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Im Interview: Pfarrer Eckhard Struckmeier (65) hat 38 Jahre in Lübbecke gewirkt

Immer noch begeistert

Lübbecke (WB). Noch einige Besuche bei Gemeindemitgliedern, am Sonntag der Verabschiedungsgottesdienst in der Andreaskirche und dann ist er tatsächlich nicht mehr im Dienst. Eckhard Struckmeier (65) geht nach 38 Jahren als Gemeindepfarrer in Lübbecke in den Ruhestand. Im Gespräch mit Redakteurin Friederike Niemeyer blickt der evangelische Theologe auf bewegte Zeiten und bewegende Momente zurück und schildert, warum er sich so auf die Gartenarbeit freut.

Beinahe sein ganzes Berufsleben hat er im Dienst der Lübbecker Kirchengemeinde gestanden: Pfarrer Eckhard Struckmeier wird an diesem Sonntag in den Ruhestand verabschiedet. Die Andreaskirche, derzeit weihnachtlich geschmückt, war 20 Jahre lang seine Wirkungsstätte. Foto: Friederike Niemeyer

Vor 38 Jahren sind Sie als Pfarrer nach Lübbecke gekommen. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Eckhard Struckmeier: Damals, als ich am Thomasbezirk angefangen habe, gab es 11.000 Gemeindemitglieder in Lübbecke und vier Pfarrer. Jetzt sind es 7200 Mitglieder. Und wenn ich jetzt gehe, wird mein Seelsorgebezirk aufgeteilt zwischen Eberhard Helling und Sabine Heinrich. Die beiden werden viel stärker mit Gottesdiensten und Beerdigungen, mit kirchlichem Unterricht und Sitzungen gebunden sein und weniger Freiräume haben. Bei aller Vorfreude auf meinen Ruhestand empfinde ich darüber tiefes Bedauern.

Vor einigen Jahren gab es angesichts schrumpfender Mitgliederzahlen den Vereinigungsprozess aller vier Lübbecker Gemeinden. Am Ende hat das Blasheimer Presbyterium dagegen gestimmt. War das nicht sehr frustrierend?

Struckmeier: Das war auf gar keinen Fall ein Fehler. Der Prozess ist gescheitert, war aber nicht vergeblich. Er hat zu intensiven Kontakten zwischen den Presbyterien und anderen engagierten Mitarbeitern geführt. Und nicht zuletzt hat er den Anstoß zu meinem Angebot der christlichen Meditation in Gehlenbeck gegeben, das ich auch künftig weiterführen möchte.

Was ist Ihre Erklärung für den Mitgliederschwund bei den evangelischen Kirchengemeinden?

Struckmeier: Die Menschen fragen heute viel nachdrücklicher: Was habe ich davon? Und wenn jemand dann nicht einer Gemeindegruppe angehört oder persönliche Kontakte hat, dann sagen viele: Ich spare mir die Kirchensteuer. Dazu kommen sicher persönliche Enttäuschungen oder bestimmte Positionen, die die Kirche einnimmt, etwa in der Flüchtlingsfrage. Und die Kirche ist inzwischen ein Anbieter unter vielen. Um dem entgegenzuwirken, müssen wir als evangelische Christen uns fragen, ob und wie wir die Herzen der Menschen erreichen. Wir sind ja da, wenn Menschen nach uns fragen. Aber Kirche hat oft nichts mehr mit dem ganz Alltäglichen der Menschen zu tun.

Habe Sie das Gefühl, dass sich jungen Leute noch von Kirche erreichen lassen?

Struckmeier: Wenn die biblischen Geschichten für einen selbst Bedeutung haben, dann vermittelt sich das eigentlich auch Kindern und Jugendlichen. Im Konfirmandenunterricht etwa hat es immer Spaß gemacht, das Gleichnis vom verlorenen Sohn zu inszenieren und nachspielen zu lassen. Das war Klasse, um ins Gespräch miteinander zu kommen.

Dass Sie die Gemeindearbeit lieben, hat man bei Ihnen immer gespürt. Wie war das, als Sie als junger Mann nach Lübbecke kamen? Was war Ihre persönliche Mission?

Struckmeier: Das, was ich vom Evangelium verstanden hatte, wollte ich weitergeben. Die Botschaft der Bibel und die Menschen zusammenbringen. Die Liebe Gottes ist viel größer und radikaler, als wir uns das vorstellen können. Sie ist nur als Geschenk zu empfangen. Das ist wirklich das Schönste, und das begeistert mich immer noch. Natürlich habe ich im Laufe der Zeit in Bezug auf manche Menschen auch Desillusionierungen erlebt. Aber ich bin ja auch von mir selbst desillusioniert worden, was meine Fähigkeiten und Möglichkeiten angeht. Wenn einem die Augen für mehr Realität geöffnet werden, tut das weh, ist aber auch ein positiver Prozess.

Als Pfarrer ist man auch als Person von besonderem Interesse. Wie sind Sie damit zurecht gekommen?

