1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Espelkamp
  6. >
  7. Gewagt und gewonnen

  8. >

Paul Gauselmann wird 85

Gewagt und gewonnen

Espelkamp (WB). Die Pflaumenbäume vor dem reetgedeckten früheren Bauernhaus tragen schwer an der Last der prallen, blauen Früchte. Ganz in der Nähe wirft ein alter Mann schottischen Hochlandrindern Äpfel zu und beschreibt mit seinem rechten Arm einen Halbkreis. »Das hier«, sagt Paul Gauselmann, »das hier ist mein kleines Paradies.«

Der Unternehmer Paul Gauselmann lebt in Espelkamp. Hier steht er vor dem Geäbude, in dem sein Gärtner seine Gerätschaften aufbewahrt. Foto: Christian Althoff

Zwei Kilometer entfernt, an der Merkur-Allee 1 in Espelkamp, liegt die Zentrale der Gauselmann AG. Dort werden Milliardenumsätze gemacht, von dort aus steuert Paul Gauselmann sein internationales Glücksspielimperium mit annähernd 14.000 Mitarbeitern. Dass er am Montag 85 Jahre alt wird, ändert nichts daran. Gauselmann ist hellwach, das merkt man schnell. Wenn er Zahlen referiert, tut er das oft samt der ersten Nachkommastelle.

Konflikte wie in anderen Familienunternehmen, in denen der Patriarch seinen Platz nicht räumt, gebe es bei Gauselmann nicht, sagt der Jubilar. Er hat vier Söhne, von denen einer, Armin Gauselmann (57), mit im Vorstand sitzt. »Er möchte gar nicht, dass ich gehe. Er hat seine Geschäftsbereiche Personal, Immobilien, Stiftung und Museum, um die er sich hervorragend kümmert. Neue Firmen zu kaufen und im Ausland noch dies und das zu machen – das wäre nicht sein Ding.«

Hochlandrinder, Hühner und Katzen im Garten

Und sein Sohn Michael, der die Nachfolge hätte antreten sollen und der 25 Jahre unter anderem das internationale Casinogeschäft betrieb, habe selbst gesagt, dass er dafür 20 Jahre zu früh geboren sei. »Er wird jetzt 64. Was soll er sich da noch einarbeiten?«

Gauselmanns Tage beginnen immer gleich. »Nach dem Aufstehen lese ich Zeitungen, damit ich informiert bin, wenn ich auf irgendetwas angesprochen werde.« Danach geht es raus aus dem umgebauten Bauernhaus von 1820, in dem er mit seiner Frau Karin (84) lebt. »Vor dem Frühstück sind die Tiere dran.« Der Unternehmer füttert seine Hochlandrinder, die Hühner und Katzen im Garten, die Kois im Teich und im Winter auch die Sika-Hirsche, die auf einer nahen Wiese stehen. Wie groß sein Anwesen ist? Paul Gauselmann zuckt mit den Schultern. »Auf jeden Fall, soweit ich gucken kann.«

Morgens füttert der Unternehmer seine Hochlandrinder auf einer Weide neben dem Haus. Foto: Christian Althoff

Der Erfolg, der Reichtum – sie wurden dem Westfalen nicht in die Wiege gelegt. Gauselmann stammt aus Borghorst im Münsterland und wuchs als Sohn eines Heizers in kleinen Verhältnissen auf. Dreieinhalb Jahre lernte er den Beruf des Fernmeldetechnikers und arbeitete beim Telekommunikationsunternehmen »Telefonbau & Normalzeit« als sogenannter Revisor.

»Ich habe Telefonanlagen, Notruf- und Uhrenanlagen repariert und gewartet.« Es waren noch keine elektronischen Anlagen, sondern elektromechanische, und diese Technik faszinierte den jungen Gauselmann. »Es war ein toller Beruf, aber eben auch ein normaler. Mich hat es gereizt, mehr zu verdienen.«

1965 der Sprung in die volle Selbstständigkeit

Nach sechs Jahren bei »T&N« – Gauselmann bekam damals 300 Mark, war verheiratet und hatte zwei Kinder – wechselte er 1956 zum Generalimporteur für amerikanische Wurlitzer-Musikboxen in Coesfeld.

Ein Jahr später stellte er nebenberuflich als Selbstständiger die ersten Musikboxen in Gaststätten auf. Er fing beim Automatenhersteller Harting in Espelkamp an, wurde Entwicklungsleiter und wagte nach acht Jahren 1965 den Sprung in die volle Selbstständigkeit. Da besaß er schon Patente, zum Beispiel für die ersten deutschen Zigarettenautomaten und für Fernwahlautomaten, mit denen Wirte von der Theke aus Musikboxen bedienen konnten.

1967, nach dem Tod seiner ersten Frau, heiratete Gauselmann zum zweiten Mal. In Delmenhorst eröffnete er 1974, vor 45 Jahren, die erste Merkur-Spielothek. Zwei Jahre später brachte er den ersten Merkur-Spielautomaten heraus, den er vier Jahre lang entwickelt hatte. »Heute wird jedes Jahr alleine in Deutschland 300 Milliarden Mal ein Spiel aus unserem Konzern gespielt – für jeweils ein bis zwei Cent«, sagt er stolz.

