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Gemeindeseelsorge in Corona-Zeiten: Pfarrerin Kristina Laabs und Pfarrer Roland Mettenbrink berichten

Den Frust von der Seele reden

Hüllhorst/Rahden

Wie gestaltet sich Gemeindeseelsorge in Corona-Zeiten? Pfarrerin Kristina Laabs aus der Kirchengemeinde Oberbauerschaft und Pfarrer Dr. Roland Mettenbrink aus der Kirchengemeinde Preußisch Ströhen berichten über ihre Erfahrungen.

wn

In der Christuskirche Oberbauerschaft, in der in normalen Zeiten Pfarrerin Kristina Laabs mit Begeisterung Gottesdienste mitgestaltet und Predigten hält, werden derzeit coronabedingt keine Präsenzveranstaltungen ausgerichtet. Foto: PM

„Ich hatte in der vergangenen Woche fünf Beerdigungen“, erzählt Roland Mettenbrink. „Da spürt man viel Leid. Der Kontakt ist anders, aber nicht weniger intensiv.“ Er ist nicht nur Gemeindepfarrer, sondern auch Feuerwehrseelsorger. In vielen Gesprächen von Ferne durch Abstand oder Telefon ist er aber doch nah dran am Menschen, ist berührt von den Eindrücken. Für ihn ist es ganz wichtig, dass er Kontakt hält, dass er präsent ist. „Viele Menschen müssen sich den Frust von der Seele reden. Sie kommen in der Not. Kirche ist immer noch ein positives Wort“, sagt der engagierte Seelsorger.

„Die Beerdigungen sind in diesen Zeiten eine ganz besondere Herausforderung. Wenn ich über den Friedhof gehe, sehe ich die vielen Gräber mit Blumen und Kränzen. Es ist schwer, Abschied zu nehmen. Das ist nur im kleinen Kreis möglich. Dazu kommen immer wieder Corona-Sterbefälle. Es sind nicht nur die gebrechlichen alten Menschen. Es sterben auch rüstige alte Menschen, die noch gut und gerne hätten leben können. Das ist schlimm. Ich möchte bei den Menschen sein. Darum bin ich Pfarrer geworden. Ich möchte Freud und Leid teilen.“

Pfarrerin Kristina Laabs aus Oberbauerschaft sagt: „In die gleiche Richtung zielt die Kindergartenarbeit. Die Erzieherinnen und Erzieher sind im direkten Kontakt mit den Müttern und Vätern und bekommen die Sorgen und Ängste hautnah mit. Genauso spüren sie, wie schlimm sich die Verringerung der Kontakte auf die Kinder auswirkt. Die Kitas leisten hier viel. Man kann sich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nur bedanken.“ Durch sie begleite Kirche die Menschen schon ganz früh.

Beide Pfarrer kommunizieren mit ihren Konfirmanden online. „Das ist eine Gesprächsebene, die auch nach Corona wichtig bleiben wird“, sagt Laabs und ergänzt: „Ich habe die Konfis gefragt, was ihnen Halt gibt. Es war erstaunlich, wie wichtig Gebet und Gemeinschaft sind. Jugendliche, die sich im Präsenzunterricht eher zurückhalten, melden sich zu Wort. Da schickt ein Junge ein Bild einer zerstörten Brücke und schreibt: ‚Mir ist Vergebung wichtig und dass wir wieder aufeinander zugehen.‘ Ein anderer fragt: ‚Dürfen christliche Soldaten töten?‘ Das sind ernste und reife Fragen.“

Jugendliche finden auch wieder einen Zugang zur Familiengeschichte: Pfarrerin Laabs erzählt: „Ein Jugendlicher fotografierte eine Konfirmationsurkunde in Sütterlinschrift und fragte an, ob ich sie übersetzen könne. ‚Das ist was ganz Besonderes. Ich werde es in Ehren halten‘, schrieb er zurück.“

Gottesdienste sind den Theologen ein besonderes Anliegen. Es tut beiden weh, diese nicht feiern zu können. Dabei werden die Empfehlungen der Landeskirche und des Kirchenkreises von den Einen als gute Entscheidungshilfe angesehen, von den Anderen kritisch bewertet. Mettenbrink: „Auch in der Kirche sind sich nicht alle einig, und ich habe Respekt vor denen, die anders denken. Aber wir müssen uns alle fragen: Wie können wir die Menschen, für die wir verantwortlich sind, am besten vor Ansteckung schützen? Die Presbyterien haben die Entscheidungshoheit über die Gottesdienste. Aber wichtig ist jetzt auch Solidarität. Der Gesundheitsschutz hat nun aus Gründen der Nächstenliebe Vorrang.“ Und Laabs fügt aus vollem Herzen hinzu: „Was habe ich für eine Sehnsucht nach Gottesdienst! Wir freuen uns, wenn wir wieder gemeinsam feiern können, ohne Sorge vor Ansteckung, vielleicht sogar singen können. Aber im Moment ist das leider nicht geboten.“ Die Pfarrerin und der Pfarrer brennen für die Kirche und den Glauben, so wie alle Kolleginnen und Kollegen im Kirchenkreis. In der Zwischenzeit sind sie da für die Menschen – durch Onlinegottesdienste, Telefongespräche oder andere Formen der Begegnung. So wurde in Nettelstedt der Gottesdienst in der Tüte an den Haustüren abgegeben. Alle Bad Holzhauser bekommen einen Gruß von der Kirchengemeinde. Und im Krankenhaus Lübbecke werden in der Passionszeit Wochengrüße verteilt.

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