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Bluesmusiker Richie Arndt: auf Solopfaden in konzertloser Zeit – viele Pläne für 2021

Die ruhigen Töne lösen die lauten ab

Hüllhorst/Hille (WB)

Der Winterblues kurz vor Weihnachten ist bereits Kult. Jedes Jahr ausverkauftes Haus in der Alten Ziegelei in Schnathorst. Wenn Richie Arndt nebst Band zum Konzert lädt, kommt das Publikum in den Genuss von bestem Sound, geht so richtig mit. 2020 jedoch nicht.

Kathrin Kröger

In der konzertlosen Zeit hat Richie Arndt ein akustisches Soloprogramm erarbeitet. „Alone & pure“ bietet Unplugged-Versionen von Songs seiner zahlreichen CDs. Foto: Meinolf Reimering

Die Pandemie macht zunichte, was das Leben der Musiker und ihres Publikums bereichert.

Das Gemeinschaftserlebnis, die Stimmung, die Emotionen, die jeder Song beim Auftritt überträgt – alles weg. Auch Blues-Größe Richie Arndt vermisst es, auf der Bühne zu stehen, vermisst seine Fans und nicht zuletzt die Bandkollegen. „Ich hab sie im Sommer das letzte Mal gesehen“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Ende Juli erlaubte es die vergleichsweise entspannte Corona-Situation, im Rahmen der Kultursommerbühne in Minden ein Open-Air-Konzert zu geben. „Die Veranstaltung war bestuhlt und 200 Leute waren da“, erzählt Richie Arndt.

Sein Mississippi-Programm, eine Bilderreise mit Musikbegleitung, konnte der Hiller im Herbst noch drei Mal präsentieren. In einigen Locations, wo größere Abstände möglich waren. „Es war aber generell schwierig. Es gab eine ganz begrenzte Besucherzahl und die Leute waren extrem vorsichtig. Bei allem, was noch Indoor stattfinden konnte, herrschte eine eher bedrückte Stimmung“, sagt der Bluesmusiker, der im Sommer auch noch ein paar Wohnzimmerkonzerte geben konnte. „Die künftigen Termine dafür haben sich aber auch wieder zerschlagen. Wie auch ein paar akustische Konzerte, die ich für Januar und Februar geplant hatte.“

Als es zumindest im intimen Kreis noch möglich war, für einige Menschen Musik zu machen, hat Richie Arndt erstmals sein neues Programm gespielt. Es heißt „Alone & Pure“ und beinhaltet Unplugged-Versionen von Songs seiner zahlreichen CDs. „Ein Mann, eine Gitarre. Die Stücke anders zu arrangieren und verschiedene Klangfarben hervorzubringen, hat mir großen Spaß gemacht. Der Auslöser für das Soloprogramm war ein Streaming-Konzert“, sagt Richie Arndt, der aus den akustischen Solopfaden einen Solo-Longplayer machen möchte – eine Premiere. Steht der leidenschaftliche Gitarrist und Sänger doch sonst mit seiner Band, aber auch immer wieder gern mit unterschiedlichen Kollegen auf der Bühne. Jede Begegnung eine musikalische Inspiration – für Auftretende und Zuhörer. Auch so manches Album hat er mit Unterstützung von befreundeten Gleichgesinnten eingespielt.

Die ruhigen Töne haben in der Corona-Zeit die lauten abgelöst. Und Musiker Richie Arndt hat in seiner „Besinnungsphase“ das Beste daraus gemacht. In der Hoffnung auf bessere Zeiten, mit der sich die gesamte Branche trägt. Hinter den Kunstschaffenden liegen viele Monate der komplett weggebrochenen Einnahmen. Wie lange diese zermürbende Phase noch anhalten wird, kann niemand genau vorherbestimmen. Im April ging er noch davon aus, dass die Gigs nach der Sommerpause wieder losgehen können. Er appelliert an die Fans: „Handelt verantwortungsbewusst, damit wir möglichst bald wieder Konzerte ohne Einschränkungen erleben dürfen.“

Im Grunde hätten alle ein ganzes Jahr verloren, sagt Richie. „Das ist schon total bitter, weil man ja dafür brennt.“ Die Leidenschaft für die Kunst, die nicht ausgelebt, nicht geteilt werden kann, ist die eine Seite. Die andere dreht sich ums Finanzielle. Auch hier Stillstand für alle professionellen Künstler, von 100 auf 0. Falls man nicht, wie Richie Arndt, seinen Haupterwerb aus anderer Tätigkeit bestreiten kann. Der 62-Jährige arbeitet als Lehrer und unterrichtet an der Gesamtschule Hüllhorst Musik und Deutsch.

Für Kollegen, die kein weiteres Standbein hätten, sei die Corona-Situation teilweise eine Katastrophe. Existenzielle Nöte plagten hingegen die meisten Blues- und Jazzmusiker nicht, da viele Musiker dieser Genres als reines Hobby auf der Bühne stünden. Für viele andere Kulturleute gilt: Auftritte müssen her. „Von den paar CDs, die man verkauft, kann man nicht leben“, macht Richie Arndt auf die Sorgen der Mitstreiter aufmerksam.

Und die finanzielle Hilfe durch den Staat für die Branche? Die lässt stark zu wünschen übrig, war immer wieder die Botschaft von Betroffenen in den vergangenen Monaten. Richie Arndt erzählt von seinem Bruder, der DJ in Berlin sei. Er habe Geld bekommen, dieses sei aber zweckgebunden und dürfe nur für Betriebsausgaben verwendet werden. „Bei vielen Leuten fallen solche Kosten ja gar nicht groß ins Gewicht.“ Hier müsse und solle nachgebessert werden.

In den USA, zu denen Richie Arndt diverse Kontakte pflegt, sieht es noch düsterer aus. Eric Hughes aus Memphis beispielsweise, mit dem der Hiller auch schon in der Alten Ziegelei in Schnathorst gespielt hat, verdingt sich derzeit als Heizungs- und Sanitärinstallateur in der Firma seines Vaters. Auf seiner Homepage rufe er zu Spenden auf.

In die USA, sprich die Südstaaten als Wiege des Blues‘, zog es Richie Arndt in der Vergangenheit immer mal wieder. Auch für diesen Herbst war eine Reise geplant. Die will er nun im Herbst 2021 unternehmen. Schwerpunkt: Nashville in Tennessee. „Ich fahre wieder mit einem Fotografen durch die Region.“ Auch das Publikum soll an seinen Eindrücken und Erlebnissen teilhaben können. Eine zweite Bilderreise in Vortragsform sowie eine Musik-CD über Tennessee sollen daraus entstehen. „Ich bin nicht so der Cowboyhut- und Cowboystiefel-Typ, liebe aber den Mix aus den verschiedenen Stilrichtungen Country, Bluegrass und Americana.“ Auch die abgesagten Konzerte hierzulande sollen nachgeholt werden. „Pläne gibt es genug“, sagt Richie Arndt und hofft einfach.

Auf Open-Air-Konzerte im Sommer 2021, auf Indoor-Konzerte im Herbst und Winter des nächsten Jahres und darauf, „dass sowohl die anderen Künstler als auch die Veranstalter die Krise überstehen“.

Von einer Hoffnung jedoch hängt alles ab. Sie steht an erster Stelle. „Ich hoffe, dass die Impfung funktioniert. „Ich werde einer der Ersten sein, der sie wahrnehmen wird, sobald es mir möglich ist.“

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