Kreis-Gesundheitsamt spricht sich gegen Zwang zum neuen Corona-Meldesystem Sormas aus

„Wir sind schon digital“

Minden/Lübbecke

„Wir sind beileibe nicht mit Papier, Bleistift und Fax unterwegs“, sagt Sören Staas. Der Leiter der IT beim Kreis macht sich gerade, wenn das Gesundheitsamt dem Vorwurf ausgesetzt ist, in der Pandemie zeige sich die mangelnde Digitalisierung der Behörden.

Friederike Niemeyer

Corona-Kontaktnachverfolgung: Matthias Rose erfasst an seinem Arbeitsplatz im Gesundheitsamt Daten. Die Kreisverwaltung sieht sich sehr gut digital aufgestellt und möchte am liebsten kein neues Meldesystem einführen. Foto: Kreis Minden-Lübbecke

Und auch die Leiterin des Gesundheitsamtes, Dr. Elke Lustfeld, betont: „Wir sind ein digitales Gesundheitsamt. Sonst hätten wir die Massen an Fällen jetzt überhaupt nicht bewältigen können.“ Und weil die Mindener sich mit ihrer Datenverarbeitung und -weiterleitung gut aufgestellt sehen, wehren sie sich auch dagegen, eine neue Software übergestülpt zu bekommen.

Sormas heißt diese Software, die das Helmholtz-Institut für Infektionsforschung 2014 mit Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums und mehreren Partnern entwickelt hat und die bislang nach Angaben des Landes in sieben Gesundheitsämtern in NRW eingesetzt wird. In Afrika hat das Programm gute Dienste bei der Eindämmung von Ebola geleistet. Jetzt ist es auch für Corona-Infektionen programmiert und könnte übergeordneten Behörden wie dem Robert-Koch-Institut bei der Auswertung und Darstellung der Daten aus den einzelnen Regionen helfen. Doch, so sagt die Mindener IT-Expertin Cornelia Meyer: „Die für uns wichtigen Abläufe vor Ort bildet Sormas nicht ab. Für die Informationen auf Kreisebene ist unser System Gumax eher geeignet.“ Sormas hat zudem den Nachteil, so die Kreis-Vertreter, dass es nur für Ebola und Corona ausgelegt sei, nicht aber für andere meldepflichtige Infektionskrankheiten wie Masern, Influenza oder Ehec.

Gesundheitsamtsleiterin Dr. Elke Lustfeld

Das Programm Gumax wird im Kreis-Gesundheitsamt seit 2001 eingesetzt und wurde seither beständig aktualisiert und ergänzt, etwa jetzt um die Corona-Nachverfolgung. Gumax managt unter anderem die Meldungen von Infektionskrankheiten an das Robert-Koch-Institut, ist aber genauso im Einsatz, wenn es um die schulärztlichen Untersuchungen oder die Trinkwasserüberwachung geht. Auch für Corona erlaube es einen relativ umfassenden digitalen Umgang mit den Fällen, sagt die Gesundheitsamtsleiterin. Sie spricht von einer „elektronischen Akte“ für jeden Corona-Fall.

Das Einzige, wo noch Fax und E-Mail im Einsatz seien, sei, wenn Kontakt mit Nachbar-Ämtern aufgenommen werde, wenn es um kreisübergreifende Ausbrüche gehe.

Mit Hilfe des seit 1. Januar neu eingeführten Programms Demis ist nun auch der Dateneingang aus den Laboren automatisiert. So landen jetzt die positiv Getesteten aus anderen Regionen, die sich im Kreisgebiet etwa in einer Klinik angesteckt haben, gleich bei den zuständigen Wohnort-Gesundheitsämtern.

Aus Sicht von Dr. Lustfeld könnte jetzt alles so bleiben: „Wir sind mit unserem System zufrieden. Eine Umstellung auf ein anderes Meldesystem würde sehr viel Mehraufwand bedeuten, der für uns keine Verbesserung bringen würde.“ Zur Verdeutlichung berichtet IT-Fachfrau Meyer von insgesamt 168 Mitarbeitern in der Corona-Kontaktverfolgung, die insgesamt schon eingearbeitet worden seien, 140 wären aktuell im Team und würden mit Gumax arbeiten. Neue Schulungen würden noch mehr Überstunden ohne einen Mehrwert bedeuten. „Wie soll ich davon meine Mitarbeiter überzeugen?“, fragt die Gesundheitsamtsleiterin. Sie wünscht sich, dass eine Schnittstelle eingerichtet wird, damit die Mindener bei ihrem System bleiben können und die Daten dann automatisch in das Sormas-System überführt werden, mit dem andere Behörden arbeiten möchten.

IT-Leiter Sören Staas

Dem pflichtet Sören Staas, Leiter der IT beim Kreis, bei. Er sagt: „Digital schon gut aufgestellte Ämter wie wir sollten über solch eine Schnittstelle angebunden werden.“ Es gebe natürlich auch Gründe für das System Sormas, etwa wenn Ämter noch stärker analog arbeiten würden.

„Wir gehören aber nicht zu diesen Ämtern. Wir arbeiten voll digital, sieben Tage die Woche und melden unsere Daten ohne Brüche auch am Wochenende weiter.“ Diese tagesaktuelle Weitergabe habe immer geklappt, mit Ausnahme von zwei besonders infektionsstarken Wochen im November, sagt auch Elke Lustfeld.

Das Mindener Gesundheitsamt gehört zu den 13 in NRW, das sich aktiv darum bemüht, über eine Schnittstelle mit dem neuen System Sormas verbunden zu werden. Ob das bis Ende Februar klappt, ist noch offen. Die Folge wären aber dann Doppel-Eingaben per Hand, prognostiziert Elke Lustfeld. Und das könne ja nicht im Sinne einer fortschreitenden Digitalisierung sein. Viele Gesundheitsämter hätten sich nun mal eigene Software-Lösungen gesucht. Als es mit der Digitalisierung losging, gab es noch kein Bewusstsein dafür, dass eine einheitliche Software später einmal gewünscht sein könnte, sieht sie eine lange Entwicklung hin zur aktuellen Situation.

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