Struckmeier: Auch ein Pfarrer braucht Privatsphäre. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite werden wir aber auch an dem gemessen, was wir predigen. Durch meine Scheidung habe ich auch ganz persönlich durchbuchstabiert, dass ich auf Vergebung angewiesen bin. Ich bin dankbar für das Vertrauen von Gemeinde und Presbyterium in dieser Zeit. Das war so nicht selbstverständlich. Gute Erfahrungen habe ich auch gemacht, wenn es Konflikte, Enttäuschungen oder Verletzungen gab. Da ist man bei uns aufeinander zugegangen. Von der Gnade zu leben, macht das einfacher.

Das Predigen hat Ihnen immer besondere Freude gemacht. Hat sich das nie abgenutzt?

Struckmeier: Das Predigen ist bei mir nie zur Routine geworden. Ich habe es auch sehr ernst genommen. Wenn ich nichts zu sagen habe, kann ich gleich unten bleiben, dann brauche ich nicht auf die Kanzel zu gehen. Und ich wollte etwas sagen. Das habe ich auch als tröstlich, beglückend und demütig machend erlebt. Ein Pastor, der nicht auch Freude daran hat, auf der Kanzel zu stehen, ist ganz arm dran. Dabei war ich als junger Vikar schüchtern und bin mit sehr großem Herzklopfen damals im Krankenhaus Rosenhöhe in Bielefeld zu den Patienten auf Station gegangen.

Stichwort Besuche. Sie sind ja auch zu vielen Familien mit belastenden, schrecklichen Schicksalen gerufen worden.

Struckmeier: Ich bin da auch manchmal an meine Grenzen gekommen, etwa bei plötzlichen Todesfällen von Kindern. Da war ich völlig hilflos. Ich habe es dann als meine Aufgabe gesehen, einfach da zu sein und aufzunehmen, was die verzweifelten Menschen weinen oder schreien. Das hat den Menschen gut getan. Und da habe ich gespürt, dass Gottes Kraft tatsächlich in den Schwachen mächtig ist, wie die Bibel sagt. In der seelsorgerlichen Arbeit habe ich auch viele Impulse durch meine Frau und ihre Arbeit als Familientherapeutin erhalten.

Sie sind derzeit stark in der Lübbecker Flüchtlingsarbeit engagiert. Wie ist die Situation im Moment?

Struckmeier: Ich habe beim Runden Tisch derzeit noch die Moderation, die ich aber in andere Hände abgeben will. Eine Baustelle im Moment ist die Unterkunft Hausstätte, die angefüllt ist mit jungen Männern. Die Stadt bietet Unterbringung und Verpflegung. Es gibt eine Sozialarbeiterin für mehr als 300 Flüchtlinge in der Stadt. Die Hilfe der Ehrenamtlichen wird gern angenommen und es gibt warme Worte des Dankes und der Anerkennung. Aber es gibt keine Tendenz von Seiten der Stadt, in Integrationsarbeit zu investieren. Ein Beispiel sind die etwa 100 abgelehnten, aber geduldeten Asylbewerber. Davon ist etwa ein Drittel jetzt in Arbeit und liegt der Stadt nicht auf der Tasche. Das ist aber nur den Ehrenamtlichen zu verdanken, die viele tausend Stunden praktische Integrationsarbeit geleistet haben. Und der Frieden in der Stadt liegt auch zu einem großen Teil an der Jugendarbeit des CVJM, wo viele junge Flüchtlinge aufgefangen werden.

Ab nächster Woche haben Sie viel mehr Zeit für ihre Familie und Hobbys. Worauf freuen Sie sich da besonders?

Struckmeier: Am meisten freue ich mich auf mehr gemeinsame Unternehmungen mit meiner Frau. Außerdem gehe ich sehr gerne wandern, besonders im Wald. Ich möchte im Sommer gerne den Jakobsweg gehen. Und ich könnte mir vorstellen, im Winter an der Uni Vorlesungen etwa in Politik, Literatur oder Kunstgeschichte zu hören. Und im Garten, der zu unserem neuen Zuhause gehört, möchte ich gerne ein Hochbeet anlegen, mit Gemüse und Obst. Gartenarbeit ist toll. Ich liebe meinen Kompost geradezu (lacht) . Aus Abfall wird Dünger. Im Kompost begegnet es mir also auch, das Geheimnis der Transformation.

Zur Person

Seit 1981 ist Eckhard Struckmeier Pfarrer in Lübbecke. Aufgewachsen in Minden-Meißen studierte er nach dem Abitur am Mindener Bessel-Gymnasium zunächst in Bethel und dann ab 1973 in Heidelberg und Tübingen evangelische Theologie. Von 1978 bis 1980 war Struckmeier Vikar in Bielefeld-Sennestadt. 15 Monate als Hilfsprediger in Lüdenscheid schlossen sich an, bevor er sich erfolgreich um die damals vierte Pfarrstelle im Lübbecker Nordbezirk bewarb. 18 Jahre lang war er zusammen mit Friedrich-Wilhelm Feldmann am Thomas-Gemeindehaus tätig, ehe er nach der Pensionierung von Pfarrer Peter Jahnz an die St.-Andreas-Kirche wechselte. Eckhard Struckmeier ist mit Ehefrau Sabine Linz-Struckmeier bereits aus dem Pfarrhaus ausgezogen, in dem nun Eberhard Helling die Pfarrerwohnung bezogen hat. Am Sonntag, 29. Dezember, 10.30 Uhr, wird Struckmeier in einem Festgottesdienst aus seinem Amt verabschiedet

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