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Verwaltungsrat spricht über Klärschlammvererdungsanlage im Trinkwasserschutzgebiet

»Kein Bock« auf emotionale Debatte

Espelkamp (WB). Eigentlich sollte im Verwaltungsrat AöR über die Gründung der Klärschlammverwertung OWL GmbH und der Beteiligung der Stadtwerke an der neuen Gesellschaft abgestimmt werden.

Felix Quebbemann

Die Kläranlage in Espelkamp produziert als Abfall-Produkt auch Klärschlamm. Aufgrund einer neuen Verordnung gründet sich die Klärschlammverwertung OWL. In Espelkamp soll zudem hinter dem Klärwerk eine Vererdungsanlage entstehen – jedoch im Schutzgebiet. Foto:

Es wurde jedoch eine Grundsatzdiskussion über das Für und Wider einer geplanten Klärschlammvererdungsanlage im östlichen Bereich der Kläranlage.

Klaus Hagemeier, Vorstand der Stadtwerke AöR, erläuterte kurz die Pläne. Demnach soll der in der Kläranlage anfallende Klärschlamm vererdet werden. Das bedeutet, dass das Wasser aus dem Gemisch herausgefiltert wird – und zwar auf natürliche Art und Weise auf einem Gelände östlich der Kläranlage.

Gemisch

Das Gemisch wird auf einer 30.000 Quadratmeter großen Fläche aufgebracht. Der Bereich wird mit Schilf und Gras bepflanzt, die das Wasser aus dem Schlamm herausziehen. Der überbleibende Teil, der humusartige Beschaffenheit aufweisen kann jedoch immer noch als Klärschlamm gilt, kann auf Nutzflächen ausgebracht oder auch verbrannt werden.

Bürgermeister Heinrich Vieker erklärte, dass der Schlamm alle vorgegebenen Grenzwerte – auch nach der Aufkonzentration – unterschreite. »Der Weg zur Ausbringung in die Landwirtschaft ist gegeben.« Klaus Hagemeier fügte an, dass die Vererdung, die nach sechs bis acht Jahren abgeschlossen sei, »klimafreundlich ist und eine hohe Einsparung an Kohlendioxid aufweist«.

Trinkwasserschutz

Für die Anlage müssten 0,5 bis 0,7 Meter Erde abgetragen werden. Darauf wird eine Kunststoffdichtung mit einer Stärke von 2,5 Millimetern aufgebracht. Die Dichtungsbahnen seien auch mit einer Leckortung ausgestattet, die eventuelle Schadstellen anzeigen. »Zusätzlich gibt es zwei Grundwassermessstellen, um ein Monitoring des Grundwasser zu gewährleisten«, sagte Hagemeier.

Das Gebiet, auf dem die Anlage gebaut werden soll liegt östlich der Kleinen Aue und südlich der L 770. Das ist auch der Grund, warum die Diskussion im Verwaltungsrat so lange gedauert hat. Denn bei dem Gebiet handelt sich um ein Trinkwasserschutzgebiet. Hagemeier betonte in diesem Zusammenhang, dass die Aufsichtsbehörde die Anlage an der Stelle aber genehmigen würde.

2,8 Millionen Euro

Die Ausführungen wurden von den Verwaltungsratsmitgliedern aufmerksam verfolgt. Günter Bünemann (SPD) wollte zunächst wissen, wie groß der Abstand vom Klärschlamm zum Grundwasser ist. »Das Grundwasser fängt bei 3,20 Meter an«, sagte Hagemeier. Das Trinkwasser liege erst bei 30 bis 60 Metern Tiefe. Die Kostenersparnis der Anlage, die in der Anschaffung 2,8 Millionen Euro kostet, bezifferte Hagemeier auf bis zu 85.000 Euro pro Jahr.

Hartmut Stickan (SPD) äußerte jedoch große Bedenken. »Wir gehen das Risiko ein, eine Abwasseranlage in unser Trinkwasserreservoir zu bauen. Das Monitoring kann einen Schaden nicht verhindern, sondern nur feststellen. Wer weiß denn schon, ob jede Ratte und jede Wandermaus weiß, wo sie nagen kann.« Die Last einer solchen Anlage, so Stickan, werde auf die nachfolgende Generation übertragen. Bei einer Gebühren-Einsparung von zwei Cent sei ihm das ökologische Risiko zu groß und er sei nicht bereit, dieses zu tragen.

