut abbildet – in eine Bevölkerung hinein, die sich zunehmend in Distanz zur Kirche befindet. Durch die KuK!­- Veranstaltungen ist auch die Reichweite unter den kirchlich Entfremdeten sehr hoch. Deshalb ist es wichtig, dass wir das weiter machen.

Im Bad Oeynhausener Süden steht das Zusammenwachsen der Gemeinden noch bevor, in Volmerdingsen und Werste ist der Prozess schon weiter...

Huneke: Ich hätte es vor einem Jahr nicht für möglich gehalten, dass es noch in meiner Amtszeit gelingt, diese Vereinigung zu vollziehen. Durch den Wechsel von Pfarrerin Anja-Helen Bierski in den Norden war die Pfarrstelle frei. Und die Presbyterien waren sehr konstruktiv und wollten auch die Lösung, die wir jetzt gefunden haben. Damit sind nicht alle Fragen für die Region Bad Oeynhausener Norden gelöst. Die kommen ja wieder. Denn Pfarrer Helmut Pietsch wird auch in wenigen Jahren in den Ruhestand gehen. Allen Beteiligten ist klar, dass die Zusammenarbeit weiter entwickelt werden muss. Aber jetzt ist erst mal eine gute Übergangslösung gefunden. Und auch eine Personalbesetzung, die für die Situation genau passend ist.

Die Entwicklung in Rehme dürfte Sie und alle anderen Beteiligten ja ebenfalls erfreuen...

Huneke: Dort ist nicht nur Ruhe eingekehrt, sondern es ist eine Entwicklung da, die Perspektiven für die Zukunft eröffnet und mit der die Menschen erst mal auch zufrieden sind. Die Zuweisung von Pfarrer Rainer Labie und Gemeindepädagogin Ingrid Wilmsmeier gewährleistet, dass die pastoralen Aufgaben gut abgedeckt sind und andere Aufgaben in der Gemeinde jetzt auch wieder konstruktiv gestaltet werden können. Und ich freue mich, dass dort wieder ein arbeitsfähiges und arbeitswilliges Presbyterium ist.

In Vlotho hat sich die Situation ebenfalls beruhigt?

Huneke: Auf jeden Fall. Seit feststeht, dass Jörg-Uwe Pehle bleibt. Die Gemeinde, aber auch die Vlothoer insgesamt haben sich gefreut, dass der Pfarrer und sein Mann sich so entschieden haben. In meiner Wahrnehmung ist dort weitestgehend Ruhe eingekehrt.

Die Zeit als Superintendent macht ja nur einen Teil Ihres Berufslebens aus. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihren Anfängen als Pfarrer?

Huneke: Mein zweites Examen habe ich 1985 gemacht. Danach bin ich eingewiesen worden in den Hilfsdienst hier im Kirchenkreis. Das war nicht unbedingt in meinem Interesse. Ich hatte gehofft, in einem der umliegenden Kirchenkreise meinen Dienst zu beginnen, weil ich ja hier ein „Eingeborener“ bin. Ich bin Ur-Bad Oeynhausener: in Eidinghausen geboren und in Rehme aufgewachsen. Ich bin aber zum Studium und zum Vikariat weggewesen und war gar nicht so daran interessiert, nach Ostwestfalen zurückzugehen. Aber die Liebe führt einen manchmal doch zurück. Dann hat mich der damalige Superintendent Schumann gefragt, ob er nicht bei meinen Wünschen doch den Kirchenkreis Vlotho aufführen darf – er wollte mich in der Kurseelsorge einsetzen.

Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Huneke: Ich habe die Kurseelsorge als eine wichtige Aufgabe für mich entdeckt und gerne zehn Jahre lang gemacht.

Wie hat sich die Kirche von Ihren beruflichen Anfängen bis heute verändert?

Huneke: Sie hat sich in allen Bereichen sehr verändert. Als ich anfing, war hier in Ostwestfalen die evangelische Kirche noch sehr stark. Zwei Drittel der Wohnbevölkerung waren evangelisch. Jetzt sind es noch gut 50 Prozent. Da gibt es eine starke Veränderung, und das schafft auch ein anderes Klima. Die Erwartung der Menschen an die Kirche, an ihre Kirche, ist auch eine andere geworden. Anfangs war das Leben in den Gemeinden durch viele Gruppen und Kreise geprägt. Heute spielt das vielerorts nur noch eine untergeordnete Rolle. Gottesdienste und Amtshandlungen sind wichtig geblieben – selbst in Corona-Zeiten. Wir stellen fest, dass viele unsere Online-Gottesdienste nutzen.

Gibt es weitere Veränderungen?

Huneke: Durch die Schrumpfungen haben die Gemeinden an Kraft verloren. Vieles konnte nur durch gemeinsame Aktionen aufgefangen werden. Das Gemeinsame ist wichtiger geworden als das, was die einzelne Gemeinde anbietet. Dazu kommt, dass die Menschen mobiler geworden sind. Kinder- und Jugendarbeit funktioniert heute vielfach nicht mehr ortsgebunden. Hier spiegelt sich die Veränderung der gesamten Gesellschaft wider.

