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21 Jahre Espelkamper Bürgermeister: Heinrich Vieker nimmt Abschied

Der Blick geht nach vorn

Espelkamp (WB). Der Schreibtisch von Heinrich Vieker sieht mitnichten so aus, als ob der amtierende Bürgermeister Ende des Monats in den Ruhestand gehen würde. Der 65-Jährige sagt denn auch: „Ich bin bis zum 29. Oktober komplett ausgebucht.“ Es gebe noch Sitzungen bei Verbänden und Zweckverbänden.

Felix Quebbemann

Mehr als 100 Ratssitzungen hat Heinrich Vieker im Ratssaal geleitet und die Entwicklung Espelkamps über zwei Jahrzehnte entscheidend geprägt. Er geht davon aus, dass sich die Wirtschaft Espelkamps in der Nach-Coronazeit schnell erholen wird. Es werde sicherlich Einbußen geben. „Aber wir sind gut aufgestellt“, ist Vieker von der Stärke Espelkamps überzeugt. Foto: Felix Quebbemann

Heinrich Vieker lebt und liebt seinen Beruf als Bürgermeister. Das sieht und fühlt der Besucher, wenn er in sein Büro kommt. Akten liegen auf dem Schreibtisch, daneben die Tagespresse, eine Tasse Kaffee und natürlich der Computer.

Der Abschied

Nein, so richtig habe er sich mit seiner Verabschiedung noch gar nicht beschäftigt, gesteht er. Natürlich haben die Mitglieder des Rates ihm vergangene Woche „Lebe wohl“ gesagt. Der Abschied mit Freunden und Weggefährten findet am Freitag, 16. Oktober, statt. In seiner letzten Dienstwoche sagt dann seine Rathaus-Mannschaft „Auf Wiedersehen“.

Dann sind 21 Jahre im Amt des Bürgermeisters vorbei und Heinrich Vieker startet in einen neuen Lebensabschnitt. Durch die Pandemie ist sein Beruf jüngst ein wenig ruhiger geworden. „Wegen Corona ist die Repräsentationspflicht auf Null gefallen. Es gibt kaum noch Abend- oder Wochenendtermine“, sagt er. Dies bedauert Vieker sehr. Denn er hatte vorgehabt, sich innerhalb dieser Termine von Vereinen, Dorfgemeinschaften und anderen örtlichen Zusammenschlüssen zu verabschieden. „Es sind überall Freundschaften entstanden“, weiß der 65-Jährige um das enge Band, das sich über die Zeit mit zahlreichen Ehrenamtlichen und Vertretern verschiedener Dörfer gebildet hat. Natürlich werde er diese Besuche nachholen – dann aber als Bürger.

La Dolce Vita

Nur selten ist er in den vergangenen 21 Jahren nicht in irgendeiner Weise in offizieller Funktion bei Veranstaltungen gewesen. Wer nun aber denkt, der bevorstehende neue Abschnitt werde Heinrich Vieker nervös machen, der irrt.

Bereits vor Wochen hat er gesagt, dass er den Ruhestand als diesen betrachte und nicht täglich im Rathaus zu finden sein werde. Vielmehr will er das „süße Leben“ – La Dolce Vita – genießen.

Obwohl diese italienische Redensart nicht so ganz in den Sprachenplan des noch amtierenden Bürgermeisters passt. Auf dem Plan stehen vielmehr die Sprachen Spanisch und Französisch. „Französisch hatte ich ja in der Schule. Aber wenn man in dem Land nicht vorbeischaut, schläft die Sprache ein.“ Spanisch will Vieker vor allem für seine Urlaube verbessern. Mit der Volkshochschule sei er schon in Bilbao, dem Baskenland und Andalusien gewesen. Er sagt: „Spanisch ist ein bisschen für den Urlaub. Denn die Sprache zu sprechen zeigt die Wertschätzung für das Gastland.“

Nicht zuletzt steht bei dem 65-Jährigen auch ein Abstecher nach Irland auf dem Programm. „Das war schon immer ein Traum.“ Er sei ein Fan von Irish Folk. Und er schließe nicht aus, dass nach einem Besuch auf der Grünen Insel weitere folgen werden.

Langeweile – Fehlanzeige

Langweilig wird Heinrich Vieker also nicht. Langweilig wurde es ihm auch nicht in den vergangenen 21 Jahren als Stadtoberhaupt – obwohl er klipp und klar sagt: „Ein Rückblick fällt mir immer schwer, weil ich nach vorne orientiert bin.“ Wenn etwas abgeschlossen sei, widme er sich dem nächsten Thema.

Er habe jedoch nicht gedacht, als er 1999 gewählt wurde, dass er 21 Jahre im Amt bleiben würde. „Als ich gewählt wurde, war ich 44 Jahre.“ Es hätte auch anders kommen können, überlegt er kurz. Es habe Amtskollegen gegeben, die mit knapp 50 Jahren in den Ruhestand geschickt worden sind. „Dass es 21 Jahre geworden sind, ist schon eine Besonderheit.“

Aber er gesteht, dass nach drei Amtszeiten „durchaus ein Zeitpunkt gekommen war“, an dem er über einen Rückzug nachgedacht habe. „Ich habe es erwogen.“ Aber dann ist alles anders gekommen. Es seien ihm unter anderem seine Führungskräfte wie der ehemalige Stadtoberbaurat Heiner Brockhagen und Kämmerer Achim Wilmsmeier abhanden gekommen.

