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Die Geschichte des Erfolgsunternehmens von den Anfängen bis zur Gegenwart

Die Firma Harting feiert 75. Geburtstag

Espelkamp(WB). Der erste Adventssonntag 1961 war ein besonderer Tag für Espelkamp. In dem jungen Ort mit seinen gut 10.000 Einwohnern wird das Richtfest der Thomaskirche gefeiert.

Reinhard Günnewig

Zu der öffentlichen Feier erhält Wilhelm Harting eine persönliche Einladung der evangelischen Kirchengemeinde Espelkamp-Mittwald, inklusive einem Nachdruck der Urkunde, die bei der Grundsteinlegung des Gotteshauses im November 1960 eingemauert worden war. Mit dem Geschenk dankt die Gemeinde dem Unternehmer für seine Unterstützung des Projektes im Herzen der Stadt.

Die Anfänge

Ab 1950 war die Firma, am 1. September 1945 als „Wilhelm Harting Mechanische Werkstätten“ in Minden, Stiftsallee 27, gegründet, schrittweise nach Espelkamp umgezogen, weil es an der Weser letztlich an ausreichend Platz und Gebäuden mangelte.

Mit den zum Teil erhaltenen Hallen der einstigen Munitionsfabrik, finanzieller Förderung durch das Land und dem Zustrom Tausender Vertriebener und Flüchtlinge als potenzielle Arbeitskräfte bot Espelkamp beste Bedingungen für den weiteren Aufbau der „Werkstätten“, die mit der Reparatur und Produktion von Haushaltsgeräten und Autoelektrik erfolgreich gestartet war.

Espelkamp verdankt der Niederlassung von Harting seinen Aufstieg zum führenden Wirtschaftsstandort in der Region; das Unternehmen wird Motor und Treiber für Innovationen und die Modernisierung der kommunalen Infrastruktur. Und das bis heute.

Für Wilhelm und Marie Harting ist die Stadt mehr als der neue Firmensitz. Als Marie auf einem Grundstück ein vierblättriges Kleeblatt findet, nimmt sie das als gutes Omen und lässt dort ihr Privathaus errichten. Wilhelm gründet 1956 mit Interessierten den örtlichen Tennisverein und hilft bei der Anlage von Tennisplätzen. Bis zu seinem Tod leitet er den TV, für zwölf Jahre übernimmt anschließend Marie den Vorsitz.

Vor allem aber bietet die Firma jenen Arbeit und ein Dach über Kopf, die ihre Heimat verlassen mussten. Fast zwei Drittel der Belegschaft in den 1950-er Jahren – zwischen 1950 und 1960 stieg die Zahl der Mitarbeiter von 150 auf rund 850 – kommt aus Sachsen, Schlesien und Ostpreußen.

Fürsorgliche Chefin

„Die zahlreichen Vorzüge des Könnens und landsmannschaftlichen Wesens der Einheimischen und Vertriebenen prägen das Gesicht unserer modernen Betriebsgemeinschaft“, hebt Wilhelm Harting bei der Betriebsfeier zum 15-jährigen Bestehen ihre Leistung und ihr Engagement hervor.

Marie Harting, die nach dem Tod (1962) ihres Mannes, das Unternehmen zunächst alleine weiterführt, ist eine resolute aber fürsorgliche Chefin. Gelegentlich schmiert sie Butterbrote für Mitarbeiter, macht ihnen das Mittagessen und hat ein Auge auf Kinder, die morgens zur Arbeit mitgebracht werden, wenn die Kindergärten noch geschlossen sind.

Aktiver Einsatz

Aktiver Einsatz für das Gemeinwesen gehört zum bürgerschaftlichen Selbstverständnis auch der 2. Harting-Generation. Eine Wahlperiode, von 1975 bis 1979, ist Dietmar Harting als sachkundiger Bürger Mitglied des Planungsausschusses Espelkamp; Margrit Harting, die 1987, zwei Jahre vor dem Tod von Marie Harting in das Unternehmen eintritt, gehört von 1973 bis 1979 dem Rat an. Ähnlich wie Wilhelm Harting, der in der Mindener Anfangszeit des Unternehmens Grün-Weiß Dankersen unterstützt, ist Dietmar Harting dem Handballsport zugetan. Als Jugendlicher läuft er für den ATSV Espelkamp aufs Feld, später wird das Unternehmen einer der wichtigsten Sponsoren des Vereins, ermöglicht 2015 die Modernisierung des städtischen Albert-Pürsten-Stadions, benannt nach einem der ATSV-Gründungsmitglieder und späteren populären heimischen Landtagsabgeordneten.

2017 erhält der neue Sportpark Mittwald, Heimstatt des FC Preußen Espelkamp, ein attraktives Zentrum. Dietmar Harting, 2015 zum FC-Ehrenmitglied ernannt, finanziert neben einem Spielfeld den Bau eines Sportheimes mit Mannschafts-, Schiedsrichter- und Trainerkabinen, Fitness-, Kraft- und Sanitätsräumen, Besprechungszimmer, Rehaabteilung und Bistro mit Terrasse.

