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Lebhafte Diskussion zur Eröffnung der 19. Poetischen Quellen auf der Aqua Magica

Wie regt Literatur zum Widerstand an?

Bad Oeynhausen/Löhne  (WB). Die Teilnehmer des „Literarischen Quartetts“ zur Eröffnung der 19. Poetischen Quellen am Donnerstag im Literaturzelt auf der Aqua Magica hatten ihre Hausaufgaben gemacht: Auf Geheiß von Moderator Jürgen Keimer hatte jeder von ihnen im Vorfeld einen Text zum Thema „Literatur und Widerstand“ ausgewählt.

Malte Samtenschnieder

Mit einem „Literarischen Quartett“ haben Ingo Schulze (Schriftsteller, von links), Meike Feßmann (Literaturkritikerin), Gregor Dotzauer (Literaturkritiker) und Moderator Jürgen Keimer die 19. Poetischen Quellen am Donnerstag offiziell eröffnet. Foto: Malte Samtenschnieder

Davon ausgehend entwickelte sich im Verlauf der mehr als zweistündigen Veranstaltung eine lebhafte Diskussion. Die 150 Besucher spendeten den Akteuren viel Beifall. Mehr Publikum war wegen der Corona-Beschränkungen nicht zugelassen.

„Ich komme immer gerne nach Bad Oeynhausen und Löhne. In diesem Jahr um so mehr, weil es nicht selbstverständlich ist, dass wir heute alle hier zusammen sein können“, sagte Jürgen Keimer zu Beginn.

Vier Literaturbeispiele

Als erstes stellte anschließend der Schriftsteller Ingo Schulze seinen Diskussionsbeitrag zum Thema „Literatur und Widerstand“ vor. Er hatte das Buch „Die hellen Haufen“ (2011) von Volker Braun ausgewählt. Die Handlung baut auf den Konflikten rund um die Schließung einer Kali-Grube in Bischofferode im Jahr 1993 auf.

Das Buch „Ein Mann, der schläft“ (2012) von Georges Perec nahm der Literaturkritiker Gregor Dotzauer in den Blick. Im Mittelpunkt steht ein Theologie-Student, der in einer Mansardenwohnung in Paris haust und sich der Umwelt entzieht, indem er versucht, „sich selbst abzuschalten“. Gregor Dotzauer: „Er leistet so Widerstand gegen ihm von außen aufoktroyierte Erwartungen.“

Stéphane Hessels Streitschrift „Empört euch!“ (2011) brachte Meike Feßmann anschließend in die Diskussion ein. „Das Pamphlet ist ein Aufruf an die Jugend der Welt, mutig zu sein und für seine eigenen Interessen zu kämpfen“, sagte die Literaturkritikerin.

Der Schriftsteller Frank Witzel hatte das Buch „Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur? (2018) von Hannah Arendt ausgewählt, einen subjektiven Blick der Autorin auf den Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem. Da Frank Witzel nach einem Fahrradunfall nicht persönlich an dem „Literarischen Quartett“ teilnehmen konnte, übernahm Moderator Jürgen Keimer seinen Part.

Arten des Widerstands

Losgelöst von den vier Literaturbeispielen, ging es im weiteren Verlauf des Gesprächs auch um das generelle Verhältnis von Literatur und Widerstand. „Lesen ist eine spezielle Form der Konzentration. Die Handlung einer Erzählung kann der Leser mit seinen eigenen Erfahrungen abgleichen. Dadurch treten die Figuren in sein Leben ein“, sagte Ingo Schulze.

Diesen Gedanken griff Gregor Dotzauer auf und führte ihn weiter: „Jeder Leser setzt sich mit den Figuren ins Verhältnis. Er fragt sich: Was würde ich in einer ähnlichen Situation tun?“ Das habe dann unter Umständen auch Auswirkungen auf das Handeln des Lesers. Und je nach Kontext könne das in Widerstand gipfeln.

Von einer ganz anderen Seite näherte sich Meike Feßmann dem Verhältnis von Literatur und Widerstand: „In der Literaturkritik ist oft von ‚widerständigen Texten‘ die Rede. Das bedeutet, dass Sprache anders eingesetzt wird, als wir das normalerweise kennen.“ Über den verspielten Umgang mit Sprache allein lasse sich somit auch Widerständiges transportieren.

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