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Bewegende Worte und Schweigeminute: Gedenkveranstaltung der Gesamtschule Hüllhorst

Schüler halten inne für die NS-Opfer

Hüllhorst (WB). Ausgrenzung jeglicher Art lehnt sie ab. „Wir sind doch alle gleich, niemand ist besser als der andere.“ Emily Kammeier steht zusammen mit ihrer Klassenkameradin Paulina Klippenstein neben einem selbstgemalten Bild. Die Zeichnung ist farbig, doch das Motiv voller Düsternis. Die Gräueltaten der Nationalsozialisten aus Sicht der Schülerinnen werden visualisiert. Die beiden jungen Frauen haben sich mit den Zwillingsexperimenten des KZ-Arztes Josef Mengele auseinandergesetzt.

Kathrin Kröger

Schüler und Lehrer legen Kerzen am Friedhofskreuz nieder. Dazu gehört auch Justina Dyck (vorne). Foto: Kathrin Kröger

Sie stellen an diesem Montagmorgen im Foyer der Ilex-Halle ihr Projekt vor. Wie viele andere ihrer Mitschüler. „Wir haben reingearbeitet, was wir empfunden haben“, sagt Emily. Gezeichnete Eindrücke der Gedenkstättenfahrt zum einstigen Konzentrationslager Auschwitz in Polen. Frei in ihrer Wahl der Verarbeitung, präsentieren andere Schüler der Gesamtschule Hüllhorst Stellwände mit zusammengetragenen Informationen. Sie haben sich mit ganz unterschiedlichen Aspekten befasst. Täter und Opfer nahmen sie in vielfältiger Weise in den Blick, beschäftigten sich auch mit dem Vernichtungslager selbst. Wie war es beschaffen? Und wie lebten dort die Menschen, bevor ihrem Leben auf so grausame Weise ein Ende bereitet wurde?

Schüler haben mit Zeitzeugen gesprochen

Eine Woche verbrachten die Schüler der elften und zwölften Jahrgangsstufe vor etwa einem Jahr in der Region Auschwitz. „Wir haben auch eine Zeitzeugin getroffen. Eingestiegen waren wir in das Thema mit der Frage, was Judentum überhaupt bedeutet“, erzählt Lehrerin Mirjam Niemann. Es war eine Fahrt, die die jungen Leute nachhaltig beeindruckt und verändert hat. „Alles wurde greifbarer“, sagt Emily. Was sie dort gesehen und gehört habe, sei „sehr extrem“ gewesen. „Wir haben uns auch gefragt, welche Rollen unsere Familien in der Zeit spielten. Darüber wurde dann nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause diskutiert“, so die Zwölftklässlerin. Ihrer Mitschülerin Paulina Klippenstein haben Gespräche auch vor Ort geholfen, das Erfahrene zu verkraften. „Wir durften Blumen niederlegen, einige haben angefangen zu weinen“, erinnert sich Emily.

Raum für innere Einkehr bot ebenfalls die Gedenkveranstaltung am Morgen. Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen hatten die Elft- und Zwölftklässler mit Unterstützung der Lehrer Mirjam Niemann, Maik Podszuweit und Louis Schmedding das Erinnern vorbereitet. Die Resonanz war beeindruckend. Weit mehr als 100 Schüler ab der neunten Jahrgangsstufe, unter anderem ganze Geschichts- und Religionskurse, nahmen an der Veranstaltung teil.

„Wir haben Verantwortung dafür, dass sich der Wahnsinn nicht wiederholt“

Auf dem Alten Friedhof sorgte nicht nur Lehrerin Andrea Bontas mit ihrem Geigenspiel für eine getragene Stimmung, sondern auch Pfarrer Jens Weber fand in seiner Gedenkrede aufrüttelnde und zu Herzen gehende Worte. Er setzte ein Zeichen gegen „millionenfachen Mord, Brutalität, Unmenschlichkeit, Verfolgung, Unterdrückung, Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung“. „Auch bei uns haben Menschen ihre Mitmenschen als minderwertig erklärt“, so Weber. Die NS-Opfer seien keine namenlose Masse, sondern Menschen mit Wünschen, Träumen und Hoffnungen, einer eigenen Geschichte. Weber warnte davor, die Erinnerung verblassen zu lassen.

Die heutige Generation trage keine Schuld, sie sei nicht übertragbar. „Doch wir haben Verantwortung dafür, dass sich der Wahnsinn nicht wiederholt.“ Der Pfarrer zeigte sich entsetzt darüber, dass Synagogen heutzutage wieder bewacht werden müssten, Gedenkstätten von Rechtsradikalen beschmiert und zerstört werden würden. Den Zuhörern war anzumerken, dass sie Webers Worte verinnerlichten. Nach einer Schweigeminute legte jeder eine Kerze am Friedhofskreuz nieder und ging in Stille zurück zur Schule.

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