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91-Jähriger wegen tödlichen Verkehrsunfalls auf dem Alten Postweg in Bad Oeynhausen vor Gericht

Zufall oder grobe Fahrlässigkeit?

Bad Oeynhausen

War der schreckliche Unfall am Alten Postweg ein tragischer Zufall, den der 91-Jährige nicht verhindern konnte, wie der Verteidiger meint? Oder handelte der Senior „grob fahrlässig“, wie die Staatsanwaltschaft betont? Kein Zweifel besteht für sie an einer fahrlässigen Tötung und einer „Haftstrafe auf Bewährung“.

wn

Bei dem Unfall im Mai 2020 auf dem Alten Postweg hat ein 91-Jähriger zwei Radfahrerinnen mit seinem Pkw erfasst. Ein Frau starb am Unfallort an ihren Verletzungen. Foto: Lydia Böhne/Archiv

Elf Zeugen hörte Richter Dr. David Cornelius am Mittwoch während der Verhandlung im Amtsgericht Bad Oeynhausen, um die Ereignisse von Ende Mai vergangenen Jahres aufzuarbeiten. Der 91-Jährige hatte am Alten Postweg plötzlich die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und war in Schlangenlinien gefahren (diese Zeitung berichtete). Nachdem er in ein Auto gefahren war, erfasste er wenig später eine Radfahrerin (58), die noch am Unfallort ihren Verletzungen erlag.

„Die Radfahrerin hatte keine Chance“, sagte eine Zeugin (57), die nach eigener Schilderung hinter ihr auf einem E-Bike hergefahren war. Auch sie habe nicht mehr ausweichen können und sei mit schweren Verletzungen im Hubschrauber in eine Klinik geflogen worden.

Als „Chaosphase“ habe er den außergewöhnlichen Verkehrsunfall zunächst erlebt, schilderte ein 49-jähriger Polizist aus Bad Oeynhausen das Geschehen „auf 100 bis 150 Metern Länge“. Da die Unfallursache dringlich mit der Fahruntüchtigkeit des Angeklagten zu tun gehabt habe, habe man zwei Beamte zu ihm ins Krankenhaus beordert, „um strafprozessuale Verfahren umzusetzen“.

Der 91-jährige hatte sich mit seinem Auto überschlagen und musste verletzt aus seinem Fahrzeug befreit werden. Man habe neben einem Schädel-Hirntrauma eine Amnesie zum Unfallhergang festgestellt, sagte der behandelnde Notarzt und nannte eine Unterzuckerung als Grund für kurzfristigen Bewusstseinsverlust. „Verlangsamt, desorientiert und verwirrt“ habe er nicht sagen können, wie alles passiert sei.

In der Mindener Klinik hätten sie ihn in „stabilem“ Zustand vernommen, sagten aber zwei Polizistinnen aus. Um seine Erkrankungen habe er gewusst, aber „er dachte, er schafft es bis nach Hause.“ Nach einem Einkauf in einer WEZ-Filiale in Eidinghausen habe er sich etwas unwohl gefühlt und während der Fahrt alles schwammig und die Mittellinie doppelt gesehen.

Mit 70 bis 80 Kilometern pro Stunde habe er die Frauen nach kurzer Beschleunigung erfasst, bestätigten zwei weitere Zeugen. Ein Bekannter der Frau berichtete von schlimmen Verletzungen der Toten. Er habe sie nicht mehr erkannt.

Hätte sie nicht gehupt, wäre der Mann unmittelbar zuvor nur in ihr Auto hineingefahren, sagte eine weitere Zeugin (54), „aber Tote hätte es nicht gegeben.“ Er habe aus dem Fenster geschaut, um nach seinem Rückspiegel zu suchen, der an einem Kabel herabhing. Dabei sei er kurzzeitig auf ihre Spur geraten.

Sein Mandant bedaure zutiefst, was geschehen sei, sagte der Verteidiger, aber habe keine Erinnerungen. In diesem Alter habe „jeder so seine Malässen“, aber der Mann sei stets verantwortlich mit seinen chronischen Erkrankungen umgegangen. Noch nie habe es in seinem Leben eine Unterzuckerung als mögliche Folge gegeben.

Nüchtern soll ihr Patient gewesen sein, bestätigte auch die behandelnde Klinik, nur die Unterzuckerung sei auffällig gewesen. Auch alle Medikamente habe er in einem therapeutisch üblichen Bereich eingenommen. Warum aber belegen Polizeiakten bereits im Jahr 2016 eine Fahruntüchtigkeit? Mit Lautsprechern habe ihn eine Streife in Minden angehalten, „weil er komplexen Verkehrsabläufen nicht mehr folgen kann“, zitierte Dr. Cornelius. Ein ärztliches Gutachten habe ihm dann bescheinigt, sehr gut organisiert, im Gespräch zudem geistig wendig und bei guter Leistungsfähigkeit zu sein.

Dem Angeklagten war sein Zustand bewusst, betonte dagegen der Staatsanwalt, „in dem man sich nicht in ein Auto setzen darf, weil es ein gefährliches Werkzeug ist.“ Zwar sei er bislang unbescholten gewesen, aber in jenem Moment habe er eine falsche Entscheidung getroffen.

Der Verteidiger wolle nur eine Verurteilung verhindern, betonte ein Nebenkläger, aber einen Freispruch werde es nicht geben. Die Versicherung könnte sonst bereits ausbezahltes Schmerzensgeld von der Geschädigten zurückfordern. Das Verfahren wird in Kürze fortgesetzt.

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