1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. OWL
  4. >
  5. Lübbecke
  6. >
  7. Demenz: Krankenhaus Lübbecke bietet Halt und Stütze für betroffene Patienten

  8. >

Mitarbeiter stellen sich einer besonderen Herausforderung

Demenz: Krankenhaus Lübbecke bietet Halt und Stütze für betroffene Patienten

Lübbecke

Alles ist neu, anders und ungewohnt: Demenzerkrankte benötigen auch bei Aufenthalten im Krankenhaus besondere Unterstützung. Mitarbeiter des Krankenhauses Lübbecke stellen sich dieser Herausforderung.

Symbolbild. Lücken im Kurzzeitgedächtnis im mittleren Alter können frühe Anzeichen einer späteren Demenz sein. Foto: Sven Hoppe/dpa

Sie wollen Betroffenen wie Angehörigen Ängste nehmen - und eine Orientierung geben. Die Zahl der Menschen, die an Demenz erkranken, nimmt zu. In Deutschland leiden etwa 1,5 Millionen Betroffene an einem krankhaften Gedächtnisverlust. Pro Jahr kommen rund 250.000 Neuerkrankungen hinzu. Bis 2025 werden etwa 2,5 Millionen Menschen an Demenz leiden.

„Mit diesem Wissen ist es umso wichtiger, bereits jetzt ein Grundgerüst zu schaffen, um nicht nur die Pflege, die Behandlung sowie die Betreuung der Betroffenen bestmöglich zu gewährleisten, sondern auch deren persönliches Umfeld eng einzubinden, zu beteiligen und zu beraten“, sagt Reinhild Eikenhorst, Demenz-Coach am Krankenhaus Lübbecke.

16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgebildet

Der Krankenhausaufenthalt, bedingt durch die fremde Umgebung, das Fehlen von Bezugspersonen oder die allgemeine Reizüberflutung, kann sich für Menschen mit Demenz schnell zu einer Krisensituation entwickeln. Zunehmende Desorientierung, Unruhe, Aggression oder Angst sind die Folge, was beispielsweise dazu führt, dass Betroffene Essen und die Einnahme von Medikamenten ablehnen oder medizinische Untersuchungen gar komplett verweigern. Diese Situationen stellen für Angehörige sowie Pflegekräfte und Ärzte eine Ausnahmesituation dar.

Im Krankenhaus Lübbecke geht man diese Probleme strategisch an und setzt deshalb unter anderem auf Demenzlotsinnen und -lotsen. 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden bereits ausgebildet.

Sie haben wichtige Aufgaben zu erledigen: Das sind einige der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Krankenhaus Lübbecke, die bereits zu Demenzlotsen ausgebildet wurden. Und es sollen noch deutlich mehr werden. Foto: Sven Olaf Stange/MKK

Die Lotsen sind Anker für Patienten, Ratgeber für Kollegen und Ansprechpartner für Angehörige. Demenzlotsen sammeln Informationen und notieren ihre Beobachtungen zur Schmerzeinschätzung. Eine zeitnahe Therapie bei möglichen Komplikationen wird so angeregt sowie eine effiziente und qualifizierte Versorgung ermöglicht. Demenzlotsen sind Teammitglieder bei Fallbesprechungen und koordinieren die weitere Versorgung in Absprache mit dem Entlassmanagement. Sie sind aber in erster Linie auch Halt und Stütze für die demenzerkrankten Patienten – sie lotsen sie durch den Krankenhausaufenthalt.

Arbeit der Pflegenden erleichtern

„Wir brauchen dringend mehr Aufklärung und Wissen im Umgang mit kognitiv eingeschränkten Patientinnen und Patienten. Die Demenzlotsen können als Multiplikator die erlernten Inhalte mit Kollegen teilen. Davon profitieren alle Bereiche“, sagt Urte Abbate, Pflegedirektorin des Krankenhauses Lübbecke.  Ziel sei, die Bedingungen zu verbessern und die Arbeit der Pflegenden spürbar zu erleichtern.

„Menschen mit einer Demenz finden im Krankenhaus Lübbecke sensibilisierte Pflegefachkräfte, die sie im "Dschungel Krankenhaus" nach ihren Bedürfnissen begleiten und unterstützen; die sich in einem Akutkrankenhaus für demenzfreundliche Strukturen einsetzen und diese dann umsetzen; die ein erfolgreiches Schmerz- und Delirmanagement mit einem interdisziplinären Team etablieren“, erklärt Demenz-Coach Reinhild Eikenhorst.

Einsatz auf allen Stationen

Pflegedirektorin Urte Abbate freut sich, dass sich so viele Mitarbeiter im Krankenhaus Lübbecke für das Thema Demenz interessieren: „Ich bin sehr glücklich, dass dieses so wichtige Thema weiterhin im Fokus steht und ausgebaut wird, denn diese vulnerable Patientengruppe ist in den Kliniken präsenter denn je.“

Demenzlotsen bringen das erworbene Know-how auf alle Stationen: Nicht nur die pflegerischen Stationen halten inzwischen Demenzlotsen vor. Funktionsbereiche wie OP oder Anästhesie weisen ebenfalls geschulte Mitarbeiterinnen aus – wie Frauke Nierhaus.

Frauke Nierhaus und Reinhild Eikenhorst besprechen den Einsatz einer „Tast“-Decke mit verschiedenen Materialien, Oberflächen und Taschen für Verstecke. Die Decke dient zur Beruhigung für Demenzpatienten. Foto: Sven Olaf Stange/MKK

„Die Ausbildung zur Demenzlotsin war total spannend und aufschlussreich für mich. Ich habe auch viel für die Praxis mitnehmen können, was den Umgang mit demenzerkrankten Patienten betrifft. So ist es zum Beispiel wichtig, dass wir nicht viele Personalwechsel haben, diese Menschen brauchen konstante Bezugspersonen und viel Ruhe. Man muss sich bemühen, einen Zugang zum Patienten aufzubauen. Durch die Nähe schwinden dann auch Ängste“, erklärt Frauke Nierhaus, Pflegekraft in der Anästhesie im Krankenhaus Lübbecke.

Demenzsensible Einrichtung

Die Lotsenfunktion ist für den Heilungserfolg sehr wichtig. Denn insbesondere ältere Menschen laufen im Krankenhaus Gefahr, in einen Delirzustand zu fallen. Als Delir wird eine akute Bewusstseinsstörung - oft infolge von Medikamenten, Stress/psychischer Belastung, Infektionen oder Schmerzen - bezeichnet. Diese Menschen sind verwirrt, aus der Spur geraten und leben in einer anderen Welt. Sie können einerseits unruhig, ärgerlich und streitbar sein; anderseits auch in sich zurückgezogen, ängstlich und teilnahmslos wirken. Ein Delir kann nach Stunden oder Tagen vorbei sein. Manchmal wird ein temporäres Delir aber zu einer dauerhaften demenziellen Erkrankung.

Pflegedirektorin Urte Abbate erzählt: „Geplant ist natürlich, noch mehr Mitarbeiter zu schulen. So werden wir die Entwicklungen und Herausforderungen, die vor uns liegen, gemeinsam bewerkstelligen können.“ Das Krankenhaus Lübbecke ist als demenzsensibles Krankenhaus deutschlandweit bekannt. Projekte wie „Doppelt hilft besser bei Demenz“ oder das „Rooming-in bei Demenz“ sind seit 2007 sehr erfolgreich gelaufen.

Startseite
ANZEIGE