Gute Ausgangsposition

Für ihn sei es daher selbstverständlich gewesen, den neuen, jungen Leuten den zu Rücken zu stärken. „Das hat auch alles gut geklappt und sie haben ihre Chance genutzt“, sagt Vieker. Nun übergebe er ein super Team. „Es sind alles junge Leute.“ Sie seien hungrig und aufgeweckt – eine gute Ausgangsposition für die Stadt und ihren neuen Bürgermeister – Heinrich Viekers Sohn Henning.

Heinrich Vieker sieht für seine Stadt, die er 21 Jahre lang mit gestaltet hat, gute Perspektiven und stellt die wirtschaftliche Stärke heraus. Aus seiner Erfahrung weiß er: „Hier kann man planen und umsetzen.“ Als Beispiel führt er die Entwicklung der Gewerbesteuer an. „Wenn man sieht, in welcher Größenordnung sich die bewegt – das ist gewaltig.“

Dieser Terminus trifft auch auf die neue Sporthalle zu, die sechs bis sieben Millionen Euro kosten wird. Ein Großteil werde durch Fördermittel finanziert. Aber auch der Einsatz von Eigenkapital wird von Vieker herausgestellt. Im Vergleich dazu nimmt sich der Start seiner Amtszeit eher bescheiden aus. „In meiner ersten Legislaturperiode hatten wir ein großes Bauprojekt – das Hexenhaus.“

Durchstarter

In seiner zweiten Legislaturperioden schließlich folgte eines der wichtigsten Projekte – das neue Einkaufszentrum. Auch die Geschäfte „füllten sich wieder“, so Vieker. Dennoch habe sich die Stadt bis ins Jahr 2007 in der Haushaltssicherung befunden. Die Bevölkerung Espelkamps sei in der Zeit von 27.000 auf 24.500 gefallen. 8500 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze standen zu Buche.

Einige Jahre und etliche erfolgreiche Kooperationen später habe sich die Bevölkerung bei 25.000 stabilisiert. „Wir haben über 12.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Bei den Gewerbesteuereinnahmen pro Einwohner liegen wir unter den Top 5 in Ostwestfalen-Lippe“, sagt Vieker. „Das ist schon eine gute Entwicklung gewesen.“

In vielen Bereichen habe Espelkamp in seiner Amtszeit Pilotcharakter gehabt. Vieker nennt die Einführung des Bürgerbüros oder auch die Gründung der AöR bei den Stadtwerken sowie die Entwicklung des Stadtmarketingvereins und die Kooperation mit der Aufbaugemeinschaft. „Wir haben in vielen Bereichen auf Moderne und Umbau gesetzt.“

Espelkamp werde künftig auch die Stadt sein, die komplett auf Digitalisierung setze. Er nennt das Stichwort „papierloses Büro“. Dies werde nicht von einem Tag auf den anderen gehen. „Aber die Weichen sind gestellt.“ Als er 1999 sein Amt antrat, habe es noch ein anderes Verständnis in der Verwaltung gegeben. Es herrschte die Auffassung der Obrigkeitsverwaltung, die der 65-Jährige zu einer bürgernahen Verwaltung umgebaut habe.

Kurze Wege

Etwas erleichtert hatte ihm dabei die Tatsache, dass alle Amtsleiter nach seiner ersten Wahl in den Ruhestand gingen. In seiner Verwaltung seien die kurzen Wege das Ziel gewesen. Schon bald werde es „die Möglichkeit geben, dass jeder Bürger das virtuelle Rathaus zuhause am PC erleben kann.“

Bauprojekte wird es auch in Zukunft geben. Bei diesem Stichwort erinnert Vieker an mehrere Bauvorhaben der Vergangenheit: das EDC der Harting-Technologiegruppe und der Grünanger. Auch die Gauselmann-Gruppe sei weiterhin am Bauen.

Glücklich zeigt er sich über die gut ausgerüstete Feuerwehr, die unter anderem beim Stanger-Brand 2005 gezeigt habe, wie wichtig gute Ausbildung sei.

Weitere Pläne

Der Blick zurück ist jedoch nicht unbedingt Heinrich Viekers Ding. Vielmehr beschäftigt er sich mit Plänen für seinen Ruhestand, den er mit seiner Frau Ulrike auf seinem Hof in Isenstedt verbringen möchte. Um den Hof werde er sich ein bisschen kümmern. Zudem habe er noch ein bisschen Wald, dessen Bestand beobachtet werden müsse.

Nach seinen Operationen an Knie und Augen werde er sich zudem darauf konzentrieren, gesund zu bleiben und beweglicher zu werden. Wassergymnastik stehe hoch im Kurs „Und auch das Radfahren will ich intensivieren.“ Den Kauf eines E-Bikes hat Vieker geplant. Denn damit will er noch so manches Fleckchen in Deutschland und Umgebung erkunden. „Es gibt überall schöne Ecken.“

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