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Hilfsprojekt des Hüllhorster Vereins „Starke Kinder“: ein Heim für Straßenkinder in Burkina Faso

Chancen auf ein besseres Leben

Hüllhorst

Ein 13-jähriges Mädchen soll mit einem 60-jährigen Mann zwangsverheiratet werden – als Dritt- oder Viertfrau. Der Vater gibt die Tochter für ein paar Kühe her.

Kathrin Kröger

Aimé, Madi und Oumarou (von links) vor dem Maison Samuel vor einigen Jahren. Madi verlässt dieses Jahr das Heim und zieht in eines der kleinen Häuser ein, die der Verein gebaut hat. Er lebt im Heim, seit er neun ist. Foto: Waldemar Freitag

Wenn sie ganz großes Pech hat, ist sie sogar schon schwanger. Solch eine für Frauen der westlichen Welt unvorstellbare Lebenssituation stellt sich im afrikanischen Burkina Faso als keine Seltenheit dar. Auch nicht im Jahre 2021. Dass ein solches Mädchen abhaut und ein Dasein auf der Straße vorzieht, verwundert wohl niemanden.

Der gemeinnützige Hüllhorster Verein „Starke Kinder“ hilft in dem westafrikanischen Staat, wo er nur kann. Zahlreiche Projekte hat die Initiative um den Vorsitzenden Frank Weske seit 2007 angeschoben, um der dortigen jungen Generation eine bessere Perspektive zu ermöglichen. Das Heim für Straßenkinder in Fada N‘Gourma, das Maison Samuel, ist eines dieser Projekte. Es wurde erweitert, renoviert und modernisiert. Geleitet wird die Einrichtung von dem Nonnenorden Notre Dame des Apotres, mit dem „Starke Kinder“ schon lange vertrauensvoll zusammenarbeitet – zum Beispiel auch beim Betrieb der Krankenstation Bethanie.

Der Verein sei der größte Geldgeber in den Orten Fada N‘Gourma und Diabo, die in einer ländlichen Region des Landes liegen, sagt Frank Weske im Gespräch mit dieser Zeitung. Innerhalb von zehn Jahren habe der Verein mit Unterstützung vieler Projektpaten und Sponsoren allein in das Heim etwa 150.000 Euro investiert. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe und Nachhaltigkeit in einem Land, das Tausende Kilometer entfernt liegt von Sicherheit und Wohlstand, wie es in dem Image-Film des Vereins heißt.

Die Hilfe durch „Starke Kinder“ gestaltet sich umfangreich, auch beim Heim Samuel. Und manifestiert sich schon beim Erstkontakt der Nonnen zu ihren Schützlingen in spe. „Vorletztes Jahr haben wir ein Fahrzeug für die Schwestern angeschafft. Das ist besser und sicherer als ein Roller, wenn sie in der Stadt unterwegs sind“, erzählt Weske. Sie unternehmen damit ihre regelmäßigen Touren, um nachzusehen, wer sich herumtreibt und ohne Obdach ist, lesen die Straßenkinder auf und bieten ihnen ein Zuhause.

Der Aufenthalt im Heim mit seinen etwa 30 Kindern ist jedoch freier Wille. „Die Kinder und Jugendlichen können jederzeit gehen“, sagt der Vereinsvorsitzende. Die Nonnen würden zunächst versuchen, eine Beziehung zu dem betreffenden Mädchen oder Jungen aufzubauen. Außerdem werde der Bildungsstand erfragt und nach Verwandten geforscht. Hier stellen sich die Fragen: Wie ist die Situation zu Hause? Warum ist das Kind oder der Jugendliche weggelaufen? „Das Ziel ist letztlich, dass sie zu ihren Familien zurückkehren“, betont Weske. Wobei Familie nicht nur Vater und Mutter, sondern auch Tante und Onkel, Oma und Opa sein können, bei denen die Heranwachsenden leben.

