1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. OWL
  4. >
  5. Espelkamp
  6. >
  7. Büro in Kabul wohl verloren

  8. >

Teppichunternehmen Tönsmann produziert jetzt Teppiche aus Pakistan

Büro in Kabul wohl verloren

Espelkamp

Das Büro des Teppichunternehmens Tönsmann in Kabul ist wohl, nach Aussage des Unternehmenschefs, verloren. Nun werden Teppiche im Nachbarland Pakistan geknüpft. Mit dabei ist auch der ehemalige Leiter des Kabuler Büros, Ibrahim.

Von Felix Quebbemann

Mittlerweile wurden einige Knüpfrahmen in Pakistan aufgebaut, so dass die Knüpferfamilien wieder ihrer Arbeit nachgehen können. Foto: privat

Es herrschen gerade sehr unruhige Zeiten auf der Welt. Natürlich fällt einem zunächst der Ukraine-Konflikt. Das Hin und Her bei der Corona-Politik dürfte auch viele Bürger bewegen. Etwas aus dem Fokus geraten ist hingegen, so kann man jedenfalls den Eindruck gewinnen, die Krise in Afghanistan.

Jürgen Tönsmann ist froh, dass es seinem Büroleiter, dessen Familie und den Knüpfern gut geht. Foto: Felix Quebbemann

Dabei braut sich dort laut Jürgen Tönsmann, Espelkamper Teppichhändler, einiges zusammen. Und mittendrin ist seit Monaten sein Büroleiter aus Kabul, Ibrahim. Der musste vor dem Regime der radikalen Taliban flüchten. Seine Flucht führte ihn in das benachbarte Pakistan. Dort sei er zunächst einmal sicher. Aus der Not eine Tugend machen – dieses Sprichwort haben sich Jürgen Tönsmann und Ibrahim zu eigen gemacht. Denn mittlerweile sei auch einigen Knüpferfamilien, die für das Espelkamper Unternehmen tätig sind, die Flucht nach Pakistan gelungen.

Sie hätten sich an Ort und Stelle Knüpfrahmen gebaut und mittlerweile würden, in einem geringeren Rahmen als zuvor in Afghanistan, wieder Teppiche geknüpft. Ein knappes Dutzend Knüpferfamilien hätten es geschafft, die Grenze nach Pakistan zu überqueren. Die vorherigen Produktionsstrukturen wie in Afghanistan sind aber noch lange nicht erreicht. „Wir hatten vorher mehr als 100 Leute“, sagt Tönsmann.

Jürgen Tönsmann

Er zeigte sich aber froh darüber, dass vielen die Flucht vor den Taliban gelungen ist. Denn die Zustände würden sich in Afghanistan verschlechtern. „Nachdem die Taliban zeitweise den Schulbesuch für Mädchen toleriert haben, wurden diese Schulen für Mädchen wieder geschlossen. Die Situation ist nach wie vor unsicher und gefährlich“, so Tönsmann. Daher wird die Produktion der Teppiche vorerst aus Pakistan fortgeführt, so der Teppichhändler. In der Nähe des pakistanischen Ortes Lahore wird mittlerweile geknüpft. Eine Rückkehr nach Afghanistan ist momentan undenkbar. „Sollte sich die Situation in Afghanistan irgendwann einmal normalisieren, ist beabsichtigt, die Teppich Knüpferei zurückzuverlegen.“ Doch davon kann derzeit noch keine Rede sein. Vielmehr sieht es danach aus, als ob eine neue Eskalation bevor steht.

Juniorchef Frank Tönsmann im Gespräch mit Farzad Sultani, derzeitiger Praktikant im Unternehmen aus Afghanistan Foto: privat

Das Teppichunternehmen beschäftigt derzeit den Praktikanten Farzad Sultani aus Afghanistan. Der stehe in ständigem Kontakt mit seinen Verwandten. Und die hätten durchblicken lassen, dass sich nun die Demokraten im Land gegen die Taliban auflehnen wollen. Frieden ist in weiter Ferne. Und was ist mit der Filiale des Espelkamper Unternehmers? Tönsmann geht aktuell davon aus, „dass das Büro in Kabul verloren ist“ – die darin gelagerten Teppiche inklusive. „Es war für uns ein großer Verlust“, gibt Tönsmann zu. Aber solche Unruhen hätte er in der Vergangenheit bereits häufiger erlebt und durchgemacht. Das gehört zum Geschäft. Zunächst einmal aber sind er und das gesamte Teppichunternehmen Tönsmann froh, dass es Büroleiter Ibrahim, dessen Familie und den Knüpferfamilien nach Pakistan geschafft haben und es ihnen gut geht. Ibrahim wolle, sollte sich die Lage in Afghanistan wieder beruhigen, wieder zurückkehren in seine Heimat, so Tönsmann. Ein solches Szenario ist aber momentan noch nicht abzusehen.

Startseite
ANZEIGE