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Jugend der Freilichtbühne Nettelstedt erarbeitet Stück eigenständig

Experiment geglückt

Nettelstedt (WB). Die Jugendlichen der Freilichtbühne Nettelstedt haben am Wochenende gezeigt, dass sie nicht nur schauspielerisch und organisatorisch auf hohem Niveau agieren. Die Auswahl des Stückes »Das Experiment« belegte, dass sie sich auch intensiv mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzen.

Arndt Hoppe

Ein Forschungsteam sperrt acht Jugendliche ein und untersucht ihr Verhalten. Als ein Streit zwischen Jenny (Celina Stork) und Ben (Niklas Öwermann) eskaliert, friert die Szene ein. Frau Dr. Engels (Merle Kracht) und zwei Beobachterinnen diskutieren. Foto: Arndt Hoppe

Aufwändige Licht- und Tontechnik

Die mit etwa 80 Zuschauern ausverkaufte Premiere im Spielerheim der Freilichtbühne war dabei selbst eine Art Experiment. Denn erstmals hatten die Aktiven im Alter zwischen 12 und 21 Jahren ihr Theaterstück nahezu komplett selbst auf die Beine gestellt. Von der Auswahl des Stückes über die Regie bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit hatten sie alles erarbeitet. Technische Unterstützung erhielten die 17 Jugendlichen dabei von Jannik Koch, der bei Fotos und Videosequenzen half und Stefan Finke, der für Licht und Ton zuständig war. Und letzterer hatte wirklich alle Hände voll zu tun: Denn die Aufführung holte mit Ton- und Lichteffekten, Musik- und Filmeinspielungen alles heraus, was auf der kleinen Bühne möglich ist. Dank der ausgezeichneten darstellerischen Leistungen der Spieler lautet das Fazit eindeutig: Experiment geglückt.

Wissenschaftler lassen Jugendliche entführen

Ausgangspunkt der Geschichte ist, dass eine Gruppe von Wissenschaftlern acht Jugendliche entführen lässt und in einem Lager einsperrt. Als sie nach und nach aufwachen, treffen die Gefangenen auf ihnen völlig fremde Menschen mit verschiedener Herkunft und unterschiedlichem Temperament. Da ist zum Beispiel Alex (Aaron Kracht), der nicht besonders klug ist und schnell dazu neigt, die Fäuste sprechen zu lassen. Die verwöhnte Mandy (Luisa Neumann) erzählt permanent von ihrem reichen Daddy, von dem sie alles bekommt.

Die neunmalkluge Helen (Sina Schütte) bekommt von den Mitinsassen schnell den Spitznamen »Google«, weil sie zu allem enzyklopädisches Wissen ausspucken kann. Die punkige Jenny (Celina Stork) sucht zunächst nur ihren eigenen Vorteil und findet alle anderen blöd, insbesondere den Außenseiter Ben (Niklas Öwermann), der seinerseits in allen das Positive sucht. Und vor allem ist da die dominante Maja (Angelika Airich). »Halt Dich an mich, ich habe einen Plan, wie wir hier rauskommen«, behauptet sie.

Armband zeigt den Status an

Gemeinsam ist den Jugendlichen, dass alle (bis auf Ben) ein Armband tragen, das ihren Status in einem Punktesystem widerspiegelt. Blau ist die Einsteigerfarbe, wer sich nach den Vorgaben der Personalisierungs-App lebt und möglichst viele Facebook-Follower hat, steigt im System auf. Sein Armband wird gelb. Durch Zufall findet Ben einen Laserpointer, mit dem die Jugendlichen den Status der Armbänder negativ, aber auch positiv beeinflussen können.

Der Konflikt in der Gruppe eskaliert. Die machthungrige Maja schafft es, sich zur Anführerin aufzuschwingen, bleibt aber den Nachweis schuldig, dass sie eine Lösung finden kann. Stattdessen kommandiert sie andere herum und lässt es sich gut gehen. Nur Ben, Jenny und die selbstbewusste Annika (Pia Finke) sind Abtrünnige.

Experiment belegt Macht der »sozialen Medien«

Die Handlung springt zwischendurch immer wieder zum Forschungsteam, das die Abläufe beobachtet und diskutiert. Am Ende stellt sich heraus, dass das Experiment dazu diente, nachzuweisen, wie leicht sich Menschen von »Sozialen Medien« verleiten lassen. »Ansehen, Geld oder die Zahl der Follower lassen keine Aussagen über den Charakter zu«, schließt Dr. Engels. »Fast alle haben das Denken eingestellt.«

Die Schwächen in der Logik des Schauspiels nach einem Theaterstück von Sabine Hrach macht das junge Ensemble mit der großen Spielfreude und schauspielerischen Fähigkeiten wett. Mehr als die drei Aufführungen dieses Stücks vom Wochenende gibt es leider nicht. Aber mit einem solch talentierten und engagierten Nachwuchs muss einem um die Zukunft der Freilichtbühne Nettelstedt nicht bange sein.

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