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Schulkonferenz kritisiert mangelnde Unterstützung für gemeinsames Lernen

Gymnasium ist in Sorge

Lübbecke (WB). Das politisch geforderte gemeinsame Lernen von behinderten und nicht-behinderten Kindern bringt am Wittekind-Gymnasium große Probleme mit sich, soll hier doch eigentlich leistungsorientiert unterrichtet werden. Direktor Friedhelm Sauerländer formulierte es im Bildungsausschuss sehr deutlich: »Bei uns herrschen Hilflosigkeit und Sorge, wie wir das leisten können.«

Friederike Niemeyer

Nicht alle Schüler packen das Abitur, zumal wenn sie speziellen sonderpädagogischen Förderbedarf haben. Schulleiter Friedhelm Sauerländer kritisiert deshalb die aktuellen Regelungen zur Inklusion und sorgt sich um sein Gymnasium. Foto: Christian Busse

Die Schulkonferenz bestehend aus jeweils sechs Schüler-, Eltern- und Lehrervertretern hat sich bei dem von der Bezirksregierung geforderten Votum, ein »Ort des gemeinsamen Lernens« zu werden, geschlossen der Stimme enthalten. Friedhelm Sauerländer: »Wir können dies so nicht befürworten. Aber ablehnen geht ja auch nicht, weil es sich um eine gesetzliche Vorgabe handelt.« Auch der Bildungsausschuss konnte sich am Dienstag nicht zu einer Zustimmung durchringen und vertagte das Thema.

Bezirksregierung fordert: Stadt und Schule sollen zustimmen

Hintergrund ist, dass nach dem aktuellen Schulgesetz an allgemein bildenden Schulen ausreichend Platz für Kinder mit speziellem Förderbedarf bereit gehalten werden muss. Entscheidend ist der Elternwille. In Lübbecke wird für die Sekundarstufe I der Großteil dieses Bedarfs an der Stadtschule abgedeckt. Für das nächste Schuljahr reicht dies voraussichtlich aber nicht aus: Es soll zwei Schüler mit gymnasialer Eignung geben, die spezielle Förderung brauchen. Deshalb will die Bezirksregierung Detmold, dass das Wittekind-Gymnasium und der Schulträger, also die Stadt, zustimmen, am Gymnasium einen »Ort des gemeinsamen Lernens« einzurichten.

Wie Schulleiter Friedhelm Sauerländer den Mitgliedern des Bildungsausschusses am Dienstag berichtete, gehe es gar nicht darum, behinderte Kinder ausschließen zu wollen. So würden schon seit Jahren einzelne Kinder mit körperlichen oder emotionalen Beeinträchtigungen erfolgreich unterrichtet und zum Abitur geführt. Problematisch werde es aber, wenn in einer Klasse Schüler mit verschiedenen Förderschwerpunkten säßen. Speziell bei lernbehinderten Kindern fehle den Gymnasiallehrern die Ausbildung. »Wir befürchten, dass wir die Kinder nur behüten und nicht fördern können«, sagte Sauerländer. Er nannte das Beispiel eines Schülers, der allein einen sogenannten Integrationshelfer benötigte, um im Unterricht aufmerksam zu bleiben, die richtigen Hefte herauszuholen oder nicht zu stören. »Und das war dann noch keine angemessene Förderung«, so Sauerländer.

Der Schulleiter und die Schulkonferenz fühlen sich im pädagogischen Bereich allein gelassen. So hätten sich jetzt zwar zwei Kollegen des Gymnasiums für eine halbjährige Fortbildung angemeldet. Dazu habe die Bezirksregierung für die möglichen zwei förderbedürftigen Schüler zwei zusätzliche Lehrerstunden pro Woche in Aussicht gestellt. »Wir brauchen aber mehr Unterstützung«, sagte Sauerländer.

Beschluss vertagt

Für den Schuldirektor passt die Inklusionsregelung nicht zum Bildungsauftrag an Gymnasien. Dort gehe es um das Ziel Abitur nach acht Jahren. So dürften auch Schüler nach der Erprobungsstufe an andere Schulformen verwiesen werden, wenn sie am Gymnasium nicht klarkommen. Beim gemeinsamen Lernen in der Sekundarstufe I werde aber ausdrücklich von Zieldifferenz, also verschiedenen Lernzielen, gesprochen. Etwas flapsig ausgedrückt heißt das dann für die betroffenen Kinder: Dabeisein ist alles – statt eines angemessenen Schulabschlusses.

Der Bildungsausschuss hat einen Beschluss vertagt, auch mit Hinweis auf das ausstehende Förderschulentwicklungskonzept des Kreises, das bald vorgelegt werden soll. Die Mitglieder fragten sich zudem, ob es überhaupt eine Alternative gibt, da das gemeinsame Lernen gesetzliche Vorgabe ist. Inge Hoffmann (SPD) schilderte ihre Gefühlslage so: »So sehr ich für gute Bildungschancen bin – man tut den Kindern keinen Gefallen. Das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.«

Auch andere Gymnasien haben sich schon kritisch zum gemeinsamen Lernen an ihrer Schulform geäußert. So haben das Haller Gymnasium und zwei Gütersloher Gymnasien ablehnende Stellungnahmen abgegeben.

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