Nur wer weiß, worum es geht, kann entscheiden. Paul Gauselmann

Sind die Tiere gefüttert, schwimmt Gauselmann eine halbe Stunde in seinem kleinen Hallenbad. Sport gehört seit seiner Jugend zu seinem Leben. Noch immer spielt er zweimal in der Woche zwei bis drei Stunden Tennis. »Nach meinem Herzinfarkt aber nur noch Doppel. Da muss ich mich nicht so sehr anstrengen.«

Nach dem Schwimmen frühstückt der Unternehmer mit seiner Frau. »Ohne sie könnte ich das alles gar nicht machen. Sie hält mir den Rücken frei.«

Gegen 11 Uhr zieht sich der Patriarch in sein häusliches Arbeitszimmer zurück, wo schon die Post aus der Zentrale liegt – vor allem Berichte verschiedener Firmen und Abteilungen. »Wenn Sie so einen Konzern verstehen wollen, müssen Sie viel lesen. Nur wer weiß, worum es geht, kann entscheiden.«

Eine seiner wichtigsten Entscheidungen sei es gewesen, das Auslandsgeschäft zu forcieren: »2012 begann der Staat, uns das Leben mit immer neuen Vorschriften schwer zu machen. Ich bin deshalb verstärkt ins Ausland gegangen, und mache dort heute 60 Prozent meines Umsatzes. Und das mit gutem Gewinn.«

Die Zukunft des Glückspiels liegt im Internet

Die Zukunft des Glückspiels liege im Internet, sagt Gauselmann. Damit würden schon Milliardenumsätze gemacht – von anderen und in anderen Ländern und illegal von der ausländischen Konkurrenz auch in Deutschland. »Ich hoffe, dass sich das 2021 ändert, wenn der bisherige Glücksspielstaatsvertrag ausläuft und wir auch mitmischen können.«

Gegen 13 Uhr verlässt Gauselmann sein Anwesen und fährt mit seinem goldfarbenen Audi in die Firma. Er besitzt nur dieses eine Auto, und auch nur ein Haus. Gauselmann ist sparsam: Fährt er per Bahn nach Berlin, geht’s dort mit Bussen und der S-Bahn weiter, denn die sind schließlich im Ticketpreis enthalten.

Nur selten ist Paul Gauselmann abends vor acht aus der Firma zurück, denn das Glücksspielgeschäft ist kein einfaches. »In Mexiko beispielsweise hatten wir einen starken Umsatzeinbruch, weil ein Spiel der Konkurrenz dort beliebter war. Dann muss man schnell reagieren, denn bis man ein ähnliches Spiel bis zur Marktreife programmiert hat, vergeht ein Jahr.«

Jeden Abend Backgammon

Weltweit beschäftigt Gauselmann 800 Spieleentwickler. Wie gut ein Spiel läuft, sei auch eine Frage der Mentalität: »In Bayern lieben die Leute andere Spiele als in Schleswig Holstein. Wir haben allerdings einen Topentwickler in Australien, dessen Spiele auf der ganzen Welt funktionieren.« Paul Gauselmann selbst spielt jeden Abend Backgammon.

Lange vorbei sind die Zeiten, in denen motorgetriebene Scheiben oder Walzen hinter dem Glas der Spielautomaten rotierten. Mechanisch ist nur noch der Münzprüfer, alles andere läuft digital. »Wir haben heute in jedem Automaten 200 Spiele. Da findet jeder etwas – zum Missfallen unserer Kritiker«, sagt Paul Gauselmann.

38 Jahre ist es her: Paul Gauselmann 1981 in der Produktion für Geldspielautomaten. Foto: Archiv Gauselmann

Etwa 330.000 Menschen mit pathologischem Spielverhalten soll es in Deutschland geben, Paul Gauselmann steht deshalb seit Jahrzehnten im Fokus von Glücksspielkritikern. »Wir würden krankhaften Spielern mit Hilfe elektronischer Gesichtserkennung den Zutritt zu Spielotheken sofort verwehren. Aber dann müsste das für alle Anbieter gelten – auch im Internet.«

Bis dahin, sagt der Jubilar, werde er weiter mit Kritik leben. »So wie Dr. Oetker mit dem Vorwurf leben muss, Wein, Bier und Sachen mit zuviel Zucker zu verkaufen.«

Fortbestand seines Lebenswerks über seinen Tod hinaus

Vor drei Jahren sicherte Paul Gauselmann den Fortbestand seines Lebenswerks über seinen Tod hinaus. Damals brachten die Familienmitglieder dreier Generationen ihre Anteile in die Gauselmann-Familienstiftung ein. So kann niemand mehr seinen Anteil verkaufen, was die Gefahr einer Zersplitterung hätte bedeuten können, und so wurde Erbschaftssteuer gespart.

Es gibt noch eine zweite Stiftung: die vor 20 Jahren gegründete gemeinnützige Paul-und-Karin-Gauselmann-Stiftung. Sie unterstützt Bildung, Soziales, Erziehung und Gesundheitsfürsorge im Altkreis Lübbecke. Paul Gauselmann half den Mühlenkreiskliniken beim Kauf medizinischer Geräte und förderte mit je einer Million Euro den Bau des Studiencampus und den Erhalt des Krankenhauses Rahden.

Stiftung erbt privates Vermögen

Die gemeinnützige Stiftung werde irgendwann sein privates Vermögen erben

Aber auch kleine Projekte wie Kitas werden gefördert, ebenso wie Einzelpersonen. »Wenn junge Leute sich im Ausland fortbilden wollen, aber kein Geld haben, helfen wir schon mal«, sagt der Jubilar.

Die gemeinnützige Stiftung werde irgendwann sein privates Vermögen erben, verrät Gauselmann zum Schluss unseres Gesprächs. »Ich denke, dass sie nach meinem Tod durch eine gewaltigen Aufstockung viel Positives bewirken wird.« Zur Erbschaft werde auch das von ihm sanierte Schloss Benkhausen gehören.

Startseite