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Literaturgottesdienst zum Auftakt der Poetischen Quellen in Bad Oeynhausen

Von der Einheit hinter den Gegensätzen

Bad Oeynhausen  (WB). Michel Bergmann ist bekannt für seine Teilacher-Trilogie „Herr Klee und Herr Feld“. Den dritten und letzten Teil aus der Feder des jüdischen Autors erlebten die Besucher des 44. Literaturgottesdienstes am Mittwochabend in signifikanten Ausschnitten. Ein humorvoller und zugleich tiefgründiger Einstieg in das Motto der diesjährigen Poetischen Quellen: „Literatur und Widerstand“.

Gabriela Peschke

Sie haben als Einstimmung auf die Poetischen Quellen zum Gelingen des Literaturgottesdienstes in der Auferstehungskirche am Kurpark beigetragen (von links): Pfarrer Lars Kunkel, Sabine Niedermeyer, Ute Lindemann-Treude, Herbert Lindemann, Mike Pigorsch und Beate Ramisch (Duo „Diaspora“), Dirk Schormann, Rainer Printz, Birgit Kuhlmeier, Achim Rehlaender und Britta Weber. Foto:

Über mehr als eine Stunde erstreckte sich die literarische Reise durch das Leben der alternden jüdischen Gebrüder Kleefeld, die sich in Bergmanns Roman buchstäblich den Namen teilen („Herr Klee“ und „Herr Feld“) und sich damit auch formal in ihrer Unterschiedlichkeit gegeneinander absetzen.

In verteilten Rollen und von verschiedenen Stimmen gelesen, erlebten die Zuhörer den traditionsbeflissenen, aber schrulligen Professor Moritz und seinen Bruder Alfred, einen welken Charmeur, der sich auf seine alten Tage in die Gunst seines Gönners einschleicht – und dabei die Kunst der Kompromissfähigkeit üben lernt.

Die äußere Handlung erzählt, wie die langjährige Haushälterin unvermittelt kündigt. Und prompt findet Moritz allein nicht mal seine Kaffeedose. Das muss schleunigst wieder anders werden! Doch die neue Haushälterin hat ein überraschend anderes Format: Zamira ist nicht nur jung und hübsch, sondern sie ist Palästinenserin.

Was die jüdischen Brüder zunächst irritiert, entpuppt sich im Lauf der humorvoll geschilderten Alltagssequenzen als Prüfstein für eine letztlich warmherzige Freundschaft unter den drei Ungleichen. Zamira lernt, sich mit Moritzens koscheren Ritualen zu arrangieren, die Brüder wiederum lernen eine palästinensische Tee-Zeremonie schätzen.

Es geht um Politik und Konflikte

Doch es geht deutlich darüber hinaus. Denn es geht um Politik und Konflikte, um nationale und religiöse Differenzen; um „das Große“ in der Welt, das auf „das Kleine“ im Alltag abstrahlt. Und dabei erkennen die Protagonisten unter anderem, dass Musik ihre Herzen verbindet, egal welcher Nationalität sie angehören. Und dass Religion eine Zugehörigkeit anzeigt, die nicht ausgrenzen muss, sondern sehr wohl verbinden kann.

„Ich habe keinen Job gesucht, sondern ein Zuhause“, sagt Zamira auf die Frage, warum sie als junge Palästinenserin zwei alternden Juden das Haus zum Heim macht. Und auf schneidige politische Diskussionen zur Nahost-Frage pariert sie mit Menschlichkeit: „Menschen, die man kennt und akzeptiert, die hasst man nicht.“

Diese Warmherzigkeit strahlt weit über den gelesenen Text hinaus. Geradewegs in die Herzen der Zuhörer. Denn ist nicht dies genau das religiöse Gebot der Stunde: Toleranz und Vielfalt im Glauben? Mit den Worten von Moritz heißt es im Roman: „Gott ist in jedem.“

Predigt nimmt den Faden auf

Diesen Faden hat Lars Kunkel in seiner anschließenden Predigt aufgenommen. „Religion ist im besten Sinne gleich-gültig“, sagte der Pfarrer der Altstadtgemeinde. Ob als jüdisch-christlicher Gottesbegriff oder als islamischer. Das Entscheidende sei, meint Kunkel, dass sich Religion als „eine Haltung“ zu erkennen gebe, die Zugang zu Gott und seinem Auftrag ermögliche. „Gott selbst hat sich auf verschiedene Weise offenbart, je nach Zeit, Land und Kultur“, erinnerte er die Besucher.

Ein lebendiger Glaube, der sich nicht als formales Regelwerk verstehe, sei offen für Vielfalt und zugleich widerstandsfähig gegen die lebensfeindlichen Kräfte im Weltgeschehen, sagte er. Mit diesem Gedanken schloss der Pfarrer den thematischen Bogen zum Generalthema der Poetischen Quellen und entließ die Zuhörer mit dem Abendsegen.

Der Gottesdienst in der Auferstehungskirche wurde an diesem Abend musikalisch begleitet vom Duo „Diaspora“ aus dem lippischen Detmold. Mit Chansons und Klezmer-Klängen knüpften Mike Pigorsch (Gitarre) und Beate Ramisch (Melodica und Vocals) stimmungsvoll an die Episoden des Romans an.

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