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Apotheker Jürgen Brentzke aus Bad Oeynhausen blickt Zulassung von Corona-Schnelltests für den Einzelhandel kritisch entgegen

„Viel Geld für wenig Aussage“

Bad Oeynhausen (WB)

Die Corona-Pandemie hat den Arbeitsalltag in der Mönch-Apotheke von Jürgen Brentzke stark verändert: Höhere Hygieneanforderungen und der Umgang mit infizierten Patienten gehören inzwischen zum Tagesgeschäft. Dass Corona-Schnelltests für Zuhause das Infektionsgeschehen künftig positiv beeinflussen könnten, glaubt der Inhaber noch nicht. Der Apotheker steht der Anwendung kritisch gegenüber.

Lydia Böhne

„Wer sich an die Regeln hält, braucht keinen Corona-Schnelltest“, findet Apotheker Jürgen Brentzke. Der Inhaber der Mönch-Apotheke sieht es kritisch, dass Tests für Zuhause dem Verbraucher suggerieren könnten, er könne sich dadurch ein Stückchen Freiheit erkaufen. Foto: Lydia Böhne

Plexiglaswände, verdoppelte Anzahl an Desinfektionsspendern, engmaschige Hygienepläne und ein Luftwäscher, der mittels UV-Lampe die Virenlast im Verkaufsraum reduzieren soll – etwa 3000 Euro hat Jürgen Brentzke in den Umbau der Mönch-Apotheke und die Maßnahmen zum Schutz vor Corona investiert – den Arbeits- und Zeitaufwand nicht mit eingerechnet. Von einem externen Unternehmen hat der Apotheker die Effektivität prüfen und sich zertifizieren lassen.

Damit die Apotheke in diesen Tagen nicht zum Hotspot wird, müssen sich die Kunden an die Hygienemaßnahmen halten. Das tun sie offenbar auch: „99 Prozent der Kunden sind sehr verständnisvoll und handeln eigenverantwortlich“, sagt Jürgen Brentzke. „Wer zu uns kommt, hat meist ein hohes Eigeninteresse, gesund zu bleiben und weiß: Krankheit bedeutet weit mehr Einschränkungen.“

Der Umgang mit an Covid-19 erkrankten Personen gehöre mittlerweile zum Tagesgeschäft, berichtet er. Mit dem Botendienst können in Quarantäne befindliche Kunden kontaktlos mit ihren Arzneimitteln beliefert werden. „Gegen den Virus gibt es keine Medikamente. Die Nachfrage nach Arzneimitteln zur Symptomlinderung, etwa bei Husten oder Halsschmerzen, ist aber hoch“, berichtet der Apotheker.

Einer möglichen Zulassung von Corona-Schnelltests für den deutschen Einzelhandel blickt der Apotheker mit gemischten Gefühlen entgegen. Er findet: „Kunden bekommen für viel Geld nur wenig Aussage.“ Der Test, der nach Einschätzung des Experten ab 20 Euro aufwärts kosten könnte, müsse für jeden Verbraucher unkompliziert durchzuführen sein.

Dass Ungeschulte sich selbst ein Stäbchen fachgerecht bis tief in die Nase einführen können, hält er für unwahrscheinlich und gefährlich: „Nur dort sind die Viren auch zu finden. Bei Handhabungsfehlern entsteht ein verfälschtes Ergebnis, das den Kunden in trügerischer Sicherheit wiegt und dazu führt, sich leichtfertiger zu bewegen.“ Der Experte fürchtet, dass manche im Falle eines positiven Ergebnisses ihrer Meldepflicht nicht nachkommen und aus Scheu vor einer Quarantäne ihre Infektion verschweigen könnten.

Bedacht werden müsse laut Brentzke auch, dass es sich bei einem Virus mit einer Inkubationszeit von fünf Tagen bei dem Ergebnis lediglich um eine Momentaufnahme am Testtag handele. Brentzke sieht die Verpflichtung, dem Verbraucher die Risiken aufzuzeigen und wünscht sich eine Aufklärung beim Verkauf des Tests, der bislang nicht als apothekenpflichtig ausgewiesen ist und daher auch in Drogerien oder Supermärkten verkauft werden könnte.

In seiner Apotheke habe es noch keine Nachfrage nach Tests gegeben, berichtet er: „Wir haben auch noch keine geordert. Wenn einfach zu handhabende, geprüfte und zertifizierte Schnellteste für den Endverbraucher freigegeben werden, würden wir diese nur mit ausführlicher Beratung anbieten“.

Die Mönch-Apotheke nimmt an einem Test eines Pharmaherstellers zur Akzeptanz einer antiseptischen Mundspülung gegen SARS-CoV-2 teil, die die orale Viruslast infizierter Personen reduzieren soll. Nach dem Gurgeln mit der Lösung soll das Übertragungsrisiko durch Tröpfchen oder Aerosole dank einer reduzierten Keimzahl für eine Dauer von vier bis fünf Stunden verringert werden. Bis zum Ergebnis dürfte es jedoch dauern: Die Falldaten werden über ein halbes Jahr gesammelt. „Eine FFP2-Maske filtert bis zu 95 Prozent. Eine solche Spülung wäre ein zusätzlicher Schutz“, meint Jürgen Brentzke.

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