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Minden-Lübbecke: Früherer Vize-Kanzler in der Versammlung des Kreis-Sozialverbandes

Müntefering: Probleme vor Ort nicht vergessen

Espelkamp

Franz Müntefering, ehemaliger Vize-Kanzler, ist der Ehrengast während der Versammlung des Kreis-Sozialverbandes Lübbecke im Espelkamper Bürgerhaus gewesen. Der ehemalige Spitzenpolitiker widmete sich intensiv dem Thema "Pflege".

Von Finn Luca Zell

Franz Müntefering (links) mit den Organisatoren der Sozialverbände in der Versammlung im Espelkamper Bürgerhaus Foto: Finn Luca Zell

Einen besonderen Gast konnte der Kreis-Sozialverband Lübbecke am Samstag im Bürgerhaus begrüßen: Franz Müntefering, Bundestagsabgeordneter a.D. und ehemaliger Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, referierte zum Thema Pflege.

Franz Müntefering

„Ich bin nicht so ganz in Form“, gab der Sauerländer zu, als er vor das Rednerpult trat – denn aus dem Urlaub sei er kürzlich leicht lädiert zurückgekehrt. Ohne Umschweife wandte er sich dann aber direkt wieder dem Ernst der Sache zu. Drei große Themen seien es, die die Menschen derzeit und in den vergangenen Jahren bewegten: die Pandemie, die Klimakrise und der Ukraine-Konflikt. Beim Thema Krieg, das für ihn - Müntefering ist Jahrgang 1940 – immer noch eine sehr reale Erinnerung darstelle, rede man von „Dingen, die lange weg waren“, plötzlich aber doch wieder Wirklichkeit würden. „Man darf bei den vielen internationalen Problemen aber nicht die vor Ort vergessen. Deshalb ist es wichtig, auch über die Pflege zu sprechen.“

Franz Müntefering referiert in der Sozialverbands-Versammlung in Espelkamp Foto:

Schon zu seiner Zeit als Arbeitsminister in Nordrhein-Westfalen vor mehr als 25 Jahren habe ihn diese Thematik umtrieben: „Wir wussten schon damals, dass wir mal länger leben würden – und die Pflege ein größeres Problem werden würde: 1965 lag die Lebenserwartung bei 65 Jahren, heute bei 82 bis 84. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe eines Lebens pflegebedürftig zu werden, ist groß.“

Hinzu käme, dass sich Familienstrukturen ändern: Was mache man in einer Gesellschaft, in der das klassische Drei-Generationen-Haus wegfiele – wenn der 70-Jährige die 75-Jährige pflegen muss, und die 75-Jährige den 80-Jährigen? „Wenn du allein bist, dann ist das ein gravierendes Problem“, führt der Mann aus, der 2007 als Vizekanzler und Bundesminister zurücktrat, um sich um seine krebskranke Frau zu kümmern. „Das Essen wird zwar auf Rädern gebracht, das ist toll, aber trotzdem bist du allein. Die einzige Steigerung sind dann Menschen, die einsam in ihrer Wohnung sterben – ohne dass es jemand merkt. Und das passiert täglich.“ Das war schon zu seiner Zeit als NRW-Minister so. Ihm stellte sich die Frage: „Was kann ich tun, was kann der Staat tun? Und so entstand die Idee für die Pflegeversicherung. Eine für alle, und nicht nur für die, die es sich leisten können.“

Franz Müntefering

Die Pflegeversicherung existiert in Deutschland als solche übrigens erst seit 1995 – treibende Kräfte damals: Norbert Blüm (CDU) und Franz Müntefering (SPD). Mit der sich verändernden Gesellschaftsstruktur und dem demographischen Wandel entwickelten sich natürlich auch die Anforderungen weiter, mehrfache Anpassungen waren die notwendige Folge. Und damit wird es auch noch nicht getan sein: „Man muss da dranbleiben, immer weitermachen“, nimmt Franz Müntefering den Staat in die Pflicht. Der Eintritt in die Pflegebedürftigkeit komme später, entwickle sich unterschiedlich.

Und wie geht man Zuhause mit dem Thema Pflegebedürftigkeit um? „Wichtig ist, Themen offen und ehrlich anzusprechen. Es muss einmal klar gesagt werden, ,Wenn ich einmal pflegebedürftig werde, dann möchte ich…’. Man muss das nicht jede Woche besprechen, aber es sollte festgehalten werden. Eine Patientenverfügung ist das Mittel der Wahl.“ Angesprochen auf die Personalsituation in Krankenhäusern und Altenheimen betont Müntefering, dass Pflegearbeit gleich und gerecht bezahlt werden müsse – um deutlich zu machen: „Pflege kann nicht jeder.“ Dafür sei es nötig, entsprechende Infrastruktur zu schaffen – ohne die zu vergessen, die ihre Angehörigen zuhause pflegen. „Man muss den Menschen einen Ausgleich zusprechen, ihre Arbeit für die Pflege aussetzen.“

Fragerunde: Besucher äußert Bedenken

Ein Besucher äußerte in der Fragerunde Bedenken bezüglich der Agenturen, die ausländische Pflegekräfte nach Deutschland vermitteln. „Am wichtigsten ist, dass die entsprechende Qualifikation vorhanden ist“, betont Müntefering, verdeutlicht aber: „Einfach für jede unbesetzte Position eine Arbeitskraft aus dem Ausland ins Land zu holen, ist falsch, denn: In den ,unteren’ Berufen fehlt der Nachwuchs. Da sind wir zu dünn besetzt. Wenn die Arbeitskräfte aus dem Ausland nicht kämen, dann wäre das schlimm – aber wir dürfen uns darauf nicht ausruhen. Wir müssen unser duales Ausbildungssystem wieder erstarken lassen, in der Pflege und in anderen Berufen. Damit wir nicht eines Tages in Rumänien anrufen müssen, wenn uns der Elektriker fehlt.“

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