Bis es soweit ist, wohnen die einstigen Straßenkinder im Heim Samuel unter immer besser gewordenen und werdenden Bedingungen. So hat der Verein bereits den Bau einer Küche, eines Speiseraums und eines Mädchenschlafsaals (zunächst gab es nur einen für die Jungen) mit Toiletten und Duschen komplett finanziert. Außerdem wurde ein medizinisches Versorgungsgebäude mit angeschlossenem Lagerraum für Lebensmittel, inklusive Büro und Krankenzimmer, geschaffen. Auch diese Baumaßnahme hat „Starke Kinder“ vollständig bezahlt. Damit haben die neue Heimleiterin Ange Olga Koane und ihre Mitarbeiterinnen ganz neue Möglichkeiten bei der Versorgung kranker Kinder. Zudem wurde der Hof vor dem Heim befestigt und beleuchtet. Auch das Gebäude selbst verfügt mittlerweile über ausreichend Licht und in den Schlafräumen wurden Ventilatoren installiert.

Einmal mehr sorgte 2016 überdies ein Sponsor aus dem Lübbecker Land für eine weitere Verbesserung. Ingrid Piepers, Hüllhorster Unternehmerin und Vorsitzende des hiesigen Gewerbevereins, investierte in einen neuen Wasserspeicher. „Das Wasser wird erwärmt durch die Sonne“, erläutert Weske. Auch ein Einkommen erwirtschaftet das Heim. So wurde eine Ladenzeile auf dem Gelände gebaut, deren Geschäfte – vornehmlich als Lager genutzt – verpachtet werden.

Die Mädchen und Jungen erhalten im Maison Samuel auch Schulunterricht und können später eine Ausbildung als Schneider oder Zweiradmechaniker absolvieren. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen. Wie lange sich die Kinder in der Obhut des Nonnenordens befinden, gestaltet sich unterschiedlich. „Es ist eher die Regel, dass sie nach einer Weile wieder bei ihrer Familie sind, manche hauen allerdings auch wieder ab auf die Straße. Banden und Drogen sind ein Problem“, so Weske. Wobei die Drogen in Burkina Faso andere als in den Industriestaaten seien. „Das sind Klebstoffe oder bestimmte Pflanzen.“

Wie wunderbar sich allerdings der Lebensweg eines Kindes aus dem Heim entwickeln kann, verdeutlicht der Vereinsvorsitzende an der Geschichte von Delphine. Das Mädchen lebte drei Jahre auf der Straße. Dank des Projekts „Maison Samuel“ änderte sich seine Situation radikal, so dass sie als erstes Mädchen von dort Abitur machte und heute in der Hauptstadt Ouagadougou studiert. Auch Deutschland und natürlich den Sitz des Vereins „Starke Kinder“ hat Delphine bereits kennen lernen können. 2014 berichtete sie in der Alten Ziegelei in Schnathorst von ihren Erfahrungen und Erlebnissen in ihrer Heimat.

Frank Weske reiste bereits zwölf Mal in den krisengeschüttelten und von Terror geplagten Staat, um sich regelmäßig vor Ort ein Bild der vom Verein unterstützten Aktionen zu machen – und den Kontakt zu den Verantwortlichen und der Bevölkerung zu pflegen. Immer wieder begleiten ihn Paten und Sponsoren. Ende dieses Jahres möchte der engagierte Vereinsvorsitzende wieder nach Burkina Faso reisen, doch wie sich dann die Situation im Land darstellen wird, kann er natürlich noch nicht abschätzen. Eine Alternative, um die direkte Verbindung zwischen Verein und Patenland zu schaffen, könnte ein weiterer Besuch in Hüllhorst von Einheimischen sein.

Der Ausgang der Wahl im Land lässt jedoch hoffen. „Die Regierung ist gebildet und der alte Präsident bestätigt worden. Zur Wahl hatten sich 60 Parteien gestellt, nun gibt es noch zwei. Das ist alles gut“, so die Einschätzung Weskes, der sich schon auf das Wiedersehen mit Madi freut. Der junge Mann verlässt in diesem Jahr das Heim, weil er älter als 20 ist, und zieht in eines der kleinen Häuser ein, die „Starke Kinder“ gebaut hat. „Damit er weiter arbeiten kann und nicht in die Kriminalität abrutscht.“

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