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Leitender Infektionsmediziner berichtet über die Behandlung der schwer erkrankten Corona-Patienten

Auch Blutplasma wird eingesetzt

Aktuell behandeln die Mühlenkreiskliniken 75 Covid-19-Patienten in Minden und Lübbecke, 17 davon auf der Intensivstation (Stand 29. Dezember). Hinter diesen inzwischen sehr hohen Fallzahlen in den regelmäßigen Meldungen des Gesundheitsamtes stecken menschliche Schicksale von teils schwer Erkrankten.

Friederike Niemeyer

Bei einem Corona-Patienten auf der Intensivstation werden die medizinischen Daten überprüft. Auch auf den Covid-Stationen in Minden und Lübbecke wissen Ärzte und Pfleger inzwischen besser, worauf es bei der Behandlung ankommt. Foto: Jens Büttner/dpa

Aber es verbergen sich dahinter auch die Mühen der Ärzte und Pfleger, die ihren Patienten bestmöglich helfen wollen. Wie sieht die Corona-Behandlung aktuell aus? Kann der anfangs noch unbekannten Krankheit jetzt besser begegnet werden?

„In den vergangenen Monaten haben unsere Medizinerinnen und Mediziner ebenso wie unsere Pflegefachkräfte viel über die Krankheit und das Virus gelernt. Unsere Experten können die Erkrankung nun besser einschätzen und behandeln.“ Das sagt Prof. Dr. Carsten Gartung. Er ist Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektionskrankheiten am Universitätsklinikum Minden und steht damit sozusagen an vorderster „Corona-Front“.

Heimtükische Erkrankung

Wie er berichtet, wurden an den Mühlenkreiskliniken bislang 621 Covid-Patienten behandelt (Stand 23. Dezember), davon 493 im Johannes-Wesling-Klinikum, dem Hauptbehandlungsort im Kreis für Corona-Fälle. Bei schweren Verläufen oder zu erwartenden Verschlechterungen werden die Patienten dorthin verlegt. Etwa jeder zehnte Patient muss auf die Intensivstation gebracht werden. „Die aktuelle Kapazität in Minden ist zur Zeit noch ausreichend“, sagt Prof. Gartung.

80 Prozent der Corona-Infektionen verlaufen mild mit grippeähnlichen Symptomen wie Husten und Fieber, so der Experte. Der Hausarzt entscheide, ob eine Einweisung notwendig ist. Jeder sollte aber auch selbst die Symptome im Blick haben. Gartung rät, zweimal täglich Fieber zu messen und auf Kurzatmigkeit besonders zu achten. Denn bei schweren-Verläufen kommt es zu Luftnot, Erstickungsanfällen und hohem Fieber. Wird es lebensbedrohlich, kommen Thrombosen und schließlich Organversagen hinzu.

Betroffen von schweren Verläufen sind alle Altersgruppen, erläutert Gartung. Besonders belastend sei, dass Komplikationen oft sehr plötzlich kommen. „Wir haben lernen müssen, dass wir den medizinischen Daten wie etwa der Sauerstoffsättigung und dem Lungen-Röntgen mehr Beachtung schenken müssen als dem subjektiven Befinden der Patienten. Die Erkrankung ist heimtückisch“, berichtet Gartung. „Wir hatten Patienten, die sich gut fühlten, die Pläne machten, das Krankenhaus verlassen zu wollen. Innerhalb von Minuten und vor unseren Augen rutschten sie ins Koma. Das hatte für uns alle etwas Beängstigendes.“

Verschlechterung

Wesentliches Kennzeichen solch einer Verschlechterung ist die plötzlich auftretende Luftnot, die sich in einem Abfall der Sauerstoffsättigung im Blut zeigt. Dann muss Sauerstoff über eine sogenannte Brille oder Sonde zugeführt werden. Wann immer möglich, wird wegen der Nebenwirkungen auf künstliche Beatmung verzichtet. Kann ein Patient wieder ohne Luftnot selbstständig atmen, ist das meist ein Indiz dafür, dass er „über den Berg“ ist.

Mit der Lunge hat es auch zu tun, dass schwer erkrankte Patienten häufig auf dem Bauch gelagert werden. „Das kann bei Patienten, die beatmet werden müssen, eine bessere Sauerstoffversorgung ermöglichen“, erläutert der Infektionsmediziner. „Vereinfacht gesagt werden die Lungenbläschen in Bauchlage weniger zusammengedrückt, da weniger Eigengewicht auf sie einwirkt, als es in Rückenlage der Fall ist.“ Außerdem gibt es auf der Rückenseite des Körpers mehr Lungenbläschen. „Durch die Bauchlage kann zusätzlich die Leistung des Zwerchfells beim Atmen gesteigert werden, Lungensekrete können sich besser lösen, sodass die Lunge besser belüftet und durchblutet wird“, sagt Carsten Gartung.

Ein neues Medikament gegen Covid-19 ist in der nächsten Zeit nicht zu erwarten. In den Mühlenkreiskliniken wird zur Behandlung Remdesivir und Dexamethason eingesetzt – und inzwischen sogenanntes Rekonvaleszenten-Plasma. Hier wird Patienten mit gesicherter Covid-19-Infektion das Blutplasma von Patienten gegeben, die eine Infektion überstanden und entsprechende Antikörper gegen das Coronavirus gebildet haben. Prof. Gartung: „Nach Plasmaspende wird diese nun anderen Patienten ähnlich wie bei einer passiven Impfung zur Verfügung gestellt, um dann bei dem neu erkrankten Patienten die Viruslast und damit das Risiko einer dramatischen Verschlechterung zu verringern.“

Darüber hinaus hofft aber auch Gartung auf die zügige und flächendeckende Impfung gegen Corona: „Nur die Impfung wird uns in den nächsten Monaten in weiten Teilen eine Rückkehr zu einem normalen Leben ermöglichen.“

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