Kulturell verfügt die Stadt seit der Wiedereröffnung des Neuen Theaters im Jahr 2002 über eine zeitgemäße Spielstätte für Konzerte, Musik- und Sprechtheater. Neben der Stadt haben mehr als 100 Personen, Vereine und Unternehmen die Generalüberholung und Modernisierung des Hauses ermöglicht, darunter Harting mit rund einer Million Euro.

„Man fühlt sich umarmt. Dieses Haus hat die richtige Größe, ist schön, nicht zu groß und nicht zu klein“, schwärmt Schauspielerin Hannelore Hoger bei der Einweihung. Claus Peymann, Regisseur und langjähriger Intendant des Berliner Ensembles (BE), der seit 2005 mehrfach im Neuen Theater gasiert, erhebt Espelkamp sogar – „zwischen New York und Paris“ - zu einer „Außenstelle“ des BE.

Prioritäten

Espelkamps Attraktivität steigern, als Wohnort, Arbeitsstätte, Lebens- und Freizeitraum, hat für Harting Priorität, ist wichtig für die Sicherung des Standortes und die unternehmerische Positionierung als innovativer, global ausgerichteter Technologiekonzern. Die Belegschaft wächst stetig und im Wettbewerb um die besten Köpfe spielen positive Standortfaktoren bei Bildung, Wohnen, Kultur, Konsum und medizinischer Versorgung eine große Rolle.

Knapp 2.000 Mitarbeitende sind in den mittlerweile acht Werken in Espelkamp beschäftigt; die Hälfte lebt in der Stadt. Zwar ist die Zahl der Beschäftigten in den ausländischen Tochtergesellschaften, etwa in Rumänien (1.300 Mitarbeiter), in letzter Zeit noch stärker angestiegen. Dennoch bleibt Espelkamp der Stammsitz des Familienunternehmens, das nun in 2. und 3. Generation – 2015 übernahm Philip Harting – den Vorstandsvorsitz von seinem Vater - geführt wird. Für ihre vielfachen Verdienste, nicht zuletzt als Förderer und Unterstützer wichtiger lokaler Einrichtungen und Angebote, wie der Kirchenmusik oder des Waldfreibads, wurden Dietmar und Margrit Harting – sie war ein Jahrzehnt Vorsitzende des Volksbildungswerks und von 1989 bis 2001 Mitglied des Kuratoriums des Ludwig-Steil-Hofes – 2009 mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Espelkamp ausgezeichnet. „Sie haben sich für Espelkamp, die Region und ihre Menschen in beispielhafter und überragender persönlicher Weise eingesetzt – als Partner und Anreger, als konstruktive Kritiker und kreative Förderer, als großzügige Mäzene und wichtige Impulsgeber. Sie sind ein Glücksfall für Espelkamp“, sagte Bürgermeister Heinrich Vieker damals in seiner Laudatio.

Industriearchitektur

Dafür steht als jüngstes Beispiel Hartings „Medici“, das kürzlich fertiggestellte Ärztehaus im Zentrum der Stadt mit Praxen unterschiedlicher Fachrichtungen und Angeboten für medizinische Versorgung und Behandlung. Direkt gegenüber ist demnächst Baubeginn für das „Welcome-House“ – Bauherr ist die Aufbaugemeinschaft – mit hochwertigen Wohnungen, die auch von Harting angemietet werden.

In puncto Industriearchitektur hat Espelkamps größter Arbeitgeber ebenfalls Maßstäbe gesetzt, schon mit dem 1979 errichteten 1. Bauschnitt von Werk 2 im Industriegebiet Nord, dem bis 2001 drei Erweiterungen folgten. 1977 hatte das Unternehmen dafür 50.000 Quadratmeter Bauland erworben, für deren „mustergültige Grünplanung“, so die Begründung, der Firma noch im selben Jahr der 1. Preis im Wettbewerb „Unser Kreis soll schöner werden“ zuerkannt wurde. 1988 und 1997 entstanden in Nachbarschaft zu Werk 2 die Werke 3 A und B. Das 2002 eingeweihte Werk 5 am Mittellandkanal, Sitz von HA Systems, das 2014 eröffnete Harting Qualitäts- und Technologiecenter (HQT) in Werk 1 und die High-Tech-Versandzentrale, das European Distribution Center (HQT), setzten die Reihe markanter Immobilien fort.

Gauck gratuliert

Die Erfolgsgeschichte von Harting, der Weg in die Zukunft und die Rolle des Unternehmens seit sieben Jahrzehnten als Entwicklungsmotor für Espelkamp, wie es kein anderes Unternehmen war - „Was wäre die Stadt ohne diese Firma?“, so eine Mitarbeiterin – stehen im Zeichen der offiziellen Veranstaltung zum Jubiläum.

Hauptredner beim Festakt am 1. September im Mindener Botta-Bau ist der frühere Bundespräsident (2012 – 2017) Dr. h.c. Joachim Gauck. Anschließend besucht Gauck das Harting-Ausbildungszentrum Nazha in Espelkamp und trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein.

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