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Nach 120 Jahren: RGZV Lübbecke steht vor dem Aus – Nachwuchszüchter fehlen

Der Verein geht, die Liebe bleibt

Lübbecke (WB). Zu den ersten Mitgliedern gehörten Louis Barre, Wilhelm von Behren und Ludwig von Waldthausen: Am 12. Januar 1899 ist der Rassegeflügelzuchtverein Lübbecke gegründet worden. Jetzt, mehr als ein Jahrhundert später, steht einer der traditionsreichsten Vereine im Altkreis Lübbecke vor dem Aus.

Kai Wessel und Niklas Nierste

Lachshuhnzüchter Bruno Schmidt bedauert das nahende Ende des RGZV Lübbecke. Er ist der Schriftführer des traditionsreichen Vereins, der einst von namhaften Bürgern gegründet wurde. Sein Hobby will Schmidt aber weiter pflegen. Foto: Kai Wessel

Bruno Schmidt (72) ist Schriftführer des RGZV Lübbecke. Er war eines von 15 Vereinsmitgliedern, die sich vor wenigen Tagen auf der Jahreshauptversammlung im Gestringer Hof eingefunden hatten. »Das Votum war eindeutig«, sagt Schmidt und führt aus: »Eine realistische Zukunftsperspektive ist nicht mehr erkennbar.«

Als Optionen gäbe es nur noch die Vereinsauflösung oder den Zusammenschluss mit einem benachbarten Rassegeflügelzuchtverein. Damit sei für den RGZV Lübbecke, wie Schmidt es formuliert, »das Sterbeglöcklein geläutet«.

Nachwuchs fehlt

Zuvor hatte der bisherige Vorsitzende Marco Wiegmann in seinem Jahresbericht auf diverse Probleme hingewiesen. So sei es unter anderem schwierig, einen kompletten und arbeitsfähigen Vorstand zu benennen. Zudem könne die negative Mitglieder- und Züchterentwicklung, vor allem deren Überalterung, nicht länger übersehen werden. »Wir haben nur eine Handvoll Mitglieder, die unter 60 sind«, sagt Schmidt. Viele seien älter als 70.

Der Nachwuchs fehlt. Das hat auch Bruno Schmidt festgestellt: »Früher haben drei Generationen unter einem Dach gelebt und sich gemeinsam um die Tiere gekümmert. Das ist heute anders.« Das Interesse an der Geflügelzucht sei erlahmt. Es würden andere Prioritäten gesetzt als Ende des 19. Jahrhunderts oder auch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. »Geflügelzucht hat keinen Zulauf mehr«, sagt Bruno Schmidt.

Abwärtstrend vor 20 Jahren erkennbar

Das bedauert nicht nur der Schriftführer, sondern auch Jobst-Peter Gerlach-von Waldthausen. Sein Urgroßvater Ludwig von Waldthausen – lange Kommandeur der Bürgerschützen – gehörte zu den Gründungsvätern des RGZV Lübbecke. »Er war ein Gönner, der viele Dinge und Institutionen in Lübbecke unterstützt hat«, sagt Jobst-Peter Gerlach-von Waldthausen.

Er bedauert die Entwicklung: »Dass die Tradition dieses Vereins jetzt nicht mehr weitergeführt wird, finde ich sehr schade. Die Geflügelzucht ist schon immer eine Beschäftigung gewesen, die Menschen zusammengeführt hat. Hier geht eine besondere Art von Kommunikation verloren.«

Der Abwärtstrend des RGZV Lübbecke deutete sich bereits bei der Jubiläumsschau vor 20 Jahren an. Damals schrieb der Vereinschronist: »Abschließend muss leider festgestellt werden, dass im städtischen Bereich die Geflügelhaltung immer schwieriger wird. Während die Bürger Straßenlärm tolerieren, regen sie sich auf, wenn Hähne krähen.«

Vorerst kein Vorsitzender

Im vergangenen Jahr musste die Vereinsschau mangels Masse abgesagt werden. Dabei sei das Niveau der verbliebenen Züchter nach wie vor hoch, heißt es aus dem RGZV Lübbecke. Der Vorsitzende Wiegmann erinnerte auf der Jahreshauptversammlung an große Erfolge bei regionalen und überregionalen Schauen.

Den Bericht des Kassierers Helmut Wiegmann nahmen die Mitglieder anerkennend entgegen. Seine Arbeit wurde von den Kassenprüfern uneingeschränkt gelobt. Der Vorstand wurde einstimmig entlastet. Die geplanten Wahlen zu verschiedenen Vorstandsämtern wurden abgesagt.

Das Amt des Vorsitzenden bleibt vorerst unbesetzt und der restliche Vorstand – unter Federführung des 2. Vorsitzenden Jörn Hoppe – zunächst geschlossen im Amt, um die vermutlich letzte Phase des Vereins in geordneter Form zu begleiten. Der Vorstand wurde zudem beauftragt, über die Möglichkeiten einer Fusion oder Auflösung zu beraten. Bis zum 15. Mai soll es eine außerordentliche Mitgliederversammlung geben.

Was immer dort beschlossen wird: Schriftführer Bruno Schmidt will sein Hobby weiter pflegen. Er umsorgt noch sieben große Lachshühner und einen Hahn. »Manchmal bekommen die Nachbarn ein paar Eier ab«, sagt er.

Bundesverband: Mitgliederzahl sinkt jährlich um 3000

Die Zahl der Geflügelzüchter ist bundesweit rückläufig. Nach Auskunft von Christoph Günzel, Präsident des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter (BDRG, 150.000 Mitglieder) mit Sitz im sächsischen Haselbachtal, verliert der Verband jährlich etwa 3000 Mitglieder. Der Stellenwert der Geflügelzucht sei heute nicht mehr so wie im 19. Jahrhundert.

Günzel erinnert an Robert Oettel, einen Urahn des bekannten Politikers Gregor Gysi. Oettel hatte im Jahr 1852 den Hühnerologischen Verein Görlitz gegründet, der zu seinen Hochzeiten etwa 3000 Mitglieder gezählt habe. Von diesen Zahlen seien die meisten Zuchtvereine inzwischen weit entfernt, sagt Christoph Günzel.

Auf der Grünen Woche in Berlin verzeichnete der BDRG allerdings ein gestiegenes Interesse an der privaten Hühnerhaltung: »Es gibt da einen kleinen Trend«, sagt Günzel. Er ist zuversichtlich, dass es »auch in 100 Jahren« noch Züchter gibt. Nur wie viele – das sei, so Günzel, ungewiss.

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