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Impfaktion am Ludwig-Steil-Hof: Vorstand und Bereichsleitung nehmen ausführlich Stellung

„Den zweitschlechtesten Weg gewählt“

Espelkamp

Pfarrer Stefan Bäumer, Vorstand des Ludwig-Steil-Hofes, und Bereichsleiterin Sarah Dieckbreder-Vedder haben zu der Impfaktion in der Einrichtung Stellung genommen. Darin räumen sie Fehler ein, weisen aber den Vorsatz-Vorwurf zurück.

Felix Quebbemann

Die Impfaktion im Ludwig-Steil-Hof am 20. Januar sorgt für viel Gesprächsstoff. Foto: Felix Quebbemann

„Aus heutiger Sicht haben wir eine Entscheidung getroffen, die wir für falsch oder schlecht halten.“ Pfarrer Stefan Bäumer, Vorstand des Ludwig-Steil-Hofes, und Sarah Dieckbreder-Vedder, Leiterin des Bereichs Psychosoziale Rehabilitation, haben am Dienstag ausführlich zu den Geschehnissen während der Corona-Impfaktion in der Psychosozialen Rehabilitation am 20. Januar Stellung genommen.

Und dabei machten sie im Gespräch mit dieser Zeitung deutlich, dass Fehler gemacht wurden – aber es habe keine vorsätzlichen oder im Vorfeld geplanten Impfungen an Angehörige gegeben. Das betonten die beiden ausdrücklich. Dies war einer der Vorwürfe, der der Einrichtung in anonymen Schreiben gemacht wurde.

Pfarrer Stefan Bäumer

„In der Gesamtbetrachtung ist der zweitschlechteste Weg beschritten worden“, sagte Bäumer. Dieser Weg führte dazu, dass zum einen drei Dosen des Impfstoffes von Biontech/Pfizer an Angehörige von Mitarbeitern verimpft wurden. Darüber hinaus seien auch Personen geimpft worden, die nicht zu den Gruppen mit höchster Priorität gehören – unter anderem auch Pfarrer Stefan Bäumer.

Der Vorstand sprach vom zweitschlechtesten Weg, weil der schlechteste Weg die Vernichtung von Impfstoff gewesen wäre. Wie ist es nun zu der Situation gekommen, die in den vergangenen Tagen für so viel Gesprächsstoff gesorgt hat?

Pfarrer Stefan Bäumer Foto: WB

Fünf Tage vor dem eigentlichen Impftermin sei Sarah Dieckbreder-Vedder zu Pfarrer Bäumer gekommen und habe erklärt, dass eventuell von den 135 bestellten und letztlich 138 erhaltenen Impfeinheiten eine übrig bleiben könnte. Ob Bäumer diese haben wolle? „Ich habe nicht lange überlegt und gesagt, dass ich sie auf keinen Fall haben möchte“, sagte Bäumer. Nach kurzen Überlegungen sollte ein chronisch kranker Mitarbeiter die Einheit erhalten. Dies sei auch wie geplant verlaufen, so Bäumer.

Einbahnstraßensystem

Am Tag der Impfung, dem Mittwoch, 20. Januar, hätten Bäumer und Dieckbreder-Vedder eine dienstliche Besprechung gehabt. Um das Impfgeschehen zu beobachten, sei die Bereichsleiterin schließlich in das nahegelegen Gebäude der Impfaktion gegangen. Dort bot sich ihr ein nach eigenen Angaben chaotisches Bild.

Eigentlich sei ein Einbahnstraßensystem im Vorfeld ausgearbeitet worden. „In der Theorie waren wir gut vorbereitet“, sagt Dieckbreder-Vedder. Doch die Impfwilligen hätten sich weder an das System noch an die im Vorfeld ausgegebenen Termine gehalten. Es seien vom Ärzteteam um Dr. Andreas Eller pausenlos Spritzen mit Impfstoff aufgezogen worden, bis es um kurz nach drei jedoch zu einem Impfloch kam, wie die Bereichsleiterin weiter erklärt. Die Spritzen aber waren aufgezogen.

Zweite Offerte

Die Bereichsleiterin habe schließlich Pfarrer Bäumer gesagt, er solle kommen und sich impfen lassen. „Wenig später bin ich rübergegangen, aber ich hätte die zweite Offerte für eine Impfung auch ablehnen müssen“, erinnert sich Bäumer, der ein mulmiges Gefühl gehabt habe – nicht nur wegen des Impfangebots sondern auch wegen einer heftigen Reaktion bei einer früheren Pockenimpfung.

Was Bäumer im Impfgebäude vorfand sei eine „rätselhafte Situation“ gewesen. Das Haus sei mit zahlreichen Menschen gefüllt gewesen. Personen der Psychosozialen Rehabilitation und Mitarbeiter seien ein- und ausgegangen. Auch Mitarbeiter der Verwaltung habe er gesehen. Er sei dieser Sache jedoch nicht weiter nachgegangen und schließlich geimpft worden. Eine halbe Stunde lang habe er sich zur Beobachtung möglicher Impfnachwirkungen noch im Gebäude aufgehalten. „Ich habe wahrgenommen, dass völlig unklar war, wie viele Menschen noch kommen sollten und wie viel Impfstoff noch da war.“

Sarah Dieckbreder-Vedder

Dies sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass im Bereich der Psychosozialen Rehabilitation die Klienten spontan ihre Meinung zur Impfbereitschaft ändern würden. Aber auch Mitarbeiter hätten noch kurz vorher umgeschwenkt. „Es gab einen permanenten Abgleich der Listen“, sagt Dieckbreder-Vedder.

