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Ein Jahr im Freiwilligendienst: Jugendforscher Klaus Hurrelmann sieht vor allem Vorteile

Den richtigen Weg finden

Lübbecke (WB). Was kommt nach der Schule? Eine Ausbildung, ein Studium? Neun junge Menschen haben sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Stadt Lübbecke entschieden. Das halten Fachleute wie der Bielefelder Jugendforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann (75) für eine Option, die bislang noch zu selten gewählt wird.

Kai Wessel

Auf dem Spielfest in der Turnhalle des Wittekind-Gymnasiums: Die fünfjährige Aria balanciert über eine schmale Stange. Die Freiwilligendienstleistende Alica Preuss (links) reicht ihr eine helfende Hand, ebenso wie Mutter Nicole Wüllner (38), die nebenbei noch Tochter Clea (1) sichert. Foto: Kai Wessel

Volles Haus beim Spielfest am Sonntag in der Sporthalle des Wittekind-Gymnasiums. Kinder rollen über Matten, balancieren Teller oder wollen geschminkt werden. Das übernimmt Paula Kalburg (20). Sie kann gut zeichnen. Die Lübbeckerin leistet ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) an der Stadtschule. Welchen beruflichen Weg sie danach einschlagen wird, weiß sie heute noch nicht: »Vielleicht was mit Kunst, vielleicht auch Sonderpädagogik.« Paula Kalburg geht es somit ähnlich wie ihren Mitstreitern, die sich für das Freiwillige Jahr bei der Stadt entschieden haben.

Unsicherheit ganz normal

Deutschlands bekanntester Jugendforscher, Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, kann die Schwierigkeiten junger Menschen bei der beruflichen Orientierung gut verstehen: »Sie haben die Qual der Wahl. Sie können zwischen 12.500 Bachelorstudiengängen wählen, zwischen 370 Ausbildungsberufen. Dass da viele Unsicherheit spüren, ist ganz normal.« Etwa jeder vierte Schulabgänger, der an eine Universität wechselt oder eine Ausbildung beginnt, würde nach spätestens zwei Jahren wieder abbrechen. »Dass so viele ihre Entscheidung korrigieren, ist erschreckend. Es fehlt an Begleitung und Coaching, an einer hingehaltenen Hand«, sagt Hurrelmann.

Seiner Einschätzung nach eröffnen sich durch das FSJ oder ein »Gap Year« im Ausland neue Chancen: »Das Freiwillige Jahr macht den Kopf frei. Es fördert zweifellos die Persönlichkeitsentwicklung.« Nach Ablauf dieses Jahres seien junge Leute oft so weit gereift, um den richtigen Weg zu finden. Hurrelmann hält das FSJ angesichts verständlicher Unsicherheiten für eine gute Option. »Es ist besser als eine Rückkehr zum Wehr- oder Zivildienst.« Hier wirke ein Zwang. Den hält Hurrelmann für falsch.

Kritik an Turbo-Abitur

Sigrid Rohlfing-Sundermeyer (61) vom Dezernat Schule und Freizeit betreut die FSJler. Da ihr eigener Weg in den Beruf auch nicht gradlinig verlaufen ist (»Ich hatte eigentlich auf Lehramt studiert«), kann sie die Entscheidung für das FSJ gut nachvollziehen: »Es ist immer besser, Sachen auszuprobieren.« Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen das Turbo-Abitur: »Da fehlt den Jugendlichen einfach die Zeit, mal nach rechts oder links zu gucken.«

Diese Möglichkeit wollen die FSJler nun nutzen. So wie Niklas Seidel, der im Grundschulverbund Gehlenbeck-Nettelstedt eingesetzt ist. Er denkt derzeit nicht unbedingt an ein Lehramtsstudium. Eine Karriere bei der Polizei wäre für ihn denkbar. Doch Unsicherheiten gibt es: »Ich bin froh, dass ich in diesem Jahr die Zeit habe, mir noch einmal Gedanken zu machen.« Fast schon eine Ausnahme im Kreis der Freiwilligendienstleistenden ist Alica Preuss (19) aus Rahden. Sie weiß schon jetzt, dass sie Lehrerin werden will: »Schon in der Schule haben alle zu mir gesagt, dass Lehrerin zu mir passt. Ich weiß nur noch nicht, ob ich an die Grundschule oder ans Gymnasium gehe. Bei der Entscheidung wird mir dieses Jahr helfen.« Erfahrungen kann Alica Preuss in der Grundschule Im kleinen Feld sammeln.

»Eine wertvolle Hilfe«

Stadtmitarbeiter Jan Hendrik Maschke berichtet am Rande des Spielfestes, dass die FSJler der vergangenen Jahre seines Wissens nach gute Wege eingeschlagen hätten. Teilweise seien sie in Berufen gelandet, an die sie beim Beginn ihres Jahres noch gar nicht gedacht hätten. »Das Freiwillige Jahr kann eine wertvolle Hilfe sein«, sagt Maschke. Zwei der elf städtischen Stellen blieben in diesem Jahr unbesetzt.

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