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Kandidaten der Landratswahl 2020: Siegfried Gutsche (Grüne) aus Lübbecke – mit Video

Er will seine Erfahrung einbringen

Lübbecke (WB). Er will es noch mal wissen. Siegfried Gutsche war bereits 2014 Bewerber um das Landratsamt. Gegen den Amtsinhaber schaffte er 8,8 Prozent. Jetzt, mit dem Rückenwind seiner bundesweit erstarkten Partei Bündnis 90/Die Grünen und einer neuen Offenheit für grüne Kernthemen, nimmt er erneut Anlauf und rechnet sich bei dieser Wahl ohne einen Konkurrenten mit Amtsbonus einiges aus. Außerdem steht er auf Platz 4 der Grünen für den Stadtrat in Lübbecke und auf Platz 2 für den Kreistag.

Friederike Niemeyer

Bei der Pflege der Bonsais seines Sohnes im heimischen Garten hilft Siegfried Gutsche gerne. Der Grünen-Politiker möchte Landrat werden und sein Sachkenntnis und Erfahrung einbringen, um den Mühlenkreis weiterzuentwickeln. Foto: Friederike Niemeyer

Der 67-Jährige muss das als Ruheständler nicht, aber er tut es. Aus Überzeugung. Und mit Rückendeckung von zu Hause: Die drei Kinder sind längst erwachsen, Ehefrau Gabi Rausch engagiert sich ebenfalls bei den Grünen.

Gutsche tourt unermüdlich durch die Städte und Gemeinden des Kreises und stellt selbstbewusst seine Sachkenntnis, seine Erfahrung und seine Kontakte heraus. Als langjähriges Kreistagsmitglied kennt er die politische Lage, hat zudem als Mitglied im Verwaltungsrat der Mühlenkreiskliniken sowie durch seinen beruflichen Hintergrund (unter anderem als Fachlehrer für Berufe im Gesundheitswesen, Personalentwickler und Ethikberater) reichlich Kenntnis beim Thema Gesundheit.

Mehr Transparenz

Das Fallpauschalen-System zur Finanzierung der Krankenhäuser sei „desolat“, sagt Siegfried Gut­sche. In den Nachbarkreisen würden die Kliniken bereits rote Zahlen schreiben, auch für die Mühlenkreiskliniken (MKK) werde es immer schwieriger. „Die Große Koalition auf Bundesebene betreibt hier leider Stillstandspolitik“, sagt der Grünen-Politiker. Und fügt an, dass auch Schwarz-Rot im Kreis Stillstand mit sich gebracht habe bei der Frage, den MKK-Verwaltungsrat transparenter zu gestalten. „Wir hatten elf gute Jahre, aber wir müssen weitergehen“, sieht er Veränderungsbedarf. Gerade mit Blick auf die anstehenden Investitionen wie den Neubau in Oeynhausen. „Das wird nur funktionieren, wenn auch das Land so ein Projekt fördert“, sagt Gutsche. Das Wesling-Klinikum sei fast ausschließlich aus MKK- und Kreis-Mitteln finanziert worden, noch einmal gehe das nicht.

Wichtig für die Gesundheitsversorgung sei die Gewinnung von Nachwuchs. Die Kooperation zwischen MKK und der Ruhr-Uni habe sich bewährt, der Klebeeffekt trete ein. Und die klinische Ausbildung bei den MKK sei nun unter Studenten so beliebt, dass es eine Warteliste für die 120 Studienplätze gebe. „Der Verwaltungsrat setzt sich nun dafür ein, die Zahl zu erhöhen“, so Gutsche. Auch das Thema Medizinische Versorgungszentren sollte bedacht werden. Und ein eigener ambulanter MKK-Pflegedienst, um Versorgungslücken zu schließen.

