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Lübbecker Krimitage: Joe Bausch liest in der Stadthalle aus seinem Buch »Gangsterblues«

Ein Blick hinter die Gefängnismauern

Lübbecke (WB). Fast 600 Zuschauer haben am Montagabend gebannt den Begrüßungsworten von Andreas Oelschläger (Bücherstube) gelauscht, der »einen Star, einen Mediziner, einen Theatermenschen, einen Schriftsteller zum Anfassen« ankündigt.

Ria Stübing

Sowohl in der Pause als auch nach der Lesung zeigt sich Joe Bausch publikumsnah und signiert unzählige Bücher. Foto: Ria Stübing

Gemeint ist Hermann Joseph Bausch-Hölterhoff, besser bekannt als Joe Bausch und vielen Freunden des sonntäglichen »Tatorts« auch als Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth geläufig. Mit den Worten »Ich werde den Saal schon rocken« eröffnet der Mann mit dem markanten Gesicht und der nicht weniger markanten Stimme die vierte Lesung der Lübbecker Krimitage in der ausverkauften Stadthalle.

Bausch erzählt von Schwerverbrechern

Der Autor, Schauspieler und Moderator verschiedener Fernsehformate wie »Im Kopf des Verbrechers« oder »Kriminalzeit« war hauptberuflich bis November vergangenen Jahres als Leitender Regierungsmedizinaldirektor in der JVA Werl, einem Hochsicherheitsgefängnis, beschäftigt. »Im Knast kriegst du nicht nur Applaus, du kriegst auch Tomaten in die Fresse«, beschreibt er das Publikum, das ihm jahrzehntelang, wenn auch unfreiwillig, treu war.

Von seiner Arbeit als »Doc« im Knast, dem Umgang mit Schwerverbrechern, Häftlingen aus 52 Nationen, beginnt er übergangslos zu erzählen. Humorvoll, jedoch nicht ohne eine gehörige Portion Gesellschaftskritik, charakterisiert er die ganze Palette verschiedener Typen, die er in 32 Jahren hinter den Gefängnismauern kennen- und einzuschätzen gelernt habe.

Verschiedene Typen von Häftlingen

Da gebe es die »Unschuldigen«, denen bis zum Ende ihrer Haftzeit kein Geständnis zu entlocken ist, dann die langjährigen Häftlinge, die sich ein Leben außerhalb der Anstalt nicht mehr vorstellen könnten und wollten und jene, die mit ihrer fiesen und tyrannischen Art hinter Gittern anderen Insassen das Leben schwer machen.

Im Rahmen einer Fernsehproduktion sei er einmal gefragt worden, ob er nicht einen »Netten« da hätte, den man vor die Kamera holen könne. »Wir sind hier ein Hochsicherheitsgefängnis. Hier sitzen nur Schwerverbrecher ein. Den Aufenthalt hier muss man sich schon verdienen«, habe Bausch’s Antwort gelautet.

Ein starkes Argument für das Schreiben eines Buches sei die Tatsache gewesen, dass eine objektive Berichterstattung über den Gefängnisalltag mit der Kamera unmöglich sei. Dass sich im Justizvollzug einiges ändern müsse, viele Inhaftierte nicht resozialisiert sondern erst einmal sozialisiert werden müssten, erklärt er.

Lesen und Erzählen im Wechsel

»Bevor Sie das Gefühl haben, der Bausch kann nicht lesen, mache ich das jetzt gleich … aber vorher muss ich noch ein bisschen was erzählen«, unterbricht er sich selbst und sorgt für allgemeine Erheiterung, bevor das Publikum wieder gebannt an den Lippen des begnadeten Erzählers hängt.

Gelesen wird dann doch noch. Schließlich ist die Veranstaltung als Lesung aus »Gangsterblues«, seinem zweiten Buch, angekündigt worden. Allerdings verfällt Joe Bausch bereits nach wenigen Sätzen wieder ins Erzählen, nie hält es ihn länger als wenige Minuten am bereitgestellten Lesepult und das ist auch gut so.

Dem Publikum gefällt, wie der Mann mit der knurrigen und doch sympathisch-humorvollen Art die eine oder andere Geschichte erzählt, immer wieder gespickt mit Anekdoten und Erlebnissen aus seinem Berufsalltag als Hausarzt für die Einsitzenden der JVA.

Signierstunde mit dem Autor

Die zwölf Geschichten in »Gangsterblues« beruhen auf wahren Begebenheiten, wurden jedoch so verfremdet, dass sie niemandem zuzuordnen sind. Es sind Geschichten von verurteilten Mördern, Betrügern, Vergewaltigern, die sich dem Arzt anvertraut haben. »Geschichten von Gewalt und Entsetzen, von Schuld und Unschuld, von Einsamkeit und Reue, vom Sterben, stumm ertragenem Leid, von Versuchungen, gefährlichen Begegnungen und unglücklichen Lieben, von größter Not, von Verrat, Enttäuschung und Wut, von den Abgründen kranker Seelen und von Todesangst«, kündigt der Autor im Vorwort seines zweiten Buches an.

Sowohl in der Pause als auch nach der Lesung zeigte sich Bausch, wie zu Beginn der Veranstaltung angekündigt, als »Star zum Anfassen« und signierte unzählige Exemplare von »Gangsterblues« sowie seines ersten Buches »Knast«. Abschließend verriet Joe Bausch, dass es diesmal keine fünf bis sechs Jahre dauern soll, bis sein nächstes Buch erscheint. Andreas Oelschläger erklärte sich bereit, das Multitalent Bausch erneut nach Lübbecke einzuladen, wenn dieser Interesse habe.

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