Hat die Kirche im Verlauf Ihres Berufslebens auch Sie verändert?

Huneke: Dazu denke ich zum Beispiel an den Bereich Migration und den Umgang mit anderen Kulturen. Als ich in das Amt des Superintendenten gekommen bin, hatte ich keinen Kontakt zu ökumenischen und ausländischen Partnerschaften. Durch das Amt war ich gezwungen, mich damit zu beschäftigen, und ich habe das schnell lieben und schätzen gelernt. Ich habe es als Bereicherung erlebt. Dazu gehören sowohl die Partnerschaften mit einem Kirchenkreis in Tansania, als auch der Umgang mit den ökumenischen Partnern hier vor Ort – insbesondere der katholischen Kirche.

Hat die Flüchtlingskrise dies noch weiter verstärkt?

Huneke: Ich hatte mich auch schon vorher mit interkulturellen Themen befasst. Aber durch meinen Kirchenleitungsbesuch im März 2017 auf Lampedusa bin ich noch mal ganz anders sensibilisiert worden und habe einen anderen Zugang zu den Menschen, die mit großer Not hierhin kommen, hier aufgenommen, begleitet und unterstützt werden müssen. Diese Entwicklung hat mich sehr bestimmt.

Einschneidende Auswirkungen hat ja auch die Corona-Pandemie. Hätten Sie sich vorm Winter 2020 vorstellen können, dass es ein einmal ein Weihnachtsfest ohne Präsenzgottesdienste geben würde?

Huneke: Nein. Nein, das hätte ich mir nicht vorstellen können. Und das habe ich mir nicht vorgestellt, weil es außerhalb meiner Denkreichweite lag.

War es denn so richtig, wie wir es an Weihnachten gemacht haben?

Huneke: Mit Blick auf die hohen Infektionszahlen war es die richtige Entscheidung. Ich glaube, dass wir gut daran getan haben, auf die Kontakte an Weihnachten zu verzichten.

Wie kann denn überhaupt wieder eine Normalität aussehen?

Huneke: Ich erwarte, dass wir durch ein Zusammenspiel von Impfstoff, Hygiene- und Abstandsregeln sowie wärmerer Witterung Richtung Pfingsten wieder normalere Verhältnisse erhalten werden und dass bis zu den Sommerferien eine weitgehende Normalität einkehrt. Ich leide – wie alle Menschen – darunter, dass die persönlichen Kontakte so eingeschränkt sind. Ich habe Verständnis für alle, die darunter leiden. Ich denke insbesondere an Familien mit kleinen Kindern. Es ist überhaupt nicht vergnüglich, den Nachwuchs ständig zu Hause zu beschäftigen. Für die Kinder ist es nicht gut, den Kontakt zu Gleichaltrigen nicht wirklich pflegen zu können. Je schneller wir es überwinden, um so besser. Deshalb wünsche ich mir hohe Impfbereitschaft.

Sie hatten ja inzwischen sicherlich auch Gelegenheit, sich mit Ihrer Nachfolgerin Dorothea Goudefroy auszutauschen. Wie ist Ihr erster Eindruck?

Huneke: Ich bin ganz erfreut. Ich habe den Eindruck, dass sie sich auf die Aufgabe freut, dass sie aber auch vor der einen oder anderen Aufgabe, die kommt, Respekt hat. Das ist auch angemessen. Und sie bringt auch einiges an Erfahrung aus ihrem bisherigen Dienst mit. Ich glaube, dass sie sich hier gut und schnell einleben wird. In den Gesprächen war auch immer Assessor Wolfgang Edler, der ja auch neu in dieser Aufgabe ist, mit dabei. Ich denke, dass beide gut miteinander arbeiten können. Ich wünsche meiner Nachfolgerin vor allem, dass sie sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Jetzt müssen wir auch noch einmal das Thema „Ruhestand“ in den Blick nehmen. Wie wollen Sie Ihre freie Zeit künftig gestalten?

Huneke: Erst einmal spielt Sport eine große Rolle. Während meiner Krebserkrankung habe ich gelernt, dass mein Körper ziemlich viel Bewegung braucht, um beweglich zu bleiben und sich auch einigermaßen wohl zu fühlen. Ich habe mir angewöhnt, regelmäßig zu joggen, und wenn das nicht geht, mache ich regelmäßig meine Gymnastik. Ich brauche das immer morgens. Nachmittags nützt es mir nichts.

Darüber hinaus spielt auch Musik eine wichtige Rolle für Sie?

Huneke: Ich freue mich sehr, dass ich dafür jetzt auch mehr Zeit bekomme – mal nicht nur einfach vor mich hin zu spielen, sondern auch mal wieder etwas zu üben. Das heißt, Dinge so zu spielen, wie ich sie dann auch spielen möchte. Das gilt fürs Klavier und die Gitarre gleichermaßen. Vielleicht suche ich mir auch noch mal ein neues Instrument. Ich weiß es noch nicht so genau.

Gibt es weitere Dinge, auf die Sie sich freuen?

Huneke: Ich freue mich darauf, Zeit zu haben, um alte Kontakte aufleben zu lassen. Und natürlich auf mehr Zeit mit der Familie.

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