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Junger Fleischermeister setzt auf Handwerk und Kooperation mit Landwirten vor Ort

Kurze Wege für gutes Fleisch

Lübbecke (WB). „Aus der Region – für die Region“ ist für Jörn Brinkmeier keine leere Floskel, sondern ein echter Leitsatz. Seit Anfang 2018 ist er Inhaber der traditionsreichen Fleischerei Reinköster in Blasheim. „Unseren Kunden geht es um Qualität, nicht um Quantität“, beschreibt der Jung-Unternehmer die Anforderungen an sein Geschäft. „Also bleibt das Nackensteak in der Pfanne genauso groß, wie es bei uns gekauft wurde. Es schrumpft nicht. Bei uns wird kein Wasser zugegeben.“

Peter Götz

Bei Reinköster in Blasheim: Rainer Wehdebrock (links) und Jörn Brinkmeier sind beide leidenschaftliche Befürworter handwerklicher Fleischproduktion. Foto: Peter Götz

„Heute kann ich selbst bestimmen“

Der 29-jährige Meister im Fleischerkittel weiß wovon er spricht. Sieben Jahre war er in der industriellen Fleischproduktion tätig, wo er sich, wie er sagt, nicht mehr wohl fühlte. „Das Tier war dort nur noch eine Artikelnummer, eine Preiskategorie, und fertig. Heute kann ich selbst bestimmen, wo das Tier herkommt“, sagt Brinkmeier. Seine Schweine kommen vom Meisterhof Wehdebrock, die Rinder aus dem Nachbardorf Stockhausen aus dem kleinen Betrieb der Familie Grönemeier, die schon seit 90 Jahren die Firma Reinköster beliefert, und das Geflügel kommt von Dörings aus Klosterbauerschaft. Keine weiten Wege also für die Tiere bis zur Schlachtung.

Auch Wildbret von Jägern aus den Revieren rund um Lübbecke wird gerne von Brinkmeier und seinem Team verarbeitet. Es bietet ein weites Feld für die Herstellung hochwertiger schmackhafter Spezialitäten und soll in Zukunft auch zu einem Rund-Um-Service für die hiesige Jägerschaft ausgebaut werden.

Leidenschaftlicher Bauer

Nach wie vor am beliebtesten bei deutschen Kunden sind Schweinefleisch und Wurst in vielfältigen Variationen. Auch hier geht Brinkmeier durch die Zusammenarbeit mit Rainer Wehdebrock eigene Wege und schwimmt zusammen mit dem Landwirtschaftsmeister gegen den Massengeschmack.

Für Rainer Wehdebrock aus Hollwede, der sich selbst als leidenschaftlichen Bauer in der siebten Generation bezeichnet, geht es nicht um Masse, sondern um eine möglichst umwelt- und tiergerechte Arbeitsweise. Diese ist natürlich nur im Rahmen eines kleinen Betriebs mit einer wöchentlichen Produktion von zwölf schlachtreifen Schweinen möglich. Nur so kann er den Tieren einen angemessenen Lebensraum bieten und sie weitestgehend mit selbst produziertem Futter versorgen.

Ferkel-Geburt auf Stroh

Wehdebrocks 35 Mutter-Sauen laufen auf der Wiese, die Ferkel werden auf einem Strohlager geboren und im Stall haben die Mastschweine zu jeder Zeit genügend Platz. Dabei bleiben die Schweine auch ohne den Einsatz von Antibiotika gesund und können sich auf natürliche Weise entwickeln.

Dass sich ein Hof dieser Größenordnung mit den genannten Haltungsbedingungen überhaupt noch trägt, ist nur durch Eigenvermarktung möglich. Schon seit mehr als vier Jahren arbeitet Rainer Wehdebrock unermüdlich an einem Transparenz-Konzept für die Verbraucher. Er veröffentlicht Medikamentierungen und Krankenbestände auf seiner Website und bietet mehrere Male im Jahr die Möglichkeit zu Stall- und Weidebesuchen im Rahmen seiner Hoftage an.

„Wie bei Opa“

Durch dieses Vermarktungsprinzip bleiben dem Landwirt unterm Strich 50 Cent mehr pro Kilogramm als in der herkömmlichen Fleischerzeugung. Seine Kunden, die Landschlachterei Engelke aus Nordel und eben die Fleischerei Reinköster, sind gerne bereit, dies für solch hochwertig aufgezogene Tiere auszugeben.

„Wie damals bei meinem Opa“, lobt Jörn Brinkmeier die Fleischqualität und die Haltungsbedingungen der Wehdebrock-Tiere. „Ein Unterschied, den man schmeckt.“ Durch die enge Kooperation zwischen Bauer und Fleischerei ist sogar ein genaues Finetuning möglich, um den Fettanteil der Tiere gemäß den Wünschen der Kunden zu optimieren. Zwischenzeitlich wurde ein Versuch mit Duroc-Schweinen gestartet, jedoch wieder eingestellt, weil die Tiere dieser Rasse einerseits zu fett wurden und andererseits so gut wie keinen geschmacklichen Unterschied boten.

Stressfreier Transport

Für den Geschmack und die Gesundheit der Tiere ist vor allem eine natürliche Haltung der Mutter-Sauen, ein gutes Platzangebot im Stall und der stressfreie Transport der Schlachttiere zur Schlachterei Schmidt in Diepenau wichtig, sagt Jörn Brinkmeier. Auch diesen Transport übernimmt das Fleischerei-Team. Die Mitarbeitern gehen dabei mit großer Sorgfalt vor und achten darauf, dass die Fahrt maximal 20 Minuten dauert.

Wohlgemerkt geht es weder bei Jörn Brinkmeier, noch bei Rainer Wehdebrock um Bio-Produkte, sondern um traditionelle Erzeugnisse in handwerklicher Tradition, soll heißen: auch für den „Normalverbraucher“ zu bezahlen.

Verein Back to the Roots

„Unsere Kunden fragen nicht zuerst nach dem Preis, unsere Kunden fragen: Wo kommt das Schwein her, wie ging es diesem Schwein früher?“, ist Jörn Brinkmeiers Erkenntnis aus den ersten zwei Jahren nach der Übernahme der Reinköster-Geschäfte in Blasheim und Gestringen. Die größte Herausforderung sei nicht die Fleischqualität, sondern die Bürokratie und die Nachwuchssituation. Brinkmeier kann sich noch glücklich schätzen, einen Azubi zu haben. Sorge bereitet ihm eher der Nachwuchs im Verkauf: „weil immer weniger junge Frauen den Beruf der Fleischereifachverkäuferin machen wollen“.

Er selbst ist seit mehreren Jahren Mitglied im Verein „Back to the Roots“, einer deutschlandweiten Vereinigung junger Betriebe und Menschen aus der Fleischer-Branche, die in die Fußstapfen des traditionellen Handwerks treten und ihr Augenmerk auf die regionale Produktion und den regionalen Handel in familiären Betrieben legen.

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