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Bürgerantrag: NS-Zeit des ersten Espelkamper Bürgermeisters Wilhelm Kern erwähnen

Muss Gedenktafel geändert werden?

Espelkamp (WB). Welche Positionen hat Espelkamps erster Bürgermeister Wilhelm Kern während der Zeit des Nationalsozialismus innegehabt? Und müssen diese und seine Parteimitgliedschaft in der NSDAP auf der Gedenktafel erwähnt werden, die seit 2015 am Espelkamper Rathaus an die Verdienste des Stadtoberhauptes erinnert? Mit diesen Fragen werden sich bald die hiesigen Kommunalpolitiker auseinandersetzen müssen.

Arndt Hoppe

2015 haben der Stadtheimatpfleger Karl-Heinz Hentschel (rechts) und Bürgermeister Heinrich Vieker die Gedenktafel am Rathaus eingeweiht, die an Wilhelm Kern erinnert. Foto: Arndt Hoppe

Um eine Ergänzung dieser Gedenktafel geht es nämlich in einem Bürgerantrag, den der Bünder Johannes Lübeck bei der Stadt eingereicht hat. Darauf hat Roland Quarder hingewiesen.

War Kern SA-Sturmführer?

Stadtsprecher Torsten Siemon bestätigt den Eingang dieses Bürgerantrages. In Lübecks Antrag heißt es: „Der Rat der Stadt Espelkamp möge beschließen, dass auf der Informationstafel zur Personalie Wilhelm Kern, Standort Wilhelm-Kern-Platz 1, zusätzlich darauf hingewiesen wird, dass Kern NSDAP-Mitglied, SA-Sturmführer und kommissarischer Bürgermeister in Prenzlau war und dort weitere Ämter in NS-Organisationen bekleidet hat.“ Die Begründung des Antragstellers lautet: „Da am Wilhelm-Kern-Platz das ‚Haus der Geschichte‘ eingerichtet werden soll , ist es unerlässlich, dass die Stadt sich schon im Vorfeld ihrer ganzen Geschichte bewusst wird und dazu einen offenen und unvoreingenommenen Informationsaustausch ermöglicht.“

Laut Torsten Siemon kann jeder Bürger, unabhängig davon, ob er Espelkamper ist oder nicht, einen Bürgerantrag stellen. „Mit einem solchen Antrag befasst sich dann der Ausschuss, der für das jeweilige Thema zuständig ist. Das wird in diesem Fall wahrscheinlich der Hauptausschuss sein“, sagte Siemon. Die Politiker müssten dann darüber befinden, ob dem Antrag stattgegeben werde. „Den Text der Gedenktafel zu Wilhelm Kern hat damals unser langjähriger Stadtheimatpfleger Karl-Heinz Hentschel verfasst. Darin ist bereits erwähnt, dass Wilhelm Kern von 1935 bis 1945 Beigeordneter in Prenzlau/Uckermark war“, sagt der Stadtsprecher. „Also war sicherlich davon auszugehen, dass Kern ein Mitglied der NSDAP gewesen sein muss. Das habe ich immer vermutet.“ Der Stadt Espelkamp lägen bislang allerdings keine detaillierten Daten über das Leben Kerns in dieser Zeit vor, sagte Siemon.

Material aus dem Bundesarchiv

Roland Quarder hat dieser Zeitung einige Informationen aus dem Bundesarchiv in Berlin zur Verfügung gestellt, die der Lübbecker Walter Seger über Wilhelm Kern zusammengetragen hat. Seger lebt heute in Berlin und hat bereits ein Buch geschrieben, das sich mit der Geschichte Lübbeckes von 1933 bis 1945 befasst. Aus den Einträgen im Bundesarchiv geht diesen Unterlagen zufolge hervor, dass Wilhelm Kern seit 1933 Mitglied im Bund nationalsozialistischer deutscher Juristen und der NS-HAGO (Nationalsozialistische Handwerks-, Handels- und Gewerbeorganisation) gewesen ist. Seit 1935 sei er Stadtkämmerer und Beigeordneter in Prenzlau gewesen, 1937 in die NSDAP eingetreten. Wilhelm Kern sei NS-Kreisamtsleiter für Kommunalpolitik gewesen, ab 1940 kommissarischer Bürgermeister von Prenzlau. Ein weiterer Eintrag lautet „1942 SA-Sturmführer“.

Torsten Siemon sagt: „Wenn jemand solche Erkenntnisse hat, dann ist es gut, wenn er sie der Stadt Espelkamp auch zukommen lässt. Wir wollen ja keine Geschichtsklitterung betrieben.“ Letztlich sei es immer die Frage, wie man mit solchen Informationen umgehe. „Ich stelle das gar nicht in Frage, aber wir benötigen natürlich beglaubigte Unterlagen.“ Er selbst habe einmal in Prenzlau Nachforschungen angestellt. „Dort wird Wilhelm Kern als ehemaliger Bürgermeister erwähnt. Auch wenn er in dieser Zeit offiziell Beigeordneter war, so soll er kommissarisch die Aufgaben eines Bürgermeisters gehabt haben“, sagte Siemon. Kern habe in einer so hochgestellten Position NSDAP-Mitglied sein müssen, „aber er war sicherlich kein Obernazi“. Die Espelkamper seien nach dem Krieg froh gewesen, mit Wilhelm Kern einen Mann mit Verwaltungserfahrungen zu haben. Seine Verdienste als erster Bürgermeister und Stadtdirektor seien auf jeden Fall unbestritten, sagte Siemon. „Inwieweit Wilhelm Kerns Position während der Kriegsjahre auf unserer Gedenktafel am Rathaus Erwähnung finden soll, darüber müssen die Politiker entscheiden, wenn das Thema im Ausschuss behandelt wird.“

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