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Orte und Menschen aus 900 Jahren Gehlenbecker Geschichte – „Gehrmker Hius“

Hier atmet noch der Geist der alten Zeit

Lübbecke (WB). Die Gehlenbecker wollten in diesem Jahr 900. Jubiläum feiern. Dafür hatten sie einen prall gefüllten Veranstaltungskalender aufgelegt. Doch Corona macht ihnen einen Strich durch die Planung. Damit der runde Dorf-Geburtstag nicht in Vergessenheit gerät, gibt es stattdessen Geschichten aus 900 Jahren zu lesen. In Zusammenarbeit mit dieser Zeitung werden in den kommenden Wochen besondere Orte und Menschen vorgestellt. Dieses Mal geht es um das Gehlenbecker Heimathaus oder „Gehrmker Hius“.

Eva Rahe

Hier wird Geschichte lebendig: Wilhelm Tempelmeier (links, ehemaliger Ortsvorsteher), Monika Lammermann (Mitte, Vorsitzende des Heimatvereins) und Werner Fabis (rechts, Ortsheimatpfleger) blicken zurück auf die Anfänge des „Gehrmker Hius“. Foto: Eva Rahe

1120 fand Gehlenbeck seine erste urkundliche Erwähnung in einem Kirchenbuch. Damals war es noch ein „Haufendorf“, wo sich Bauernhäuser entlang der „gehlen Bieke“, dem Gehlenbecker Bach, der oberhalb des Dorfes im Wiehengebirge entspringt, angesiedelt hatten. Daraus ist eine Ortschaft mit mehr als 3300 Einwohnern geworden. Im Zentrum steht das „Gehrmker Hius“. Die Front mit dem imposanten Fachwerkgiebel öffnet sich zur Lindenstraße. Seitlich liegt bis zur Schmiedestraße ein großer Garten. Dort befindet sich der Seiteneingang. Durch einen schmalen Gang gelangt man in die alte Bauerndeele und von dort in die hinteren Wohnräume des mehr als 200 Jahre alten Hauses.

„Zuletzt hat hier Marie Röthemeier gewohnt“, erklärt die Vorsitzende des Heimatvereins Monika Lammermann. Als der Verein das Haus vor 20 Jahren übernommen habe, sei es in einem sehr schlechten Zustand gewesen. Überall habe es durchgeregnet, die Fenster seien eingeschlagen gewesen, der Fußboden teilweise kaputt, erzählt Lammermann. Doch das „Gehrmker Hius“ war weder verbaut noch in seinem ursprünglichen Zustand verändert worden – ein Glücksfall.

Viel Arbeit und Energie investiert

Die Räume sind klein und heimelig, alte Möbel wie etwa ein alter Bauernschrank erstrahlen heute in neuem Glanz. Wie viel Arbeit und Energie in Renovierung und Wiederaufbau stecken, kann man nur erahnen. Wilhelm Tempelmeier, der den Hauskauf Ende der 1990er Jahre vorantrieb, weiß genau, wie viel Mühe im wieder hergerichteten Gebäude steckt. Der passionierte Tischler war bei den Renovierungsarbeiten von Anfang an dabei.

„Um das Haus zu kaufen, mussten wir einen Verein gründen, daraus ist der Heimatverein entstanden“, erklärt er. Mit Unterstützung der Stadt Lübbecke und Spenden von den Gehlenbecker Vereinen hätten sie das Haus im Jahr 2000 für 55.000 DM gekauft. „Da es eine Ruine war, riefen wir die Bevölkerung zu weiteren Spenden und Mithilfe auf“, berichtet er weiter.

„Gerettet hat das Vorhaben ein Förderbescheid mit Landesmitteln der Stiftung NRW und des Amtes für Agrarordnung“, sagt Ortsheimatpfleger Werner Fabis. Das Lübbecker Architekturbüro Lenk sei engagiert worden und hätte mit Hilfskräften aus einem ABM-Projekt das Haus von Grund auf renoviert. Dabei sei alles nach den Richtlinien des Denkmalamtes saniert worden. „Ich weiß noch, wie wir eines Abends mit einer Dame vom Denkmalamt auf der Deele saßen und über die Fußbodenheizung diskutierten“, erzählt Fabis. „Je später es wurde, desto kälter wurde es auch.“ Zum Schluss sei die Fußbodenheizung kein Problem mehr gewesen, erinnert sich der Ortsheimatpfleger.

Weitere moderne Elemente

Neben der Fußbodenheizung sind weitere moderne Elemente in das alte Gemäuer eingezogen – darunter zwei Wandheizungen, die mit Lehmputz bedeckt wurden und Heizkörper, die hinter der Holzvertäfelung versteckt sind. „Die Vertäfelung habe ich selbst angefertigt“, erzählt Wilhelm Tempelmeier, der, so macht es den Eindruck, jeden Stein und jedes Stück Holz des Hauses kennt. Im oberen Teil befindet sich eine Ausstellung mit Unikaten aus dem Dorfleben, bevor Elektrizität und moderne Geräte in Haushalt und Landwirtschaft einzogen. Ein historischer Webstuhl, Spinnrad, alte Waschutensilien – all das hat der Heimatverein hier gesammelt.

„Die meisten Dinge sind Spenden“, sagt Monika Lammermann. Eine der größten steht im hinteren Teil des Bodenraums. Dort befindet sich eine kleine Zigarrenfabrik, die Sammler und Liebhaber Günter Döding an den Heimatverein übergeben hat. „Die Zigarrenstube bewahrt einen Teil des Nachlasses von Günter Döding auf“, berichtet Wilhelm Tempelmeier. Damit hätte der Kauf des Heimathauses eigentlich seinen Anfang genommen, denn Döding habe seinerzeit einen Ausstellungsraum für die Sammlung gesucht. Welche Geheimnisse dieses „Museum im Museum“ verbirgt, wird deutlich, als Tempelmeier einen der großen Kartons im hinteren Teil öffnet. Darin stapeln sich Zigarren. „Rauchen kann man sie aber nicht mehr. Sie sind mittlerweile alle vertrocknet.“

Auch die früheren Bewohner seien noch zu spüren, weiß Monika Lammermann. „Marie Röthemeyers Geist ist gerne mal zu Besuch. Immer, wenn wir nach einer Veranstaltung etwas suchen, sagen wir: ‚Ach schau, da war Mariechen wohl wieder im Haus und hat es versteckt‘.“ Wer den Charme des alten Hauses erleben möchte, ist eingeladen. Bei allen öffentlichen Veranstaltungen im „Gehrmker Hius“ sind die Ausstellungsräume zugänglich.

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