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Die Lübbecker Krankenhaus-Seelsorger berichten über Weihnachten unter Corona-Bedingungen

Bedarf an Beistand ist groß

Lübbecke

Keine Gottesdienste an Weihnachten in Lübbecke: Krankenhaus-Seelsorger Paul-Alexander Lipinski fällt dieser corona-bedingte Verzicht besonders schwer.

Friederike Niemeyer

Der Zuspruch kommt in diesem Jahr per Weihnachtskarte in die Patientenzimmer im Lübbecker Krankenhaus. Gottesdienste wird es bis mindestens 10. Januar aufgrund der Pandemie nicht geben. Foto: Christine Scheele

Keine Gottesdienste an Weihnachten in Lübbecke: Krankenhaus-Seelsorger Paul-Alexander Lipinski fällt dieser corona-bedingte Verzicht besonders schwer. Weil es sein letzter Weihnachtsdienst im Krankenhaus vor dem Ruhestand ist. Vor allem aber weil es für viele Patienten so ein wichtiger Ankerpunkt an den Feiertagen ist, sagt der 65-jährige Pfarrer. „Ich war jeden Heiligabend vor Ort und habe gesehen, wie das Not bereitet, in diesen Tagen ohne die Familie zu sein.“ Es sei ja schon grundsätzlich schwer, wenn sich die Lebenssituation durch Krankheit oft radikal verändere. Da sei die Botschaft des Weihnachtsgottesdienstes besonders wichtig, sagt Lipinski: „Fürchte dich nicht, denn Gott ist für dich da.“ Auch in existenziellen Nöten.

Doch in diesem Jahr ist es anders. Keine Gottesdienste im Andachtsraum des Krankenhauses noch mindestens bis Heilige Drei Könige. Auch keine Übertragung von dort in die Krankenzimmer, denn diejenigen, die sonst die Technik managen, gehören zur Risikogruppe. Nur der Hinweis auf die Fernsehgottesdienste. Und 400 Kartengrüße mit geistlichen Worten, die Pfarrer Lipinski und seine Kollegin Christine Scheele noch vor den Feiertagen zu den Patienten und Pflegekräften, aber auch zu den vielen Ehrenamtlichen, die sonst bei den Krankenhaus-Gottesdiensten mitwirken, gebracht haben. Als einen „besonderen Schatz im Kirchenkreis“ bezeichnet Pfarrer Lipinski gerade die Posaunenchöre und Chöre, die für Musik im Haus sorgen. Seit März sind sie nicht mehr im Krankenhaus gewesen. „Wir sind darüber sehr traurig und hoffen, dass das nach der Pandemie wieder losgeht“, sagt Pfarrerin Scheele.

Es sind aber nicht allein die Gottesdienste. Auch sonst hat die Pandemie die Arbeit der Seelsorger verändert. Keine Besuche mehr von Angehörigen, auch die Grünen Damen nicht mehr vor Ort – da wird ein Gespräch mit dem Pfarrer von Angesicht zu Angesicht noch wertvoller für die Patienten. In seinen 34 Dienstjahren am Krankenhaus Lübbecke ist Paul-Alexander Lipinski fast täglich auf Station gewesen, dazu seit einigen Jahren regelmäßig in Schloss Haldem und in Rufbereitschaft für das Rahdener Krankenhaus. Christine Scheele unterstützt ihn. Und auch jetzt zu Pandemie-Zeiten ist Lipinski häufig vor Ort, obwohl er selbst zur Risikogruppe gehört. Die Besuche sind jetzt aber eben nur noch nach Terminvereinbarung (über die Rezeption) und mit Mundschutz und Abstand auf den Zimmern möglich. „Wir halten den Kontakt. Wenn Bedarf ist, kommen wir auch mehrfach“, sagen beide zu. „Sonst haben sich im Andachtsraum oder auf den Fluren auch spontan Gesprächskontakte ergeben. Das ist jetzt leider nicht mehr so“, sagt Christine Scheele. Dabei sei der Bedarf an Beistand und Trost spürbar groß. „Es wird häufiger nach Gott und dem Sinn gefragt“, sagt die 61-jährige Theologin. Das Angebot, mit ihnen zu beten und einen Segen zu sprechen, werde gerne angenommen. Etwas, das im Alltag oft als zu privat empfunden wird – hier im Krankenhaus seien die Menschen dafür offen, sagt auch Pfarrer Lipinski. „Wir sind keine Therapeuten, aber für den ein oder anderen Patienten sind wir ein Therapeutikum“, sagt der Seelsorger.

Auch zu Sterbenden werden die beiden Seelsorger gerufen, um sie zu begleiten und manchmal auch, seltener, um die Verstorbenen auszusegnen. Ein Angehöriger darf dann auch dabei sein – anders als noch in der ersten Welle, wo Patienten wegen der Ansteckungsgefahr alleine sterben mussten. Das sei auch für sie und ihre Kollegen sehr traurig gewesen, sagt Christine Scheele. „Das ist es doch, worum es uns Krankenhaus-Seelsorgern geht. Wir wollen aushalten bei den Menschen mit all ihrem Schmerz, ihrer Trauer. Wollen ermutigen, die Gefühle, die Trauer zuzulassen.“ Da sei oft noch in der Gesprächssituation zu spüren, wie das Reden Erleichterung bringe, wie sich die Perspektive ändere.

Ärzte können inzwischen auch in anderen Ausnahmefällen Angehörige als Besucher zulassen. Wie ungeheuer wichtig solch ein Kontakt etwa für demenzkranke Patienten ist, weiß auch Christine Scheele aus Erfahrung. Da entstehe bei den Angehörigen oft große Not, wenn sie wissen, dass sie gebraucht werden, aber nicht helfen dürften. Die Pflegekräfte könnten das nicht alles auffangen, sagt Paul-Alexander Lipinski. Und wird ärgerlich: „Die gehen schon lange auf dem Zahnfleisch. Gott sei Dank macht uns Corona deutlich, wie mies die Personalschlüssel sind.“ Der Druck werde immer größer.

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