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Corona-Situation im „Hotspot Espelkamp“: mehr als 700 Infizierte - Stadtmarketing in Sorge

„Ein Jammer und ein Elend“

Espelkamp

723 laborbestätigte Corona-Infizierte zählt die Stadt Espelkamp mittlerweile. Die Situation bereitet unter anderem dem Präsidenten des Stadtmarketingvereins, Rolf-Bernd Eggersmann, große Sorge.

Felix Quebbemann

Aus dem Rathaus kam die Information, dass das Ordnungsamt weiterhin mehrmals die sich in Quarantäne befindenden Personen überprüft. Auch die Gottesdienste, vor allem der freichristlichen Gemeinden, stünden unter Beobachtung. Foto:

„Hotspot Espelkamp“ – diesen Terminus musste man sich in den vergangenen Tagen durchaus das ein oder andere Mal anhören, wenn es um das Thema Corona im Mühlenkreis ging.

Die Kreisverwaltung hat vor einigen Tagen per amtlicher Verfügung verschärfte Maßnahmen für die Stadt verhängt – zusätzlich zum zweiten Lockdown, der bereits seit November gilt.

Rolf-Bernd Eggersmann, Präsident des Espelkamper Stadtmarketingvereins, verfolgt die Entwicklungen in der Stadt mit Sorge. Zumal das wahre Ausmaß der Corona-Folgen wohl erst viel später zu erkennen ist. Daher sagt Eggersmann auch: „Es gibt Effekte, die erst später zu spüren sein werden.“ Aber bereits jetzt bezeichnet er die Situation für den Bereich der Gastronomie und des Einzelhandels als „ein Jammer und ein Elend“. Vor allem im Bereich der Gastronomie hätten die Betreiber viel getan, um die Auflagen nach dem ersten Lockdown zu erfüllen. Nun seien sie wieder die ersten Leidtragenden im zweiten Lockdown gewesen. „Es ist grausig.“ Und Eggersmann befürchtet: „Ich habe große Bedenken, ob das wirtschaftlich gut ausgeht.“

Auch der Einzelhandel ist von den verschärften Maßnahmen für Espelkamp betroffen. Und da sieht Eggersmann ebenfalls mit Sorge die Auswirkungen der neuen Auflagen.

Als Stadtmarketing-Präsident ist er aber nicht nur für die Wirtschaft in der jungen Stadt verantwortlich. Auch zahlreiche Veranstaltungen und damit der kulturelle Bereich liegen in den Händen des Stadtmarketings. Dort sei der Druck für die Kulturschaffenden riesengroß.

Rolf-Bernd Eggersmann, Präsident Stadtmarketing Espelkamp Foto: Felix Quebbemann

Die Künstler wollten zwar auftreten, nur dürften sie es eben nicht. Künstler und Kultur „verrosten förmlich“, sagt Eggersmann. Zudem werde der Bereich kaum gefördert. Hinzu komme, dass Proben aufgrund der Beschränkungen nicht vorgenommen werden könnten. „Das ist alles furchtbar“, entfährt es Eggersmann. Viele im dortigen Bereich Tätige wie Tontechniker seien arbeitslos oder müssten sich umorientieren. Er sprach in diesem Zusammenhang sogar von „Verelendung“.

Er sieht in der Corona-Krise die Gefahr, dass die Vielfalt im Kulturbereich verloren gehe. So habe er in Gesprächen mit bereits aufgetretenen Künstlern in Espelkamp durchaus schon zu hören bekommen: „Es wird eng.“

Ein weiterer Punkt ist, dass dem Stadtmarketing-Präsidenten bereits zu Ohren gekommen sei, dass es Menschen gebe, die derzeit in Espelkamp nicht einkaufen, weil sie aufgrund der hohen Infektionszahlen Angst haben, sich in der Stadt mit dem Coronavirus anzustecken. „Das ist äußerst bedauerlich aus Sicht des Stadtmarketingvereins“, sagt Eggersmann. Er hofft, dass die Zahlen in den nächsten Tagen fallen, um die Besorgnis nicht noch größer werden zu lassen.

Die Zahlen jedoch machen bislang kaum Grund zu großer Hoffnung. Von Mittwoch auf Donnerstag gab es erneut 30 neue Infizierte. Insgesamt zählt die Stadt jetzt 723 laborbestätigte Infektionen, wie der Kreis gestern mitteilte. Sollte sich die Lage zuspitzen, so hat der Kreis bereits angedeutet, weitergehende Beschränkungen für Espelkamp auszusprechen.

Matthias Tegeler, Fachbereichsleiter Soziale Dienste in der Verwaltung, erklärte auf Nachfrage dieser Zeitung, dass das Ordnungsamt regelmäßige Kontrollen vornehme – sowohl bei den Bürgern in Quarantäne, in den Einzelhandelsgeschäften als auch bei Gottesdiensten.

Gerade die Gottesdienste der freichristlichen Gemeinden haben bei einigen WB-Lesern Unverständnis ausgelöst, ob der zahlreichen Autos, die vor den Bethäusern stehen. „Wir haben in der letzten Zeit keine Verstöße festgestellt“, sagt Tegeler. Masken- und Abstandspflichten würden eingehalten. Es würden sogar größtenteils unterschiedliche Eingänge genutzt.

Die Gemeinde- oder Bethäuser haben zudem viel Platz. So hätten viele Bethäuser die Möglichkeiten, die zahlreichen Besucher neben dem üblichen Gottesdienstraum auch in Speisesälen und anderen großen Räumen, teilweise sogar in angrenzenden Bauten zu verteilen. Der Gottesdienst werde dann dorthin übertragen.

Sollten Verstöße festgestellt werden, so könne das Ordnungsamt nach den Regelungen der Coronaschutzverordnung ein Bußgeld aussprechen. Wenn den Anordnungen des Amtes nicht Folge geleistet werde, so Tegeler, könne es im Ernstfall auch dazu führen, dass die Veranstaltung aufgelöst werde. „So etwas hatten wir aber noch nie“, betont Tegeler.

Matthias Tegeler, Fachbereichsleiter Sozial Dienste im Espelkamper Rathaus Foto: Hendrik Schmalhorst

Auch er ist besorgt über die Entwicklung der Infektionszahlen in Espelkamp. Der Kreis habe in der Allgemeinverfügung für Espelkamp festgelegt, dass vor allem im Privatbereich die Kontakte eingeschränkt werden sollten. Maximal fünf Personen aus zwei Haushalten dürften sich treffen. Das Gesundheitsamt sieht nämlich insbesondere im privaten Bereich das Risiko einer Ansteckung – vor allem bei Treffen großer Familienverbände.

Tegeler hofft, dass die verschärften Maßnahmen Wirkung zeigen. Er sagt aber auch: „Das braucht Zeit.“ Der Fachbereichsleiter plädiert jedoch erneut dafür, die Kontakte im privaten Bereich zu minimieren.

Mit Blick auf die Bürokratie informiert er zudem darüber, dass es zum 1. Dezember eine Erleichterung für die Gesundheitsämter gegeben habe. Denn die neue Quarantäne-Verordnung des Landes NRW bringt vor allem Änderungen für Infizierte und Kontaktpersonen mit sich. Demnach müssten Kontaktpersonen 14 Tage in Quarantäne, bei positiv Getesteten gilt die Quarantäne zehn Tage. Dies trete automatisch in Kraft. „Man bekommt keinen Quarantäne-Bescheid vom Gesundheitsamt“, erläutert Tegeler. Dies entlaste die Gesundheitsämter, die nun keine Verfügung mehr zustellen müssten.

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