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Mitglieder der AG Natur- und Umweltschutz Bad Oeynhausen beringen vier Wanderfalkenküken im Mindener Marienkirchturm

Kennziffern für junge „Ferraris der Lüfte“

Bad Oeynhausen/Mi...

Den Ring fürs Leben haben in der Mindener Marienkirche nun vier Wanderfalkenküken erhalten. Die Wanderfalkenbetreuer Erwin Mattegiet aus Bad Oeynhausen und Gerhard Neuhaus aus Minden stiegen am Montagnachmittag mit einem Helferteam in die schwindelnden Höhen der Turmspitze der Marienkirche, um der vierköpfigen Wanderfalkenbrut ihren Ring zu verpassen.

Von Gisela Schwarze

Ein erhöhter Aufwand in der aktuellen Corona-Zeit war es, beim Aufstieg zum hoch gelegenem Brutplatz in der Kirchturmspitze aus Infektionsschutzgründen eine Maske zu tragen. Dass die Beringer dann eine stabile und gesunde Population von vier lauthals krakeelenden Jungfalken vorfanden, ließ die Anstrengung allerdings schnell vergessen. Alle Konzentration war auf die heranwachsende Wanderfalkenbrut gerichtet.

„Der größte Vogel erblickte vor 28 Tagen das Licht der Welt, dann gibt es zwei 27 Tage alte Geschwister und einen Nachkömmling mit 26 Tagen“, wusste Gerhard Neuhaus. Er ist zuständiger Beringer für Eulen und Greifvögel für den NABU-Landesverband NRW und arbeitet seit mehr als 30 Jahren mit seinen getätigten Dokumentationen für die Vogelwarte Helgoland.

Trotz aller Erfahrung im Beringen zog sich Gerhard Neuhaus beim ersten renitenten Falkenküken eine Verletzung an der Hand durch die scharfen Vogelkrallen und den Schnabel zu. „Das beste Gefühl für die Tiere habe ich ohne Handschuhe, aber sicherer ist die Arbeit eben mit“, stellte er achselzuckend fest und schlüpfte in Handschuhe.

Die Falkenfreunde entnahmen dem Nest nachein­ander die Greifvögel und steckten sie zunächst in einen Leinenbeutel. In diesem Beutel landeten sie an der Waage und dann auf dem Schoß von Erwin Mattegiet, der die Flügellänge vermaß, den Parasitenbefall und den gefüllten Kropf überprüfte. Reinhard Schlotzhauer notierte sorgfältig alle Beringungsdaten, die Gerhard Neuhaus und Erwin Mattegiet vor dem Anlegen der „Armbänder“ ermittelten.

Ein männliches Tier und drei weibliche waren nach den eingehenden Untersuchungen zu beringen. Während das männliche Küken nur 720 Gramm wog, brachten es die Schwestern auf 960, 980 und 1010 Gramm. Bei den Flügelmaßen hatten die Mädchen die Nase ebenfalls vorn: Der Junge konnte 19 Zentimeter aufweisen, bei den drei Mädels lag die Länge über 20 Zentimeter. Bekamen die weiblichen Wanderfalken einen Ring in normaler Größe, so erhielt der Junge einen kleinen XS-Herrenring. „Auch in der Tierwelt sind die Frauen das stärkere Geschlecht“, sagte Erwin Mattegiet. Mit den Kennziffern 3137678 bis 3137681 wurden die Ringe der Marienfalken versehen. Während der etwa einstündigen Aktion kreischten die Greifvögel mit den viertelstündlich schlagenden Kirchenglocken um die Wette

„Zumindest das weibliche Geschlecht empfindet doch eigentlich Freude beim Anlegen von Schmuck, schreit und kreischt nicht aus Leibeskräften“, sagte Stefanie Fried. Die Herrin im Marienkirchturm wird ihre Schützlinge weiterhin ständig beim Start ins eigene Leben per Webcam begleiten und weiterhin enge Verbindung zu den Wanderfalkenfreunden halten.

„Wanderfalken sind bekanntlich die schnellsten Vögel der Welt, werden deshalb auch als Ferrari der Lüfte bezeichnet“, wusste Erwin Mattegiet. Der Vogel erreiche bei seinen jagdlichen Sturzflügen Geschwindigkeiten von mehr als 300 Kilometern pro Stunde. Der superschnelle Greifvogel ist ein Vogeljäger. Zu seiner Beute gehören Kleinvögel, Drosseln, Tauben, Möwen, Elstern bis hin zu Rabenkrähen. Der Wanderfalke gehört zu einer streng geschützten Vogelart und war nördlich der Mainlinie seit 1975 praktisch ausgestorben.

Die Verfolgung der Greifvögel sowie der massive Einsatz des Schädlingsbekämpfungsmittel DDT hatten den stolzen Vogel ausgerottet. Erst als das Gift Ende der 1970er Jahre verboten wurde, erholten sich die Bestände und breiteten sich aus der Restpopulation in der schwäbischen Alb den Rhein abwärts wieder aus.

Die erste Brut in NRW fand auf dem Kölner Dom statt, wo der Wanderfalke heute noch zu finden ist. Durch intensive Schutzmaßnahmen wie Horstbewachung und das Anbringen von Nistkästen durch Falkenschützer gibt es in NRW wieder 230 Brutpaare. Im Jahr 2004 brüteten erstmals im Kreis Minden- Lübbecke zwei Wanderfalkenpaare an den Kraftwerken in Petershagen-Lahde und Porta Westfalica-Veltheim.

„Gegenwärtig gibt es über den Kreis Minden-Lübbecke verteilt nach unseren Kenntnissen fünf Brutpaare“, wusste Erwin Mattegiet. Bereits 2010 konnte der Wanderfalke aus der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten gestrichen werden.

Als Assistent von Gerhard Neuhaus mit dabei waren Reinhard Schlotzhauer sowie Helfer Frank Köstring von der AG Natur- und Umweltschutz Bad Oeynhausen. Aus der Mariengemeinde begleitete mit Schlüsselgewalt Stefanie Fried die Aktion. Die anwesenden Naturfreunde bedankten sich bei ihr, denn sie hatte als Chefin der installierten Webcam in den vergangenen vier Wochen ständig für Blicke in die Wanderfalken-Kinderstube mit dem Füttern der Küken gesorgt.

„Zu ihrem fünften runden Geburtstag wünschte sich Stefanie Fried Geld und kaufte dafür die Webcam, von der alle Vogelfreunde mit Freude profitieren“, lobte Erwin Mattegiet das Engagement der Mindenerin.

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