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Der Krankenpfleger Markus Rose (28) aus Löhne berichtet aus dem kräftezehrenden Alltag im Johannes-Wesling-Klinikum in Minden

Leises Leid auf der Corona-Intensivstation

Löhne/Minden

Markus Rose ist 28 Jahre alt. Er ist Krankenpfleger aus Leidenschaft. Aber in seinem derzeitigen Einsatzbereich erlebt er die Grenzen menschlicher Belastbarkeit. Denn auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Minden werden seit Monaten mehr Patienten „abgeholt“ statt entlassen. Vom Bestatter.

Gabriela Peschke

Der Weg zur Genesung führt durch wochenlange Isolation von Familie und Freunden, kein Trost. Endloses Warten im Takt der Beatmungsmaschinen. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Mal ehrlich: Nörgeln wir nicht alle wegen der fortdauernden Beschränkungen, die uns durch die Corona-Schutzbestimmungen auferlegt werden? Aber welchen Rang haben Unzufriedenheit über Ausgangssperre, Frisurenfrust oder Langeweile wegen geschlossener Entertainment-Angebote angesichts der eigenen Gesundheit?

In den Krankenhäusern der Region tobt das Coronavirus, und Pflegende stemmen sich mit allen medizinischen und menschlichen Kräften dagegen. Rund um die Uhr. In schweißtreibender Schutzkleidung. Aber mit aufmunterndem Lächeln auf dem Gesicht – denn mehr Kommunikation ist mit den schwerst kranken Corona-Patienten oft nicht möglich.

17 Betten hat die ehemalige Überwachungsstation, die seit Monaten für Menschen mit der Covid-Erkrankung reserviert ist. Hier liegen sie: unter durchsichtigen Beatmungsmasken, die ihnen Luft in die Lunge pressen, weil diese so geschädigt ist, dass die Erkrankten nicht mehr von allein atmen können.

Markus Rose und seine Kollegen legen diese Patienten auf den Bauch, um die Situation der Lunge zu verbessern; bis zu 16 Stunden bleibt der Patient so liegen. „Stellen Sie sich vor, Sie lägen bäuchlings und müssten durch einen Strohhalm atmen“, zieht der Krankenpfleger den Vergleich.

Markus Rose, Krankenpfleger

Soweit möglich, bekommen die stabileren Patienten Essen gereicht, andere können nur durch Sonden ernährt werden. „Oft ist es für die Patienten nur für wenige Sekunden möglich, ohne die Unterstützung zu atmen. Und obwohl das Tragen so einer Maske fürchterlich unangenehm ist, drücken sie sich die Patienten in ihrer Not freiwillig wieder ins Gesicht“, schildert der Krankenpfleger das Leiden der Betroffenen. Der Großteil der Covid-Patienten auf der Intensivstation sei jenseits der Lebensmitte, sagt Rose. „Aber wir hatten auch schon eine 28-jährige Patientin“, erzählt er. Sie sei glücklicherweise im Herbst entlassen worden – gesund. Eine „Sternstunde“, nennt Markus Rose das Ereignis.

Doch der Weg bis dahin ist weit. Und er führt durch geißelnde Einsamkeit bei den Betroffenen: wochenlange Isolation von Familie und Freunden, kein Trost. Endloses Warten im Takt der Beatmungsmaschinen. Ein stilles Leid – für die Patienten, aber auch für Pflegende.

Eine minuziöse Diagnostik begleitet den Alltag auf der Intensivstation, darunter bildgebende Verfahren zur Überprüfung des Krankheitsverlaufs und engmaschige Sauerstoff- und Kohlendioxid-Kontrollen in der Blutgasanalyse. „Wo es geht, mobilisieren wir die Patienten zusätzlich“, erläutert der Krankenpfleger. Das bedeutet: Sie werden in einen Stuhl gesetzt, damit die Lungenbereiche anders belüftet werden können. Mehr „Abwechslung“ gibt es nicht in diesem Isolationsbereich an der Grenze zwischen Leben und Tod.

Fragt man den aus Löhne stammenden Krankenpfleger, wie er diesen Alltag meistert, im Dreischicht-Turnus, Woche für Woche, so klingt in seiner Antwort ein tiefes Bekenntnis zum gewählten Beruf durch. Eine Leidenschaft für den Dienst am Menschen, die Markus Rose durch ein Praktikum in einer Senioreneinrichtung für sich erkannt hat, bevor er vor gut zehn Jahren zur Krankenpflege kam. Seit 2015 arbeitet er im Johannes-Wesling-Klinikum Minden und hat dort seitdem vielen Patienten auf dem Weg zur Genesung helfen können. „Ein gutes Gefühl“, sagt er zufrieden. Manchmal komme sogar eine Karte zum Dank, auch von Angehörigen.

Auf der Intensivstation ist das derzeit noch anders. Hier versucht der Pfleger manchmal, ein Telefongespräch zwischen Patient und Angehörigen zu ermöglichen, da es vielleicht das letzte Gespräch sein könnte – bevor der Beatmungsschlauch gelegt wird und der Erkrankte nicht mehr sprechen kann. „Hart“ sei das, sagt Markus Rose. Aber er liebt seinen Beruf – trotz der psychischen Belastungen. Er hofft, dass die Impfung bald Erleichterung bringt. Doch so lange sollten die Menschen einfach vorsichtig sein, um weitere Erkrankungen zu vermeiden, ist seine bescheidene Bitte.

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