Bis 17 Uhr, dem Ende der Impfaktion, sei für die Organisatoren nicht klar gewesen, wer kommt noch. Das Team rund um Sarah Dieckbreder-Vedder stellte die Frage, ob noch Personen aus der häuslichen Pflege oder der Tagespflege kämen. Dies sei nicht der Fall gewesen. Es lagen aber noch aufgezogene Spritzen bereit. Der Impfstoff sei nach Aussagen von Dr. Eller dann nur etwa eine Stunde wirksam, so Bäumer. „Es musste zum Schluss kommen.“ Das Orga-Team stellte sich die Frage, was mit den aufgezogenen Einheiten geschehen solle. „Es war klar, dass die Spritzen nicht weggeworfen werden dürfen“, sagte Bäumer. „Niemand aber ist auf die Idee gekommen, im Kreise unserer Mieter auf dem Gelände zu suchen“, und somit den Impfstoff an die Prioritäten-Gruppe eins zu verimpfen, sagt Bäumer.

Auf die Frage, wie nun „halbwegs sinnvoll der übrig gebliebene Impfstoff“ verwendet werden soll, habe Bäumer seinen „zweiten Fehler begangen“. Seine Frau könne in weniger als fünf Minuten da sein, da sie auf dem Gelände wohne, habe er gesagt. Es sei ihm ein Telefon gereicht worden, damit er sie anrufe.

Sarah Dieckbreder-Vedder, Bereichsleiterin Psychosoziale Rehabilitation im Ludwig-Steil-Hof Foto: Felix Quebbemann

Bäumer habe als Vorstand zwei Fehler begangen – zum einen die zweite nicht ausgeschlagene Impf-Offerte, zum anderen seine Frau für die Impfung vorzuschlagen. Er bedaure dies im Nachhinein außerordentlich. Es sei aber nicht mehr rückgängig zu machen. Vorsatz oder gar Planung der Impfungen von Angehörigen und sich selbst schloss er kategorisch aus. Er habe sich nicht vordrängeln oder Privilegien erhalten wollen, wie ihm in anonymen Schreiben vorgeworfen wird. Seit beinahe 16,5 Jahren sei er im Vorstand der evangelischen Stiftung. „Ich habe den Ludwig-Steil-Hof schätzen und lieben gelernt. Er ist mein Ding.“ Er habe den hohen Anspruch sowohl an sich wie auch an die Mitarbeiter, dass im Steil-Hof sauber und ehrlich gearbeitet werde. Beim Stiftungsrat habe er sich für sein Verhalten entschuldigt.

Keine Geheimhaltung

Einen Vorsatz bei den Vorgängen wies auch Sarah Dieckbreder-Vedder zurück. Während der Impfaktion, die sie organisiert habe, sei offen gesprochen worden. Selbst als die letzten Einheiten zur Verimpfung anstanden, sei gemeinsam darüber beraten worden, wen man impfen könne. Von Geheimhaltung oder Stillschweigen könne keine Rede sein. „Wir haben einen völlig offenen Vorgang gehabt.“

Darüber hinaus sagte sie, wenn es Vorsatz gewesen wäre, hätte sie ihren an Diabetes erkrankten Sohn, der in Bielefeld wohnt, im Vorfeld mitgebracht, und nicht ihren Ex-Mann, der in der Nähe des Ludwig-Steil-Hofes wohnt, vorgeschlagen.

Als sie Pfarrer Bäumer im ersten Impfloch als Person angab, habe sie sich zudem gefragt, wer als Schnittstelle mit dem Pflegepersonal fungiere. Neben Bäumer seien das zum Beispiel auch IT-Mitarbeiter der Verwaltung.

Aufgezogene Spritzen

Und zum Ende der Aktion habe die Zeit gedrängt. Dieckbreder-Vedder sagt: „Die Spritzen waren aufgezogen und die Zeit lief. Man hätte viele Entscheidungen treffen können. Für mich war klar, ich schmeiße das (den Impfstoff, Anm. d. Red.) nicht weg.“

Der Sohn einer Kollegin habe als weiterer Angehöriger den Impfstoff erhalten. „Wir waren mit einigen Leuten im Raum, aber niemand ist auf die Idee gekommen, die Mieter des Steil-Hofes zu fragen“, fügt Dieckbreder-Vedder an.

Insgesamt habe es 138 Einheiten des Corona-Impfstoffes gegeben, von denen 135 an Mitarbeiter oder Klienten des Steil-Hofes verimpft worden seien, so Dieckbreder-Vedder. Sie übernehme als Organisatorin der Aktion die Verantwortung für die Impf-Entscheidungen: „Ich habe das entschieden.“

„Nichts beschönigen“

Pfarrer Bäumer betonte, dass die Impfaktion in der Psychosozialen Rehabilitation (PR) aufgrund des Engagements von Bereichsleiterin Sarah Dieckbreder-Vedder stattgefunden habe. Eigentlich befindet sich der Bereich der Psychosozialen Rehabilitation nämlich nicht auf der Impf-Prioritätenliste ganz oben. Da aber viele Patienten erhebliche körperliche Einschränkungen und Erkrankungen haben, habe sie Erfolg mit dem Antrag für die Impfaktion gehabt.

Pfarrer Bäumer erklärt abschließend: „Es sind Entscheidungen getroffen worden, die so nicht hätten getroffen werden dürfen. Wir wollen auch nichts beschönigen.“ Es sei jedoch niemandem – wie unterstellt – der Impfstoff weggenommen worden. Dies könne er so nicht unterschreiben. „Wir haben nichts zu vertuschen, zu verbergen oder zu verschweigen. Ganz im Gegenteil“, sagt Bäumer. Es sei wichtig, die Vorgänge bei der Impfaktion zu erläutern – „aber so, wie sie gewesen sind, und nicht so, wie Menschen meinen, wie sie gewesen sein könnten.“

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