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Das Bochumer Modell: Nils Peitzmeier (25) beginnt auf der Inneren in Lübbecke

Hin und wieder zurück

Bochum/Lübbecke (WB). Heilig Abend hatte Nils Peitzmeier (25) frei. Die Weihnachtsfeiertage konnte der neue Assistenzarzt des Lübbecker Krankenhauses im Kreise seiner Familie verbringen. Vielleicht schaut Peitzmeier zum Jahresende noch einmal zurück. Zurück auf seine Zeit als Medizinstudent an der Uni. Sie brachte ihm neue Freunde, viele Einblicke und Überraschendes: einmal Bochum und zurück.

Kai Wessel

Dr. Nils Peitzmeier (25) hat in Bochum Medizin studiert. Er erinnert sich an turbulente Tage, als bekannt wurde, dass die Ruhr-Universität mit den Mühlenkreiskliniken kooperiert. Für den Kirchlengeraner war das ein Glücksfall. Foto: Kai Wessel

Traumberuf Arzt

Seit der achten Klasse wusste Nils Peitzmeier, was er werden wollte. Arzt. Der Gang an die Ruhr-Universität in Bochum war der logische Schritt. Im Jahr 2013 schrieb sich der Einser-Abiturient an der Medizinischen Fakultät ein. Weg vom Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Bünde, weg vom Zuhause in Kirchlengern. Auf ins Ruhrgebiet, nach Bochum, keine Schönheit, Herzschlag aus Stahl. Doch die Heimkehr kam schneller als gedacht. Zwei Jahre war Peitzmeier an der Uni, als ein Morgen graute, der das Schicksal aller Bochumer Medizinstudenten für immer verändern sollte.

Die Nachricht des Dekans

Es war ein Tag im April 2015, an dem für viele Studenten der Fakultät eine Welt zusammenbrach. Peitzmeier kann sich noch gut an diesen Tag erinnern. Er war damals mittendrin. Er musste seelischen Beistand leisten. Mut machen. Peitzmeier berichtet: „Wir wurden in den Großen Hörsaal gerufen. Niemand wusste, was los war. Dann kam der Dekan. Er sagte uns, dass wir für den praktischen Teil der Ausbildung nach Minden müssen.“

Wo liegt Minden

Minden? „Viele wussten nicht, wo das liegt. Nur, dass es die Endstation vom Regionalexpress RE 6 ist. Viele dachten, das ist in Niedersachsen“, sagt Peitzmeier. Er war einer der wenigen, die Minden nicht nur vom Hörensagen kannten. Für ihn war der Einzug in eine WG in Bochum-Hordel die tiefgreifende Veränderung. Nun standen seine Kommilitonen vor einer Zäsur. Die meisten stammten aus dem Ruhrgebiet. „Im Hörsaal ging es sehr emotional zu. Die Empörung war groß, alle waren außer sich. Niemand wollte nach Minden. Die waren entsetzt.“ Peitzmeiers Versuche, den Mühlenkreis als gar nicht so schlimm zu verkaufen, verhallten. Einige wollten zeitnah heiraten. Eine Heirat schützte vor der Versetzung in die Provinz.

Neue Perspektiven

Ein Jahr später, im Oktober 2016, begann für 57 Medizinstudenten die klinische Ausbildung an den Standorten in Minden, Lübbecke, Rahden, Bad Oeynhausen und Herford. Auch Nils Peitzmeier lernte im neuen Hörsaal des Johannes-Wesling-Klinikums. In seiner Studienzeit erlebte der angehende Arzt, wie sich der Blick auf Minden veränderte. „Es sprach sich schnell herum, dass das Studium und die Lehr- und Forschungsbedingungen in Minden richtig gut sind.“ Aus Sicht von Peitzmeier sogar besser als an den Universitätskliniken im Ruhrgebiet. „In Minden ist man nicht nur eine Nummer. Die Ärzte können sich auf wenige Medizinstudenten konzentrieren. Sie nehmen sich Zeit für dich. Das ist ideal für einen Studenten, weil du in kurzer Zeit sehr viel lernen kannst.“

Mehr Freiwillige

Das familiäre Umfeld, die stets gegenwärtige Hilfe, motivierte Dozenten, all das wusste nicht nur Peitzmeier während seiner Ausbildung an den Mühlenkreiskliniken zu schätzen. „Ich habe in meiner Zeit in der Fachschaft mitbekommen, dass viel Gutes aus Minden erzählt wurde.“ Die Tage, an denen konsternierte Studenten auf Landkarten von Google Earth nach Minden suchten, waren vorbei. Peitzmeier berichtet, dass sich die Zahl jener, die sich freiwillig für eine praktische Ausbildung an den Mühlenkreiskliniken entscheiden, in den vergangenen Jahren deutlich erhöht habe. Insgesamt stehen pro Semester 60 Plätze in Minden zur Verfügung.

Nils Peitzmeier bestand seine Prüfungen mit herausragenden Leistungen. Im neuen Jahr fängt er in der Abteilung für Gastroenterologie und interventionelle Endoskopie am Krankenhaus Lübbecke an, sehr zur Freude von Dr. Bernd Wejda, kommissarischer Direktor des Zentrums für Innere Medizin und Leiter der Abteilung.

Eine Frage des Lebensstils

Dr. Wejda hat Peitzmeier in den vergangenen Monaten betreut: „Er ist ein wirklich guter Arzt. Ich freue mich, dass er sich für Lübbecke entschieden hat.“ Das liegt nach Auskunft von Peitzmeier vor allem an der guten Betreuung währen des Praktischen Jahrs: „Ich habe mich hier einfach wohlgefühlt. Alle haben mich sehr gut aufgenommen. Außerdem ist die fachliche Expertise hier enorm hoch“, sagt Peitzmeier.

Er ist einer von elf Absolventen aus dem ersten Jahrgang, die nach ihrem Abschluss in Ostwestfalen bleiben und als Arzt oder Ärztin arbeiten werden. Und das, wie der Vorstandsvorsitzende der Mühlenkreiskliniken Dr. Olaf Bornemeier betont, absolut freiwillig und aus tiefer Überzeugung. „Dafür, dass die Stimmung unter den Studierenden am Anfang so negativ war, ist das eine sehr, sehr erfreuliche Zahl.“

Großstadt oder Provinz? Für Dr. Bernd Wejda ist das eine Frage des persönlichen Lebensstils. „Manche bevorzugen nun mal das Großstadtflair.“ Sein neuer Assistenzarzt hat eine Entscheidung getroffen. Ob er für immer im Mühlenkreis, in der Toskana Ostwestfalens bleibt, vermag er heute noch nicht zu sagen. „Mein Traum ist eine eigene Praxis.“ Bochum kam in diesem Traum nicht vor.

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