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Wirtschaftskreis: 100 Zuhörer bei Vortrag zu Familienbetrieben

»Der Rebell im Palast«

Lübbecke (WB). Die Bedeutung und Entwicklung von Familienbetrieben sind in der Literatur ein viel beachtetes Thema. Im Rahmen der Vortragsreihe des Wirtschaftskreises Lübbecke hat am Montag Prof. Dr. Christina Hoon vom Stiftungsinstitut für BWL der Universität Bielefeld in Barres Brauwelt vor etwa 100 Gästen zu diesem Thema referiert.

Silke Birkemeyer

Prof. Dr. Christina Hoon vom Stiftungsinstitut für BWL der Uni Bielefeld hat beim Wirtschaftskreis Lübbecke referiert. Gastgeber war dieses Mal Christoph Barre (links). Initiator der Vortragsreihe ist Lübbeckes Wirtschaftsförderer Claus Buschmann. Foto: Silke Birkemeyer

Zwei Zahlen machten die Notwendigkeit deutlich, sich mit den speziellen Problemen dieser Unternehmensform auseinanderzusetzen. So sind einem IHK-Bericht zufolge 20.000 Inhaber familiengeführter Unternehmen aktuell älter als 55 Jahre und 40 Prozent der Handwerksbetriebe ohne Nachfolge. Dabei, so die Referentin und Lehrstuhlinhaberin mit dem Schwerpunkt Führung von Familienunternehmen, seien diese Betriebe Motor der Wirtschaft und die attraktiveren Arbeitgeber.

Unterschiedliche Ansätze

Auch Aspekte wie eine hohe Eigenkapitalquote, langfristige Strategien, das organische Wachstum und die regionale Verbundenheit würden für diese Unternehmensform sprechen. »Familienunternehmen sind nicht alt und verstaubt. Sie genießen eine hohe Reputation«, betonte sie in ihrem temporeichen Vortrag. Konzerne aber wären für die junge Nachfolgegeneration bei der Karriereplanung häufig interessanter, so dass Gründer die Leitung und Kontrolle des Betriebes nicht immer innerhalb der Familie weitergeben könnten.

Auch die Finanzkrise 2008/ 2009 hätte die Daseinsberechtigung der Familienunternehmen nochmals unterstrichen. Es sei insbesondere in der dritten und vierten Generation schwierig, die Übergabe intern zu regeln. Das sei ein weltweites Phänomen. Ob Kronprinzenregelung, bei der allein der Patriarch die Nachfolge verkünde, eine demokratische Nachfolgewahl oder der systematische Aufbau der nächsten Führungsriege: Die Firmen in Deutschland verfolgten unterschiedliche Ansätze.

Neue Führungskultur ist gefragt

Geeignete Köpfe innerhalb der Familie zu finden und zu binden sei eine langfristige Aufgabe, für die mehr als fünf Jahre Planungszeit eingerechnet werden müssten. Und manchmal würde ein Kopf nicht ausreichen, um das Unternehmen durch unruhige Fahrwasser zu bringen. Gefragt seien eine neue Führungskultur und Führungsverständnis sowie Fingerspitzengefühl.

Den rational-ökonomischen unternehmerischen Entscheidungen würden dabei häufig die irrationalen Sichtweisen der Familien entgegenstehen. »Das sind Stärken und Schwächen zugleich«, sagte Hoon vor den Zuhörern, die als Unternehmer die Vielschichtigkeit des Problems und auch die Ursachen fehlender Regelungen gut beurteilen konnten.

Starke Gründerpersönlichkeiten, unterschiedliche Zeit- und Risikopräferenzen sowie Konflikte über die Zielsetzung wurden von der Referentin als Hindernisse für die erfolgreiche Nachfolge genannt.

Dank für dynamischen Vortrag

Eine »best practise«-Lösung gäbe es nicht. Jedoch sollten die Beteiligten frühzeitig an den erforderlichen Qualifikationen arbeiten, die wirtschaftlichen Aspekte prüfen und auch die Neupositionierung des Gründers beachten.

Frank Pape, Vorstandsberater eines Unternehmens mit Sitz in Preußisch Oldendorf, Münster und New York berichtete in der anschließenden Diskussion, dass er eine Tochtergesellschaft gegründet habe, damit seine Kinder dort die notwendigen Kompetenzen erwerben könnten. »Einen Kundenstamm kann ich übergeben und Qualifikation lässt sich erlernen. Persönlichkeit und Leidenschaft dagegen nicht«, sagte er.

Christoph Barre, Gastgeber und Firmenchef der Privatbrauerei Ernst Barre in der sechsten Generation, machte in seiner Ansprache zu Beginn des Abends deutlich, dass die Mitarbeiternachfolge im Vergleich zur Unternehmensnachfolge zurzeit mit deutlich mehr Engagement betrieben werde. Das 175-jährige Bestehen im vergangenen Jahr sei für ihn ein Appell gewesen, die erfolgreiche Familiengeschichte fortzuschreiben. Mit einem Barre-Bekennerset bedankte sich Claus Buschmann, Wirtschaftsförderer der Stadt, Lübbecke bei Prof. Dr. Hoon für den dynamischen Vortrag, die im Anschluss für weitere Fragen zur Verfügung stand.

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