Zu wenig Hebammen

In Anbetracht der neuen Medizinischen Fakultät in Bielefeld, müsse ein zukünftiger Landrat viel aktiver als bislang für den Beibehalt der Kooperation mit der Ruhr-Uni kämpfen, sagt Gutsche. Er nennt als weiteres heikles Thema die Hebammen-Ausbildung. Die läuft bislang an der MKK-Akademie in Minden sehr erfolgreich, endet aber wegen neuer gesetzlicher Rahmenbedingungen 2023. Die Berufsausbildung ist durch ein Fachhochschulstudium abgelöst worden – und das wird am 1. Oktober bereits in Herford beginnen, nicht aber in Minden, wo der Studienbeginn noch offen sei. Ein großes Versäumnis, sagt Gutsche. „Wir werden hier einen Hebammen-Notstand erleben“, so seine düstere Prognose.

Beim Thema Polizeipräsenz in der Fläche fordert Siegfried Gutsche die Kripo-Außenstellen in Lübbecke und Bad Oeynhausen sowie die dortige 24-Stunden-Besetzung der Wachen zurück. Die dort bekannten Beamten hätten für ein besseres Sicherheitsgefühl gesorgt, so Gutsche. Die Zuweisung der Beamten sei zwar Sache des Landes, bei der Verteilung im Kreis könne aber der Landrat mitreden, so Gutsche.

Mit Blick auf die Corona-Krise glaubt Gutsche, dass Mitte 2021 die wirtschaftlichen Folgen auch im Kreis spürbar werden. Es gelte daraus zu lernen, denn seiner Überzeugung nach ist ein wesentlicher Faktor für eine Pandemie die wirtschaftliche Globalisierung, aber auch Genmanipulationen bei Pflanzen und Tieren. Ein sorgsamer Umgang mit der Umwelt und Lebensmittel aus regionaler Produktion seien geboten.

Eigener Beirat

Gutsche weiß, dass die heimischen Landwirte ganz unten in der Produktionskette stehen, dass vor allem die Lebensmittelkonzerne den Takt vorgeben und die entscheidenden Gesetze auf Landes-, Bundes- oder EU-Ebene gemacht werden. Trotzdem könne auch der Kreis mehr tun, meint der Grüne. Er schlägt vor, das Thema Landwirtschaft aus dem Naturschutzbeirat des Kreistages herauszulösen und einen eigenen Beirat zu gründen. „Wir müssen alle mitnehmen, nicht nur die Öko-Bauern“, sieht Gutsche auch Veränderungswillen bei den konventionellen Landwirten.

Gutsche möchte beim Klimaschutz weitergehen als das Klimaschutzkonzept. Mehr Photovoltaik auf kreiseigenen Gebäuden, (moderat) mehr Windenergie-Vorrangflächen, mehr Mut zu Wasserstoff-Technologie etwa im ÖPNV oder als Forschungsschwerpunkt an einem eigenen neuen Fachhochschulstandort – das sind nur einige seiner Ideen.

Beim Thema Wirtschaft nennt auch Gutsche zuerst die Themen Standortmarketing und Fachkräftegewinnung sowie Digitalisierung. Sein Plan: „Wir brauchen Leute auf Kreisebene, die sich ausschließlich darum kümmern, um die Kommunen zu unterstützen.“

Günstiger Wohnraum

Touristisch sollte der Kreis mehr mit seinen Pfunden wuchern und die Rad-Mühlenroute bewerben, findet Gutsche. Speziell in Lübbecke sieht er auch den Bedarf für ein Hotel. Weitere konkrete Vorschläge sind eine Kreis-Baugesellschaft für günstigen Wohnraum oder Impulse für den Breitensport durch einen eigenen Ausschuss.

Den Kurs der Mehrheitsfraktionen im Kreistag zur Multifunktionshalle sieht Gutsche kritisch. Es hätte einer raschen Entscheidung bedurft, um die Kampa-Halle für elf bis zwölf Millionen Euro als zu sanieren. Dann hätte es Zeit gegeben, die Pläne für die Multihalle in Ruhe den aktuellen Gegebenheiten anzupassen.

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