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Freundeskreise der Suchtkrankenhilfe NRW wählen in Lübbecke neue Vorsitzende

Karl-Heinz Wesemann will kürzertreten

Lübbecke (WB). Manchmal braucht es einfach einen Neuanfang – im Leben von Karl-Heinz Wesemann (66) gibt es den nun schon zum zweiten Mal. Der erste, als er mit 30 Jahren nach einer abgeschlossenen Langzeittherapie gegen seine Alkoholabhängigkeit dem Lübbecker Freundeskreis der Suchtkrankenhilfe beitrat – und der zweite, als er nun auf der Landes-Delegiertenversammlung nach 19 Jahren seinen Posten als erster Vorsitzender des Landesverbandes niederlegte.

Joscha Westerkamp

Bei der Delegiertenversammlung (von links): Karl-Heinz Wesemann (ehemaliger erster Vorsitzender), Wolfgang Pätsch (stellvertretender Vorsitzender), Bettina Beran-Mlodzian (neue erste Vorsitzende) und Sven Kütenbrink (neuer stellvertretender Vorsitzender und Gruppenbegleiter des Lübbecker Freundeskreises). Das Einhalten der Abstände sei ihnen ein großes Anliegen. Foto: Joscha Westerkamp

Der Leitspruch „Wo Freundeskreis draufsteht, muss auch Freundeskreis drin sein“ hat Karl-Heinz Wesemann über die Jahre immer wieder an die Suchtkrankenhilfe gebunden. „Als 30-Jähriger kam ich in die Freundeskreise und wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, wohin meine Lebensreise als Suchtkranker gehen sollte. Mir imponierte die Art und Weise, wie herzlich, freundlich und ohne Bedingungen ich in den Freundeskreis aufgenommen wurde. Hier gab es keine Rangordnungen – jeder war gleich“, schreibt er nun in einem zweiseitigen Abschiedsbrief an die anderen Mitglieder – die „Freundinnen und Freunde“, wie sie sich nennen.

Die Freundeskreise der Suchtkrankenhilfe sind örtliche Selbsthilfegruppen – im positiven Sinne. 45 gibt es davon in NRW, mit insgesamt gut 1000 Mitgliedern. Nur ein Jahr, nachdem Wesemann 1984 selbst dem Lübbecker Freundeskreis beitrat, gründete er einen Freundeskreis in Preußisch Oldendorf und leitete diesen bis 2016, ehe er seinen Posten an Stefan Peper weitergab. Ein Aus bedeutete das für Wesemann als Gruppenbegleiter nicht. Er zog um und gründete kurzerhand einen Freundeskreis in Neubeckum, den er noch heute leitet. In der Zwischenzeit wurde Wesemann 2000 stellvertretender Vorsitzender des NRW-Landesverbandes „Freundeskreise für Suchtrankenhilfe“ und ein Jahr später erster Vorsitzender.

Bundesverdienstorden

Zahlreiche Gruppenbegleiter bildete er in seiner Amtszeit aus, zahlreiche Seminare leitete er. Er sagt, er wolle „all den Menschen in den Freundeskreisen etwas zurückgeben“. Die Freundeskreise seien „seine Heimat“ geworden. Wesemann: „Sie haben mir Halt gegeben in meinem neuen Leben ohne Suchtmittel. Es wurde viel gelacht und Positivität ausgestrahlt.“ 2010 erhielt Karl-Heinz Wesemann den Bundesverdienstorden für seine ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Suchtkrankenhilfe und ehrenamtliche Leistungen im Jugendfußball des Preußisch Oldendorfer OTSV.

Jetzt verlässt er den Vorstand und beendet damit einen großen Teil seiner ehrenamtlichen Arbeit. Ein paar Seminare wolle er weiterhin leiten, sich ansonsten aber mehr ins Private zurückziehen. „Vielleicht gehe ich öfter mal wandern“, sagt er. Als Nachfolgerin wurde auf der Delegiertenversammlung jetzt einstimmig die bislang stellvertretende Vorsitzende Bettina Beran-Mlodzian (55) gewählt. Sie ist seit 15 Jahren trockene Alkoholikerin. Sven Kütenbrink ist neuer stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes, weiterer stellvertretender Vorsitzender bleibt Wolfgang Pätsch. Sven Kütenbrink (41) ist seit drei Jahren Gruppenbegleiter des Lübbecker Freundeskreises.

„Der Freundeskreis in Lübbecke“, erklärte Kütenbrink, „wurde 1982 gegründet. Im Moment haben wir zehn Mitglieder im Alter von 19 bis 70.“ Die meisten hätten Suchtprobleme mit Alkohol, aber auch ein paar mit „Drogen jeder Art.“ „Wir sind offen für alles“, sagt der Gruppenbegleiter. Im Normalfall treten Mitglieder den Freundeskreisen bei, wenn sie eine Therapie beendet haben und trocken sind; es kann aber jeder beitreten, der will. Angehörige seien ebenfalls gerne gesehen – „Ich bin selbst Angehöriger, nicht Betroffener“, sagt Kütenbrink. Vor 20 Jahren sei er dem Freundeskreis zusammen mit seinem Vater beigetreten. Seit August trifft sich die Gruppe wieder jeden Mittwoch von 19.30 bis 21 Uhr im Gehlenbecker Gemeindehaus. Da gibt es für jeden die Gelegenheit, offen über Probleme zu reden und dabei auf die Verschwiegenheit der anderen vertrauen zu können.

Corona als Problem

Die Corona-Pandemie war auch für die Suchtkrankenhilfe ein großes Problem. Da fast überall die Räume nicht mehr groß genug waren, konnten sich viele Freundeskreise nicht treffen. Karl-Heinz Wesemann: „Normalerweise besuche ich auch Leute in den Entgiftungsstationen, um ihnen Hilfestellung und Hoffnung zu geben. Das ging jetzt nicht.“ Die Lübbecker Gruppe trifft sich seit August wieder. „Man hat gemerkt, dass es den Leuten gefehlt hat“, erinnert sich Gruppenbegleiter Kütenbrink. „Zwischendurch haben wir zwar auch miteinander geschrieben und telefoniert, aber das ersetzt es nicht.“

Dass sich nun Delegierte der Freundeskreise aus ganz NRW treffen konnten, verdanke man einem sehr guten Hygienekonzept, so Wesemann. Er betont: „Gesundheit ist uns sehr wichtig.“ Besonders danke er der Hilfe der Mitarbeiter der Stadt, Anja Holdmann und Mark Heggemann. Etwa 50 Personen nahmen an der Versammlung in der Stadthalle teil, darunter auch einige nicht stimmberechtigte Gäste. Trotz der strengen Schutzmaßnahmen erschienen nicht alle Delegierten.

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