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Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger zu Gast in Espelkamp

Förderung soll schneller ankommen

Espelkamp

Die Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger hat sich beim Besuch in Espelkamp in das Goldene Buch der Stadt eingetragen. Im Anschluss hat die Ministerin im Gasthaus Rose über die Zukunft der Bildung gesprochen. Sie fordert unter anderem, das Bundesmittel schneller ankommen.

Von Kai Wessel

Bürgermeister Dr. Henning Vieker (von links), Bundesbildungsministerin Bettina Stark Watzinger und FDP-Landtagsabgeordnete Daniela Beihl beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Espelkamp. Foto: Kai Wessel

Hand aufs Herz, wer kennt den Namen der Bundesministerin für Bildung und Forschung? Noch vor wenigen Tagen hätte bei dieser Frage selbst Bürgermeister Dr. Henning Vieker eine Bildungslücke einräumen müssen. Das ist nun vorbei. Seit Mittwoch steht der Name Bettina Stark-Watzinger im Goldenen Buch der Stadt Espelkamp.

Werdegang

Es war der erste Besuch der liberalen Ministerin (53) in Ostwestfalen-Lippe. Sie stammt aus Hessen, ging auf eine katholische Mädchenschule im Bistum Limburg, studierte Volkswirtschaft und Psychologie in Frankfurt und London. In der FDP – nur etwa 25 Prozent der Partei sind weiblich – erlebte sie zuletzt einen steilen Aufstieg. Erst stellvertretende Vorsitzende der FDP in Hessen, später Generalsekretärin, dann Beisitzerin im Bundesvorstand, schließlich Präsidiumsmitglied und jetzt Bildungsministerin in Berlin. Dass sie ihr Weg nicht nach Bielefeld oder Paderborn, sondern ausgerechnet nach Espelkamp führte, lag an einer Einladung von Daniela Beihl (37). Die heimische Abgeordnete will bei den Wahlen am 15. Mai erneut in den Landtag einziehen. Am späten Mittwochnachmittag traf Bettina Stark-Watzinger am Rathaus ein. Im Gespräch mit Bürgermeister Vieker schilderte sie ihre ersten Eindrücke („schöne bunte Häuser hier“) und erhielt einen Schnellkurs Stadtgeschichte inklusive der Bedeutung von Flüchtlingen und Vertriebenen für Espelkamp. Auf die Frage der Ministerin, ob denn auch Menschen aus der Ukraine aufgenommen worden seien, konnte Vieker entgegnen, dass die Stadt mit 500 Flüchtlingen ihr Ziel übererfüllt habe.

Zur Integration äußerte sich Fachbereichsleiter Björn Horstmeier. Kinder und Jugendliche aus der Ukraine würden in den Schulen unterrichtet, gemeinsam mit Kindern, die russische Wurzeln hätten. „Die sitzen da nebeneinander.“ Probleme seien ihm bislang nicht bekannt. Der Eintrag ins Goldene Buch war für Bettina Stark-Watzinger mit Überraschungen verbunden. Offenbar hatte sie nicht damit gerechnet, beim Blättern der Seiten Einträge von Gustav Heinemann, Walter Scheel und Johannes Rau zu entdecken. Die Ministerin durfte sich auf der Seite hinter Alt-Bundespräsident Joachim Gauck („der hat immer so wunderbare Reden gehalten“) eintragen. Sie schrieb: „Kommunen sind die Orte, in denen die Menschen die Realität erleben. Sie sind Heimat – und Orte der Bildung. Voller Hochachtung für die Leistung, den Menschen in Ihrer Gemeinschaft ein wunderbares, vertrauensvolles Umfeld zu geben und den Blick in eine lebendige Zukunft. Danke!“

Bettina Stark-Watzinger

Vom Rathaus ins Gasthaus Rose: Dort sprach die Ministerin vor etwa 50 Zuhörern über ihre Ziele. Bildung müsse schneller und besser werden. Sie wolle Reformen auf den Weg bringen. So könne es beispielsweise nicht sein, dass nur elf Prozent der Zielgruppe Bafög beantragen könnten. Bafög müsse wieder „in der Mitte der Gesellschaft“ ankommen und „elternunabhängig“ werden. Ein entsprechendes Reformpaket sei auf den Weg gebracht. Das könne allerdings nur ein erster Schritt sein. „Studierende sind nicht überfinanziert“, sagte Stark-Watzinger. Und in den Schulen? Die Lebenswelten der Kinder müssten in den Schulen ankommen. Dem will die Ministerin mit dem Digitalpakt 2.0 Rechnung tragen. In der Vergangenheit seien Bundesmittel nur schleppend abgerufen worden. Das will Stark-Watzinger ändern: „An Bürokratie darf die Revolution in den Klassenzimmern nicht scheitern.“ Dass bei der Digitalisierung der Schulen noch viel im Argen liegt, erfuhr die Ministerin von den Besuchern der Veranstaltung. So sei es für Lehrer bislang unmöglich, Zeugnisse am iPad zu schreiben. Die nötigen Programme würden fehlen, sagte Friederike Koltermann vom Verband Bildung und Erziehung (VBE). Lars Haller, Lehrer an der Stemwederbergschule, berichtete von extrem viel Zeit, die er mit technischen Problemen verbringen würde. Unterrichten würde sich da manchmal anfühlen wie ein Hobby. Sein Fazit: „Man kann nicht von Lehrern erwarten, dass sie plötzlich IT-ler sind.“

Verständnis

Die Ministerin zeigte Verständnis: „Wir müssen Schulen so ausstatten, dass sie nicht nur über pädagogisches Personal verfügen.“ Inwieweit es gelingen kann, neben Sozialarbeitern und Psychologen auch noch IT-Fachkräfte an den Schulen zu installieren, blieb offen. Mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen sagte Stark-Watzinger auf Anfrage, dass sie sich gut vorstellen könne, in Zukunft auch schon 16-Jährige an die Wahlurnen zu lassen. Im Düsseldorfer Landtag wurde ein entsprechender SPD-Antrag im Oktober 2020 mehrheitlich zurückgewiesen – mit den Stimmen von AfD, CDU und FDP. Daniela Beihl sieht diese Abstimmung inzwischen kritisch: „Beim nächsten Mal werde ich für eine Absenkung des Wahlalters stimmen.“

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