Keine Probleme

Bürgermeister Heinrich Vieker erklärte, dass die Genehmigungsbehörde kein Problem sehe. Bereits zu Beginn der Überlegungen habe man alle wichtigen Stellen mit ins Boot geholt. Hagemeier betonte zudem, dass die angedachte Fläche aus der intensiven Landwirtschaft herausgenommen werde. Somit gebe es auch keine Einträge von Dünger oder Gülle mehr.

Gerd-Udo Sasten (CDU) meinte, dass man mit der Entscheidung sehr sensibel umgehen müsse. Er stellte die Frage, ob man nicht statt einer Dichtungsbahn zwei auslegen könne und dazwischen eine Schicht Sand. »Quasi zum Gürtel die Hosenträger dazu.«

Immenser Invest

Hagemeier erklärte, dass dies ein Kostentreiber sei und dies schon ein immenser Invest wäre. Reinhard Rödenbeck (CDU) wollte wissen, wie schnell man im Falle eines Lecks die Stelle dicht bekomme und mit wieviel Schlamm-Eintrag in das Erdreich zu rechnen sei. Hagemeier antworte, dass die Menge überschaubar sei. Der Hersteller der Dichtungsbahnen habe zudem im Vorfeld einen Belastungstest gemacht, der mit der Belastung in Espelkamp zu vergleichen ist. »Die Bahn hatte keinen Kratzer. Sie ist sehr belastbar.« Dennoch müsse jede Schweißnaht überprüft werden. Und Hagemeier konnte auch nicht ausschließen, dass nicht eventuell etwas kaputt geht.

Wilfried Windhorst (CDU) sagte, dass er persönlich die Anlage für sicher halte. Zudem mache sie auch ökologisch und wirtschaftlich Sinn. Doch betonte er die Entscheidung auf »emotionaler Ebene«. »Die Öffentlichkeit müssen wir natürlich beachten.« Daher sagte er, dass die Anlage eine möglichst breite Zustimmung in der Politik erhalten müsse.

Die Vorteile

Bürgermeister Heinrich Vieker betonte, dass die Vorteile der Vererdungsanlage mit Blick auf das Klima auf der Hand lägen. Es gebe kurze Wege und die Stadt müsse nur noch ein Viertel der Klärschlammmenge durch die Gegend transportieren. »Da bin ich auf der sicheren Seite.« Er betonte die weitreichende Entscheidung, fügte aber an. »Wenn das emotional wird, bekommen wir das nicht hin« – gerade im Vorwahlkampf. Auch er betonte die Bedeutung einer »einvernehmlichen« Entscheidung in dieser Frage.

Stickan, der in der Nähe des betreffenden Areals wohnt, sagte, dass es zu der Anlage in der SPD unterschiedliche Positionen gebe. Er halte die Anlage dort wo sie geplant sei, für falsch und würde dort lieber Bäume pflanzen. Rödenbeck sagte, es sei »klar, dass es ein Risiko ist«. Man habe sich im Vorfeld aber vergleichbare Anlagen angeschaut. Daher sagte er: »Ich habe im Augenblick kein Problem damit.«

Kein Deponiewasser

Der Bürgermeister verdeutlichte noch einmal, um was es beim Endprodukt der Anlage gehe. Es sei kein giftiges Deponiewasser. Bei dem Reststoff handele es sich um etwas, »was wir jeden Tag als Dünger aufbringen könnten«. Hagemeier ergänzte: »Der Schlamm hat in allen Punkten die Qualität, dass er zu jeder Zeit auf die Felder gebracht werden könnte.«

Heikel

Windhorst sagte schließlich. »Ich habe keinen Bock darauf, die Diskussion auf emotionaler Ebene zu führen.« Das Thema stehe in der kommenden Ratssitzung auf der Tagesordnung. Und natürlich sei die Trinkwassergefährdung schon heikel. »Ich persönlich aber sage: ›Das sollten wir machen.‹«

Am Ende wurde nur dem Beitritt der Stadtwerke Espelkamp zur Klärschlammverwertung OWL zugestimmt. Klaus Hagemeier soll der Vertreter Espelkamps in der Gesellschaft sein. Über den Bau der Klärschlammvererdungsanlage wird erst noch entschieden.

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