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Ingrid Wittenbrink schließt Donnerstagabend in Lübbecke nach 35 Jahren für immer

Letzte Einkehr im Kanal-Kiosk

Lübbecke (WB). Spaziergänger, Radfahrer, Kinder: Sie alle waren Kunden bei der »Eisfrau« an der Moorbadstraße. Vor 35 Jahren hat Ingrid Wittenbrink den kleinen Kiosk in ihrem Haus am Mittellandkanal eröffnet. Nun ist Schluss. Am morgigen Donnerstag öffnet sie ihren Kiosk zum letzten Mal.

Kai Wessel

Dienstag, kurz nach 9 Uhr: Ingrid Wittenbrink (68) »verarztet« die Wandergruppe Gehlenbeck – mit dem Kräuterlikör »Hintenhoch«. An diesem Donnerstag hat der Kiosk im Wohnhaus an der Moorbadstraße zum letzten Mal geöffnet. Foto: Kai Wessel

Dann können Spaziergänger, Radfahrer und Kinder zum letzten Mal die rote Klingel am Schaukasten nutzen. Wenn Ingrid Wittenbrink da ist – und sie war in den vergangenen 35 Jahren fast immer da – wird sie die Tür öffnen und zum letzten Mal Süßigkeiten, Getränke und Eis am Stiel verkaufen. Oder jemanden für 20 Cent auf die Toilette lassen. Danach können sich die Besucher mit Cola, Fanta, Wasser, Bier noch einmal auf die selbst gebauten Holzbänke setzen. »Sett di hen!« So lautet der Schriftzug auf einer.

Kulli-Eis und Amarena-Becher waren stets gefragt

Das kleine Pausen-Paradies zwischen Mittellandkanal und Torfmoor blickt auf eine lange Geschichte zurück. Es war im Jahr 1984, als Ingrid Wittenbrink (68), die lange als Näherin gearbeitet hat, gemeinsam mit ihrem Mann Wilfried (69) auf die Idee kam, einen Kiosk in ihrem Wohnhaus einzurichten. Sie beantragten einen Gewerbeschein bei der Stadt und das Abenteuer begann. »Zuerst war nicht viel los«, sagt Ingrid Wittenbrink. Doch als das Torfmoor und die Radwege am Mittellandkanal bekannter wurden, klingelte es immer häufiger, manchmal noch um 23 Uhr.

»Das Kulli-Eis für 80 Pfennig ging gut, der Amarena-Becher auch.« Der kostete zwei Mark und gehörte damit schon zu den hochpreisigen Artikeln. Noch heute gibt es viele Dinge, die für ein paar Cent zu haben sind, beispielsweise das extra saure Kaugummi »Center-Shock«. Ingrid Wittenbrink legte großen Wert darauf, dass auch Kinder mit kleinem Taschengeld etwas in ihrem Kiosk kaufen konnten. »Wenn Kinderaugen leuchten, war das für mich immer das Schönste.«

Das Leben mit der Klingel wurde für Ingrid Wittenbrink zur Routine. »Manchmal hatte ich gerade was auf dem Herd, dann sprang mein Mann ein.« Hochbetrieb herrschte an Wochenenden oder auch am Vatertag.

Zum Abschied gibt’s Schnaps

Am Donnerstag soll die rote Klingel das letzte Mal klingeln. Das Ehepaar Wittenbrink will sich mehr Zeit für sich selbst nehmen. Eine Weltreise werde es aber nicht: »Ich kenne doch noch gar nicht alles hier bei uns«, sagt Ingrid Wittenbrink, die sich ein E-Bike wünscht. Erstes Ziel könnte dann die neue Schachtschleuse in Minden sein, sagt ihr Ehemann. Fest steht: Ab Freitag ist der Hof wieder das, was er zuletzt vor einer halben Ewigkeit war: privat.

Das Bedauern über die Entscheidung ist groß. Am Dienstagmorgen betätigte die Wandergruppe Gehlenbeck zum letzten Mal die rote Klingel an der Moorbadstraße. Ingrid Wittenbrink verteilte an jedes Mitglied »Hintenhoch«, einen Kräuterlikör, der laut Etikett gegen Steifbeinigkeit, Gliederklappern und Arbeitsscheu hilft. »Sie war immer für uns da«, sagte einer der Wanderer. Mit den besten Wünschen für die Kioskbetreiberin zogen sie von dannen.

Eine Besucherin, die schon in ihrer Kindheit da war, gestand, dass sie den Namen der »Eisfrau« nie gekannt habe. Dennoch würde sie viele Erinnerungen mit dem Haus am Mittellandkanal verbinden. »Schade, dass es vorbei ist.«

Erinnerungen bleiben auch Ingrid Wittenbrink. Schließlich schaute sogar Prominenz wie Espelkamps Bürgermeister Heinrich Vieker samt Gattin Ulrike bei ihr vorbei. »Ich habe sogar Geschenke bekommen«, sagt Ingrid Wittenbrink. Sie zeigt auf ein Blumen-Arrangement, das sie unter die Klingel gestellt hat. Die Eisfrau dankt noch einmal allen Kunden: »Ich hab’ das immer gern gemacht, aber genug ist genug. Einmal muss Schluss sein.«

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